Den kommerziellen Erwartungen widerstehen: trotz Charterfolgen in Benelux für die Bristoler Drum and Bass Formation Kosheen ein Leichtes. Denn Decoder, Substance und Sängerin Sian sind Meister der geographisch begründeten Euphoriebremse.
Text: heike lüken | HeikeLueken@web.de aus De:Bug 52

Drum and Bass

Drum and Bass vertreibt Britney Spears
Kosheen

Nach ihrem Top Ten Hit mit “Hide U” in den Niederlanden, Platz eins der Charts in Belgien (Was diese Länder nebenbei auszeichnet; oder wann hat Drum and Bass in Deutschland Britney und die “No Angels” von der Eins vertrieben?), kommt jetzt das Album des Trios aus Bristol. “Resist” widersteht in fast 70 Minuten der Versuchung, reinster Drum and Bass im Stil der bisherigen Single-Auskopplungen (“Catch” und “Slip & Slide Suicide”) zu sein. Stattdessen unternimmt es Ausflüge ins Kaffeehausmidtempo über Industrieflächen zu Beats, die eher im HipHop angesiedelt sind, zurück zu Breakbeat in variablen Spielarten, mal technoider, mal klassisch, mal anders. Eben Sachen, die Darren Beale aka Decoder und Mark Morrison aka Substance schon immer mal machen wollten, auch wenn die beiden bis dato in ihren Produktionen nicht gerade durch den überschwenglichen Gebrauch von Vocals aufgefallen sind. Über dem Ganzen liegt die Stimme von Sian Evans und klingt nach dem musikalisch abwechslungsreichen Leben, das sie bis jetzt außerhalb der Jungle-Gemeinde führte.

1998 macht sich Sian auf den Weg aus dem beschaulichen Wales, wo sie bereits in verschiedenen Bands gesungen, in Baumhäusern gelebt, mit einem Pferdewagen rumgereist ist, in die Breakbeat-Metropole Bristol und gesellt sich auf
die “Roughneck Ting”-Parties von Substance und Decoder, wo sie die beiden alsbald trifft. Nach einem kurzen Studiointermezzo steht das erste Stück, und die drei beschließen, ab jetzt eine Band zu sein und Drum and Bass-Liebhabern etwas zum Mitsummen zu geben. Für die erste Single findet sich ein kleines Independent Label in London, Moksha, für das Album fast drei Jahre später schon ein etwas größeres Label. Ob es bei “Hide U” als Hit bleiben wird, oder ob sich mit “Resist” nicht nur der Siegeszug in den vocallastigen Drum and Bass fortführen lässt, wird sich bald zeigen. Im Interview mit Decoder stellte sich schon mal heraus, dass jedem Höhenflug aufgrund des Erfolges widerstanden wird – ganz einfach, indem man weiter in Bristol seiner Wege geht:

