Ohne die Stimme von Argenis Brito wäre das Projekt Senor Coconut nicht denkbar. Aber Brito arbeitet nicht nur mit Atom Heart zusammen, sondern auch mit Jay Haze, Luciano oder Pier Bucci. Und auch mit seinen Solo-Produktionen bringt er eleganten Charme in die Minimal-Welt.Früher, ganz früher mal, war er allerdings Boy-Group-Star in Venezuela.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 103

Argenis Brito war am Ende. Schwer zu sagen, wann diese Leere in seinem Kopf einsetzte, aber es war wohl die Tour durch Mexiko, die ihm den Rest gab. Konzerte in 48 Städten hatten sie absolviert. Innerhalb von 54 Tagen. Abends lag Brito in übergroßen Hotelbetten, in seinen Gehörgängen piepte es und er spürte seine Beine kaum, nein, er mochte nicht mehr auf die anschließenden Empfänge gehen, auch nicht mit diesem Mädchen, das sich seine Freundin nannte. Er konnte dem Privatlehrer nur noch schwerlich folgen, wenn der ihm in den raren Pausen Formeln und Gedichte vorlegte, ertragen konnte er ihn längst nicht mehr. Das Management hatte zu allem Überfluss seine Eltern informiert: die Drogen. Es war, als erwachte Brito aus einem Traum, der nie seiner gewesen war. Überhaupt hätte er nicht mehr sagen können, wer er eigentlich war und was er hier machte, also stieg Argenis Brito aus, gemeinsam mit jenen drei Bandkollegen, die er noch als seine Freunde bezeichnen mochte. So schließt die Geschichte von “Los Chamos”, den Jungs. Und damit auch die Karriere von Argenis, dem Teenie-Star.

Dass aus dem verbrauchten Sechzehnjährigen Argenis Brito der schillernde Venezuelaner in Berlin geworden ist, dass Brito heute nicht nur Sänger der Überband Sénor Coconut ist, sondern auch mit gelenkigem Minimaltechno daherkommt, dies ist eine Wendung, die schöner und faszinierender nicht sein könnte. Solche Geschichten gibt es gar nicht. Jedenfalls hört man sie selten. Es sind die Geschichten hinter den Künstlern, die Anekdoten über den Beipackzettel hinaus. Manchmal lohnt es sich, ihnen andächtig zu lauschen statt hastig der entsprechenden Platte. Weil so ein Leben, wie es Argenis Brito bisher verbracht hat, Aufschluss gibt über die Welt, im Kleinen, die Musikbranche, über Zufälle und Träume. Und schließlich über die Musik, für die Argenis Brito steht, jetzt.

Am Mobiltelefon jedoch sagt Brito: “Bitte nicht!” Er klingt auf einmal müde. Man könne gerne sprechen, über seine erste Solo-EP “Sentidos Opuestos” vielleicht. Die ist übrigens überaus erquickend geraten, wunderbar melodiös und betont, ein Zauber. Er könne zudem einiges berichten, sagt Brito, vom erscheinenden Sénor-Coconut-Album, der kommenden Tournee, gerne auch plaudern über Mambo Tour oder Monne Automn, seine Glücksgriffe mit Pier Bucci und Luciano, oder davon, wie er mit Jay Haze als Krak Street Boys an funky Minimalismus denkt. Aber die Vergangenheit?

