Klaus Kotai, ein Drittel des Berliner "Elektro Music Department", hat auf WMF Records sein erstes Album "Kotai" veröffentlicht, das ruppige Old-School-In your Face-Tugenden mit Agit-Poesie-Gesang zu einem düster-energetischen Technomonolithen verdichtet. Das Blues-Subjekt und das Techno-Unsubjekt ringen bei Klaus Kotai zwischen den Themen "schwuler Jesus", "Mut zum Selbst im Gesang" und "52-Bomber über unserem friedlichen Techno-Vorgarten" miteinander. Ein Freestyle-Rap zu einer exemplarischen Biografie immer an der Front von New Wave bis Minimaltechno, die sich auf keinem "retro" ausruht.
Text: alexis waltz, aljoscha weskott aus De:Bug 58

Kotai ungefiltert, der Original Soundtrack:
THE CALL
Aus Konzerten und Auflegen entwickelte ich eine persönliche Set-Form. Eigenes Material von DAT wurde assoziativ ergänzt. Das habe ich zu einem Set konzentriert mit nurmehr Gesang und nurmehr eigenen Nummern. Ich habe nicht immer von vornherein eigene Texte entwickelt. Bei “The Call” etwa nahm ich von „Little Doll” von den Stooges. Ich habe spontan Stegreif-Nummern gesungen, in diesem Fall eine Coverversion. Es war ein Stooges-Medley mit “Little Doll”, “Ann” und “1969”. Weil es mir gefallen hat, habe ich Little Doll gelassen und verwandelte “Little Doll” in “Oh My Lord”, weil die Art zu singen etwas Gospelartiges hatte. Ich fand es sehr lustig, sich im Gespräch mit Gott, Gott zigarettenrauchend vorzustellen. Dazu das Moment, das Gott zur Queen wird.
Wenn man die Stooges-Nummer erkennt, ist mein persönlicher Bezug klar. Wenn man sie nicht kennt, ist es ein stranger Text. Es ist kein Statement über die Kirche, wenn jemand sagt “Oh My Lord I won‘t forget, smoking on a Cigarette”, dieses Bild reicht mir schon. Das ist super abgefahren. Wenn man jetzt konkret weiter denkt: Hat der eine Erscheinung gehabt, wo er Zigaretten raucht? Warum soll Jesus keine Zigarette rauchen? Wenn der jetzt kommt und sagt, soll ich dir helfen, mein Sohn, warum sollte er dann nicht eine Rauchen? Und wenn jetzt einer homosexuell wäre und Jesus gefällt ihm, natürlich funkt‘s dann, warum nicht? Ich weiß nicht, wie Jesus das blocken sollte. Macht er sich dann hässlich? Er ist kein Gay-Typ, aber stinkend? Wenn man sich es konkret vorstellt, wenn er vor dir steht, spielt es schon eine Rolle, ob er schmutzige Fingernägel hat oder Mundgeruch. Wenn man jetzt aufs Klo geht und neben ihm steht, kann man dann nicht? Ist es ein Typ wie jeder andere? Man hat tausende Gedanken, wenn man sich das vorstellt: wie wär das? Hätte man diese Gedanken nicht? Weil er der Erlöser ist: Der hat keine bösen Gedanken, der schaut mir nicht auf den Schwanz. Das ist ihm egal. Der braucht nicht angeben, dass er schon mit tausend Frauen geschlafen hat. Das kann man wieder transformieren auf jemanden, den man gerne als Freund hätte. So gesehen ist Jesus eine Figur wie jede andere. Über irgendwelche Figuren auf der Straße oder im Nachtleben würde ich nicht so singen, das wäre Alltagsdokumentarismus, wie das Lou Reed macht: “Ich habe einen Typen gesehen, der ist schwul”, oder keine Ahnung. Diese Art der Beobachtung funktioniert nicht mehr. Wenn er jetzt aus dem Fenster schaut und einen Typen sieht, kann er über den keinen Song mehr schreiben. Er ist nicht der Poet von New York, er konnte es nur im Zusammenhang mit der Szene sein. Er beobachtet eine Messerstecherei und schreibt einen Song, eiskalt dokumentarisch, nie wertend. Das geht jetzt nicht mehr.

