Im hohen Norden Europas ist der HipHop wieder in den 90ern angekommen. Auf Kool Kat zählt der Groove alter Maschinen mehr als der Hustle der Moderne. Lang lebe die Freundschaft, lang lebe die Geschichte.
Text: Ekrem Aydin aus De:Bug 107

HipHop

Ausgrabungen mit der 808
Kool Kat Records aus Finnland

Ein berühmter Restaurateur sagte einmal: “Nichts ist so der Mode unterworfen wie der Stein. Wenn ein Stein Mode ist, wird der gebrochen und verarbeitet, wenn die Mode out ist, werden die Steinbrüche zugeschüttet.“ In der Folge wird es mit den Jahren immer schwieriger, die spezielle Substanz zu bekommen. In der Musik verhält es sich nicht anders. Im Laufe der Zeit sind immer wieder kreative Steinbrüche zugeschüttet und neue erschlossen worden. Spätestens wenn sich ein Hörer in einem bestimmten musikalischen Bereich wiederfindet, entsteht der Wunsch, ständig aus diesem Fundus zu schöpfen. Schnell stellt sich die Frage, ob wir gezwungen sind, uns ständig den neuen Gegebenheiten anzupassen, oder ob wir selbst diese Gegebenheiten durch konstante Auslese bestimmen können.

In Finnland, genauer Helsinki, hat man auf solche Grundsatzfragen auch keine Antwort gefunden. Die Stadt ist berühmt für ihren architektonischen Klassizismus und liefert somit die Vorlage für Pasi Palonen. Besser bekannt als Kool Ski, orientiert er sich in seiner Produzentenarbeit sowie als Labelchef stark am druckvollen HipHop-Sound der frühen Neunziger. Sein Label Kool Kat Records (Nicht zu verwechseln mit dem spätestens durch Model 500 bekannt gewordenen Label Label Kool Kat Music) kann – um eingangs erwähnte Analogie fortzuführen – als ein wieder erweckter Steinbruch betrachtet werden. Das Portfolio an Veröffentlichungen des noch jungen Labels ist durchzogen von der klassischen Produzierweise: ein Sample, meist als Loop, kombiniert mit dreckigen Sounds in bester 808-Manier. Während sich die meisten der Produzentenzunft schon seit Jahren beim Entwerfen von Tracks mit zu Standard avancierter Technik auf Notebooks verlassen, wird bei Kool Kat mit klassischem Werkzeug wie der SP 1200 oder einer MPC bewährter Minimalismus gepflegt.

Helsinki teilt sich den gleichen Breitengrad mit Grönland und Alaska. Daher ist es die meiste Zeit des Jahres so kalt, dass man sich lieber daheim verbarrikadiert oder dick eingepackt dem entspannten Eisangeln widmet. Zugegeben, das Bild von Beatfanatikern um ein Eisloch stellt eine herrliche Abwechslung zu dem seit Jahren immer wieder auf die amerikanische Szene bemühten Bild von MCs um ein brennendes Ölfass dar. Für Staffro, Flam und Jake The Brake, die zusammen das Produzententrio Recluse Crew bilden, ist die durch überhitztes Aufnahme-Equipment entstandene Studiowärme jedoch verlockender. Zusammen mit Synoptic Pressure aus Minneapolis haben sie das Album “The Art Of Raw Sound“ aufgenommen. Der Name ist Programm, dreckige Drum-Breaks treffen auf butterweiche Samples und steigen gemeinsam auf zu neuen Sphären. Bereits Anfang des Jahres wurde das Album erfolgreich in Japan veröffentlicht und wird jetzt dem Rest der Welt angeboten.

Gleichzeitig verkörpert Staffro gemeinsam mit Kool Ski die Kollabo Brothers. Deren Album “For My Peoples“ ist eine einzige Hommage an den Sound des “Golden Age“. Um diesen Sound zu kreieren, bedienen sie sich völlig unverfroren der Produktionstechniken von Marley Marl über Pete Rock und DJ Premier bis hin zu Madlib und J. Dilla und halten es dabei “fresh“, ohne nach Kopie zu klingen. Gemeinsam mit einem ungewöhnlichen Mix von US-Gästen pflegen sie einen Sound, der Fans der Jeep Beats das Herz ähnlich höher schlagen lässt wie Rare-Groove-Fanatikern die Entdeckung “neuer“ Library-Sounds. Nicht jeder weiß, wo solche Steinbrüche liegen. Bei Kool Kat gibt es jedoch gleich zwei Teams, die daraus kostbaren Rohstoff fördern.

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Elektronische Lebensaspekte.