De:Bug: Nach den Chartserfolgen und jeder Menge Zuspruch übers Radio in England und zwei Preisen bei den Drum and Bass Awards im Februar – hat sich euer Leben verändert?
Decoder: Als die Single in Holland und Belgien sehr erfolgreich war, haben wir davon gar nichts richtig mitgekriegt, weil wir in Bristol wohnen. Man ist nicht von Leuten umgeben, die viel Radio hören. Nachdem die Single zwei Monate auf Platz eins war, sind wir rübergefahren und haben gemerkt, dass immer mehr Leute auf die Parties kamen und die Venues immer größer wurden. Immer wenn das “Hide U”-Intro kam, kannten die Leute es verrückter Weise schon. Das hat mich aber weiter nicht verändert. Wenn das Stück viel im Radio gespielt wird, finde ich das gut. Manche Leute drehen bei so was durch, das weiß ich auch. Sie fühlen sich größer als sie sind. Aber am Ende des Tages…
Wenn ich nicht noch eine Single kriege, die so erfolgreich wird, bin ich in sechs Monaten wieder am Anfang (lacht). Man muss den Kopf auf den Schultern behalten und weiterarbeiten. Don’t get carried away by the vibe.
De:Bug: Die Majors haben nach “Hide U” aber schon um euch geworben?
Decoder: Es gab drei oder vier Majors, die interessiert waren. Wir haben uns für BMG entschieden, die hatten uns den besten Vertrag angeboten. Es war eine gute Zeit zu unterschreiben, wir hatten das Album schon fertig. Und BMG wusste, was zu erwarten war und stand dahinter. So wollten wir es. Ich hätte nicht bei einem Major unterschrieben, wenn sie das Album nicht vorher gehört hätten, weil ich nicht wollte, dass einem eine Menge Geld gegeben und dann diktiert wird, was für Musik sie von dir wollen.
De:Bug: Kannst du dir den Erfolg von “Hide U” erklären?
Decoder: Keine Ahnung. Wenn ich das wüsste, würde ich noch so einen Track machen. “Hide U” ist ein massiver Track. Ich glaube, man braucht Stücke wie dieses, damit die Leute vielleicht auch mal sagen: ‘Ich mochte nie Drum and Bass mit Vocals, aber die haben es anders gemacht!’ Das inspiriert sie. Genauso wie es mich inspiriert, wenn ich andere Sachen höre und denke, dass es funktioniert. Also probiert man Sachen aus. Das Album ist auch kein reines Drum and Bass-Album, das hätte mich gelangweilt. Ich liebe so viele verschiedene Musikstile. Und wenn es viele verschiedene Sachen gibt, die man gerne hört, setzt man sich hin und schmeißt sie mit auf sein Album, oder? Das ist alles, was wir gemacht haben. Sian hat ihre Inspirationen und Künstler, die sie mag, genau so wie Markee und ich. Und da wir eine Band sind, kommen diese Einflüsse auch wieder heraus. Deswegen gibt es auf dem Album Drum and Bass, midtempo Breakstuff und wirklich langsame atmosphärische Sachen.
De:Bug: Ihr habt diesen Sommer auf vielen Festivals gespielt, und es stehen noch ein paar an. Wie haben die Leute dort auf euch reagiert? War es eher Konzert oder Club?
Decoder: Beides. Wir haben ein paar langsame Stücke in unserem Set, also fahren wir etwas runter, und dann geht es mit Drum and Bass weiter. The whole Set is up and down. Aber so viele verschiedene Vibes hat ja auch das Album. Die Abwechslung bei den Liveauftritten repräsentiert also ganz gut dessen Stil.
De:Bug: Habt ihr jetzt mit einer ganzen Band gespielt?
Decoder: Ja. Ich spiele Bass, wir haben einen Drummer, Mitch, Wayne spielt Cello, natürlich Sian, die singt, und Markee spielt Gitarre und Keyboards. Und wir haben DJ Fellony an den Plattenspielern. In Clubs gibt es das Kosheen-Soundsystem. Das machen wir aber nicht mehr so oft; wir wollen Kosheen als ein Live-Projekt behalten.

De:Bug: Bei Projekten wie “Reprazent” oder “Break Beat Era” hat man das Gefühl, dass sie die größeren Zuschauerzahlen suchen, obwohl sie genau so auf Drum and Bass als Underground-Ding beharren. Das ist schon ein bisschen obskur, dieses “Wir wollen Drum and Bass in die Welt bringen…
Decoder: …, aber wenn es jeder hört, hören wir damit auf.” Damit beißt man sich ja selbst in den Schwanz. Das ist lächerlich. Ich bin auf keiner göttlichen Mission, Drum and Bass zur weltbesten Musik zu machen. Das überlasse ich den anderen (lacht).
Drum and Bass wird immer Underground sein. Warum versucht jeder, es so aufzublasen? Es wird nie so groß werden, weil es vor allen Dingen zu schnell ist! Dadurch schreckt es viele Leute ab.

Decoder: Außerdem ist es Jungens-Musik. Wenn es aber keine Frauen auf der Party gibt, wollen die Männer doch manchmal gar nicht kommen. Deshalb ist es vielleicht eine gute Idee, ein paar mehr Mädchen in den Drum and Bass zurückzubringen.
De:Bug: Da habt ihr also schon mal mit Sian angefangen?
Decoder: Ja, ich muss zugegeben, dass es jetzt mehr Frauen auf unseren Parties gibt. Und das ist cool. Es ist nicht nur Musik für eine männliche Zuhörerschaft.
De:Bug: Es gibt Produzenten in der Szene, die der Meinung sind, dass Drum and Bass gesampelte Musik ist und man es gar nicht live und als Band auf die Bühne bringen kann.
Decoder: Ich verstehe, was sie meinen, aber wir versuchen, die beiden Seiten zu mixen, wenn wir live spielen, anstatt es ganz unelektronisch zu machen. Also bekommt man den Geschmack beider Welten.
Ich liebe es aufzutreten. Und wenn die Leute Sian singen hören, verbindet sie das. Sich eine Band live anzusehen, zieht einen schon an. Ich glaube, das ist cooler, als den ganzen Abend einen DJ beim Plattenauflegen zu beobachten. Sieh dir Bristol an, hier gibt es jede Menge Bands. Ich glaube es ist wichtig, so was auszuprobieren und den Leuten etwas anderes zu zeigen.
De:Bug: Und die Vergleiche zu anderen Projekten wie “Reprazent”? Gab es schon so viele, dass es nervig wurde?
Decoder: Ein paar Vergleiche gab es schon. Wenn die Leute aber das Album hören, werden sie diese Vergleiche nicht mehr machen können. Wenn man anfängt, wird man immer verglichen, vor allem, wenn man aus Bristol kommt. Aber am Ende zählt, ob es ein gutes Album ist. We just got to wait and see.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.