Das Künstlerkollektiv “Kourtrajmé” dreht seit zehn Jahren Kurzfilme aus dem Geist der Pariser HipHop-Szene. Jetzt kommt in Zusammenarbeit mit Mehdi die zweite DVD heraus.
Text: Magali Girault aus De:Bug 93

Spliffs und Filme drehen
Kourtrajmé

Kourtrajmé: ein Wort, das für deutsche Ohren völlig fremd klingt, obwohl es aus dem nächsten Nachbarland stammt. Klar – es ist kein Hochfranzösisch, sondern “Verlan“ – ein Slang, der in den Banlieues geprägt wurde, inzwischen aber von jedem Jugendlichen und auch Älteren gesprochen wird und natürlich auch von HipHopern. Dahinter steckt das Wort “court métrage“, also Kurzfilm. Seit mittlerweile zehn Jahren sorgt ein Künstlerkollektiv dieses Namens für Unruhe, Frische und Originalität in der französischen Kinowelt.

Angefangen hat es 1995 mit einem von zwei Freunden gedrehten Amateurfilm: “Paradoxe perdu“. Obwohl die beiden zu dieser Zeit noch auf dem Gymnasium waren, war Film für sie keine fremde Welt, sondern fast ihr Alltag. Romain Gavras, Sohn des berühmten Regisseurs Costa-Gavras, und Kim Chapiron, Sohn von Kiki Picasso, sind in einer künstlerischen Umgebung großgeworden. Als sich den jungen Regisseuren dann Toumani Sangaré anschloss, ging es mit Kourtrajmé los. Obwohl ihre Filme am Anfang nur im Internet verfügbar waren, haben sie sich nach und nach einen Namen gemacht, auch in der geschlossenen traditionsreichen französischen Kinowelt: 2002 wurden sie vom großen Filmemacher Chris Marker sogar als die viel versprechendsten Vertreter einer “neuen“ Nouvelle Vague bezeichnet.

2002 wurde dann auch das Jahr, in dem sie ihre erste DVD rausbrachten: “Seigneur, ne leur pardonnez pas, car ils savent ce qu’ils font“ (“Verzeih ihnen nicht, Herr, denn sie wissen, was sie tun). Fast sechs Stunden an Kurzfilmen, die alle den inzwischen erkennbar gewordenen “Kourtrajmé-Stil“ haben: drehen mit Videokameras, Weitwinkelaufnahmen, heftige Farben, viele Großaufnahmen … Mit dieser DVD hat Kourtrajmé auch sein “Manifest“ vorgelegt, dessen erster Artikel lautet: “Ich schwöre, kein richtiges Drehbuch zu schreiben.“ Es sind also Filme ohne richtige Geschichte, ohne Anfang und Ende. Kim Chapiron und Romain Gavras lassen sich von allem Möglichen (meistens von ihren Freunden) inspirieren und machen dann verrückte Filme, in denen es häufig eine zentrale Hauptfigur gibt, der die Kamera während der krassesten Abenteuer folgt – meistens in Paris, aber auch in New York.

Ohne Drehbuch, mit Gorilla

Neben diesen Kurzfilmen sind auch von Kourtrajmé gedrehte HipHop-Videos auf der DVD von Oxmo Puccino, Rocé oder TTC (deren MC Tekilatex übrigens in vielen Kourtrajmé-Produktionen mitspielt) zu finden.
Generell spielt in den Fiktionen der Pariser Clique Musik eine wichtige Rolle – meistens HipHop. Obwohl seine Filme von der HipHop-Kultur (von Breakdance bis Graffiti) geprägt sind, betont Romain Gavras, dass Kourtrajmé keine “HipHop-Filme“ macht. Zwar seien sie mit dieser Musik aufgewachsen und hätten alle mehr oder weniger mit der HipHop-Szene zu tun, fänden ihre Einflüsse und Inspiration aber überall und bei jedem: “Wenn du Filme machen willst, musst du dich von vielen Stimmungen, verschiedenen Stilen, Kulturen und Menschen erfüllen und beeinflussen lassen. Wenn du dich auf das HipHop-Milieu beschränkst, drehst du dich im Kreis, und wenn du dich nur darin entwickelst, erreichst du schließlich nichts und alles bleibt unschöpferisch.“

Kourtrajmé besteht mittlerweile aus mehr als 130 Leuten, Schauspielern, aber auch Anstreichern, Technikern oder Arbeitslosen, die einfach gemeinsam Spaß haben – eine große Familie, in der jeder seine Ideen einbringt – oder sein Gorillakostüm (fast in jedem Film ist ein Gorilla zu sehen, nur weil ein Freund von Kim und Romain ein solches Kostüm hatte): “Nur wenn wir alle zusammen sind, wird es magisch. Nur in den gemeinsamen Momenten fühlen wir uns wirklich gut und haben den Eindruck, gute Sachen zu machen“, erklärt Romain Gavras.
Vor ein paar Tagen ist in Frankreich nun die zweite DVD mit dem Titel “Des friandises pour la bouche“ rausgekommen – ein gemeinsames Projekt mit Mehdi, einem der bekanntesten französischen HipHop-DJs. Mehdi hat dabei für einen Kurzfilm die Musik gemacht, eine stimmige Mischung aus HipHop, Pop, Soul und Funk.

Eigentlich ist es unglaublich, wie schnell Kourtrajmé bekannt und anerkannt wurde, und das ohne echte Produktion und Vertrieb. Zu einem Teil hat dieser Erfolg wohl auch damit zu tun, dass zu den Freunden und Unterstützern des Teams auch inzwischen berühmt gewordene Leute zählen: Schon in den ersten Kourtrajmé-Produktionen sind Vincent Cassel (La Haine) und Mathieu Kassovitz (Amélie) zu sehen, die das Projekt von Anfang an unterstützten.
Nächstes Jahr kommt mit “Sheitan“ nun der erste Spielfilm Kim Chapirons raus, der von Vincent Cassels Produktionsfirma produziert wird, der zugleich die Hauptrolle spielt. Auch Romain Gavras arbeitet gerade an seinem Debüt im Spielfilmbereich. Natürlich stellt sich die Frage, ob das das Ende von Kourtrajmé bedeutet oder ob nicht zumindest ein neuer Name gefunden werden muss? “Ich sehe nicht, wie Kourtrajmé verschwinden könnte. Es sind Sachen in ihrem Ganzen, die Kourtrajmé ausmachen, es sind nicht nur Toumani, Kim oder ich. Selbst wenn wir uns trennen, wird Kourtrajmé weiter existieren“, meint Gavras. Solange die Crew beim Filmemachen noch so viel Spaß hat wie heute und ihre Energie in vergleichbarer Weise rüberkommt, bleibt das zu hoffen. Kourtrajmé ist in zehn Jahren ein riesiges Projekt geworden, das mit jedem Film größer wird, jetzt gibt es sogar Kourtrajmé-Africa, denn Toumani Sangaré hat das Konzept nach Mali exportiert. Man darf gespannt sein, wie sich alles mit einer richtigen Produktion, vor allem also mit mehr Geld und besserem Material, weiterentwickelt.

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Elektronische Lebensaspekte.