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Text: Janko Röttgers aus De:Bug 32

/medien Schluss mit Menscheln Konr@d ist von uns gegangen. De:Bug kondoliert. BILDUNTERSCHRIFT: Ein Club alter Herren: Die Konr@d Crew noch stolz in den ersten Tagen des Erscheinens ACHTUNG: DAS DA OBEN ALS BU VERWENDEN. Deutsche Nullen, deutsche Einsen Statt Antworten gab es bei Konr@d nur gepflegte Langeweile. Zu Beginn soll Gruner & Jahr-Chef Werner Funk, der einen aus dem funky “readme” genannten Editorial angrinste, ja noch höchstpersönlich seine Finger im Spiel gehabt haben. Der Mensch in der digitalen Welt, kurz vor dem Ruhestand. Dementsprechend die Themen der ersten Ausgaben: “Ein Dorf am Netz”, “Senioren entdecken den Cyberspace”, ebenso “Deutschlands Modelleisenbahner” und “Deutschlands Tierfreunde”. Ausserdem gabs “deutsche Multimediamacher in New York” und “deutsche Hacker”, die sich von Konr@d beim deutschen Hacken über die Schulter gucken liessen. Natürlich geben deutsche Senioren nicht unbedingt die besten Fotomotive ab. Also musste nach guter alter Stern-Manier auch ordentlich Sex ins Heft. Reportagen über die Cybersexindustrie etwa. Oder auch die seltsame These, eigentlich sei Sex der größte Motor des Fortschritts. Liess sich alles prima illustrieren, zum Beispiel mit Naomi Campbell als Cyborg. Mit der Zeit und ohne Funk wurde Konr@d moderner, entdeckte den Pop und die weite Welt, den Infowar, Silicon Valley, Hollywood. Weil bei all dem Glam jedoch der Mensch nicht vergessen werden durfte (genau, der in der digitalen Welt), besass Konr@d auch immer ein Herz für den Verbraucher. Den Linkverbraucher, den Geldverbraucher, den Online-Shopper. Bei Konr@d bekam er nicht nur Infos im Serviceteil, sondern auch noch das passende Image des Infoeliten-Einzelkämpfers dazugeliefert. So setzte man vor knapp zwei Jahren einen Redakteur 100 Stunden in der Einöde aus, nur per Netz verbunden mit der Aussenwelt. 100 Stunden Surfen, Pizzataxis, Einsamkeit. Das hat Identifikationswert für den modernen Scheinselbständigen, ist aber ausgesprochen langweilig zu lesen. Wie öffentlich-rechtliches Fernsehen Diese Langeweile ist Konr@d nie ganz losgeworden. Selbst jemand wie Ex-Tempo-Kolumnist Peter Glaser, der unter anderen Bedingungen sicher das Zeug zum Max Goldt des Internets gehabt hätte, wirkte hier blass und grau. Als dann die neuen Netzzeitschriften a la Tomorrow und Co. auf den Markt kamen, war klar, dass sich das dahindümpelnde Magazin nicht mehr lange halten würde. Im Vergleich zu den Newcomern wirkte Konr@d wie öffentlich-rechtliches Fernsehen, dass sich an den Themen und Formaten der Privaten versucht. Technik mit menschlichem Antlitz, Verbraucherberatung mit ein paar eCommerce-Visionen, Sex mit einer Prise Kulturkritik. ”Hauptsache Sex” liess der Titel der vorletzten Ausgabe wissen, es wirkte fast wie eine Drohung. Hauptsache Busen aufs Titelblatt, das Thema war dann schon fast wieder egal, aber eben auch nur fast: Weil der weltläufige und intellektuelle Anstrich, die Vision vom Menschen in der digitalen Welt ja irgendwo herkommen musste, grub man die alte These vom Trieb als Motor der Technik noch einmal aus. Was sie nicht weniger befremdlich wirken liess als in der ersten Ausgabe. Derart Wiedergekäutes will aber niemand lesen. Die Auflage war längst im Keller, auch die heraufbeschworene Info-elitäre Käuferschicht griff lieber zu Tomorrow oder Online Tod@y. Und das mit recht: Sex, Shopping, Bookmarks – all das gibt es dort auch. Nur eben sehr viel ehrlicher.

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Elektronische Lebensaspekte.