1976-88

Für mich als Jungendlichen gabs Disco, Afterhour-Partys, Schwulendisco. Dort war alles okay, was funktionierte – Bee Gees, Amanda Lear, Supermax. Schwarze Tanzmusik war nie wichtig. Als Punk, New Wave passierte, hatte ich schon ein wesentlich distanzierteres Verhältnis zur Musik, man stand in weißgestrichenen Bars. Die Ramones über die Cars bis zu Jesus and the Mary Chain war aber trotzdem wichtig. Danach gab es eine musikalische Auszeit. Ich wurde Cineast, habe mir alle Filme angesehen, davon ist schon einiges übrig geblieben: unter anderen Jean-Pierre Melville, Jean-Luc Godard, William Friedkin. Als ich nach München zog, ging es wieder um Musik. Ich war Teil des Umfelds um das Fanzine “59 to 1” und spielte Bass bei Tokio Schwanstein. Die Bands, die damals wichtig waren: (Nick Caves) Bad Seeds, (die Einstürzenden) Neubauten, The Fall, also ziemliche Kaliber. Wer durchsteht alle Prüfungen? Es wurde eine finale Radikalität angestrebt, man wollte sich als Genie sehen, dem alles erlaubt ist. Dann kam HipHop, Eric B. & Rakim, England mit Soul II Soul oder Coldcut. Um 1990 war ich öfter in London, hörte Fantasy FM, dann Dance Music wie Exorcist und Vinyl Solution. Dann “Techno – The New Dance Sound From Detroit”. Das wars für mich. Das ist Musik mit Rhythmus, Atmosphären, Vocals, da ist alles drinnen und alles möglich. Auch die Identität spielte keine Rolle mehr.

Gesangs- und Körperpflege
Die Musik um Gesang erweitern. Man muss mit der Sängeridentität, mit der man konfrontiert wird, leben können. Man darf kein Problem damit haben, sich zu hören und in eine Rolle zu schlüpfen. Deutsch singen war für mich nie ein Thema. Also hat das Singen etwas Künstliches, das macht es zugleich einfacher und komplizierter. Es gibt Akzentprobleme, Fremdsprachenprobleme, welche Worte kann ich gut singen, sogar welche Vokale, welche Wendungen? Gibt’s eine zeitgenössische Form jenseits von Strophe und Refrain und Worten und Samples? Jeder Text hat eine Konsequenz oder eine Logik, wie er vorkommen kann. Der Text kann montagenhaft, collagenartig, assoziativ und inhaltlich abweichend lautmalerisch manipuliert werden. Wenn ein Wort nicht singbar ist, steht es nur im Booklet. Gedankenzusammenhänge kommen auszugsweise vor. Die Folge von Geschichte und Resultat, die in Strophe und Refrain immer wieder vorkommt, gibt es nicht. Wie oft muss ein Pop-Song gesungen werden, bis er stimmt, und wie oft kann ihn der Sänger überhaupt gefühlvoll wiederholen? Manche Wiederholungen und Phrasierungen sind aus dem Freestyle-Gesang entstanden, wo es keine fixe Vorgabe gibt. Durch das Stück drängt sich eine Melodie auf, dann fragt man, wie phrasiert man es? Oft wird Lautstärke durch Kompressoren auf dem gleichen Level gehalten, meine Stimme taucht weg, und gerade die Momente, die zwischen Freestyle und Effektbearbeitung entstehen, finde ich spannend. Umgekehrt wirken die Effekte erst bei langen Passagen, die über ein verfremdetes Vocalsample hinausgehen. Einige Texte entstehen, wenn die Musik läuft und wenn ich vor Leuten bin.

Bei dem Track “BA3 BREATHING” ging es darum, sich eine vordergründig sinnliche Erfahrung in einer Kriegs-Situation vorzustellen: THERE IS SOMETHING IN THE AIR HIGH UP IN THE SKY – B 52. Von einem alltäglichen Wohlbefinden auszugehen und sich zu fragen, wie ein Vater die Frage des Kindes beantworten kann, was da am Himmel fliege, wenn das kein Vogel ist, sondern ein Bomber, der einem Bomben auf den Kopf schmeißt. THINGS YOU LOVE YOU CLEAN: Es scheint um Intimität, Körperpflege, Wertschätzung zu gehen, Tatsache ist, dass einige Leute ihre Vorgärten von Minen reinigen müssen. Das Politische soll in einer solchen intimen Idylle gedacht werden und nicht als kritische Sendung im Anschluss daran. Es geht darum, den persönlichen Zusammenhang zu suchen und zu überlegen: Was kann ich bewirken? Und wenn man keine Möglichkeit findet: Dann weitersuchen.

FIN

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Elektronische Lebensaspekte.