Ein zweiter Ricky Martin

“Mein Lebenslauf ist bizarr”, sagt Brito. Er sitzt in seinem kargen Studio, gerade groß genug, damit Wesentliches Platz hat. Über den Innenhof schallt abstruser Drum and Bass. Der Nachbarraum gehört Jay Haze. Hier sitzen sie oft beisammen, ein ungleiches Paar. Haze, der Zeit seines Lebens dafür kämpfte, aus der Armseligkeit der US-amerikanischen Trailerparks zu gelangen, und inmitten Berliner Betriebsamkeit fündig wurde. Und Brito, für den Berlin ebenso Versöhnung bedeutet, der aber ganz woanders gestartet ist. “Alte Weggefährten meinen oft, aus mir hätte man einen zweiten Ricky Martin machen können”, sagt er. Dann grinst Brito. Obzwar der Moment wenig zu tun hat mit Latin-Pop und Poliertheit, fällt auf, dass Brito den Teint der Verheißung trägt. Er ist hübscher als seine Gefährten, eleganter trifft es vermutlich besser. Ja, nach wie vor könnte er Poster zieren. Absurd diese Vorstellung, zumal für den, der seine Musik kennt. Aber wären da nicht die umrandeten Augen, durchaus. “Wenn die Leute in Deutschland hören, was ich früher gemacht habe, können sie es nicht glauben”, sagt Brito, “und wenn ich in meiner Heimat erzähle, wie ich in Berlin lebe, schaue ich in überraschte Gesichter.” Hier ist er Argenis Brito, der kredibile Produzent, dort ist er Argenis, der Boygroup-Veteran.

Ohne Menudo wäre es nie so weit gekommen. Menudo, das war Anfang der achtziger Jahre die erfolgreichste Band Lateinamerikas. Wohlgeformte Jungs aus Puerto Rico, die zu einfachen Melodien herzlich schmachteten. Ricky Martin, daher der Bezug, begann dort seine Karriere. Offenbar, dachten sich damals gerissene Musikprofiteure, ist es nicht allzu schwer, die Mädchen von Argentinien bis Mexiko narrisch zu machen, und so suchten sie die nächsten Menudos. Manche hießen Los Chicos, andere eben Los Chamos. Das war die venezuelanische Antwort und im Alter von 13 Jahren, 1981, wird Argenis Brito dank seiner Stimme Teil der fünfköpfigen Gruppe. Brito ist ein braver Schüler, ein guter auch, seinem konservativen Ärzte-Elternhaus hatte er nie Kummer gemacht. Ehe er sich versieht, sitzt er in einem Taxi in Richtung Studio und hört zum ersten Mal jenen Song, zu dem er gleich singen sollte. Es geht ganz schnell.

Nach einem Jahr spielen Los Chamos vor 20.000 Zuschauern im Azteken Stadion zu Mexiko City. Insgesamt verkaufen sie allein in Mexiko zwei Millionen Alben. Sie drehen einen Spielfilm. Gabriel, Walter, Winston, Wuill und Argenis sind bis in die USA bekannt. Und zu Hause erst! Es passiert nicht oft, dass Venezuela Stars hervorbringt, wenn allerdings, dann Gnade ihnen Gott. Betritt der junge Argenis ein Einkaufszentrum, ist er umringt von schreienden Mädchen. Es ist kein schönes Schreien. Am liebsten hätten sie ihm die Haare vom Kopf gerissen vor Liebe. Also betritt Argenis fortan keine Einkaufszentren mehr. Er lernt schnell, auch, wie man aufwändige Choreografien tanzt und dabei trotzdem engelsklar singt. “Am Anfang keucht man nur.” Er weiß es noch heute. Als er dann am selben Abend im entspannten Berliner ”Club der Visionäre“ den Sommer einläutet, als er so milde sein Live-Set spielt, da sind stundenlang eingeübte Schritte und die Starrheit irgendwelcher Popmarkt-Mechanismen weiter weg als Caracas.

Selbst wenn Brito gerne öfter als alle zwei Jahre in seiner Heimat wäre, ist es doch gerade der hiesige Kontrast, der ihn erfüllt. Er könnte stundenlang dafür plädieren, warum Dancemusik machen muss, wer wirklich viele Nuancen erleben will, oder sich spaßend darüber ärgern, dass er kaum dazu kommt, seinen Deutsch-Kurs an der Volkshochschule zu besuchen. Obwohl er seit 2002 in Berlin wohnt. Dann wieder schwärmt er von Sénor Coconut, dem Projekt, das ihm so vieles eröffnet hat nach seiner Ankunft in Europa. Das in ihm die salsaeske Lust an der Bandarbeit erhält, wenngleich er nach den ersten Nächten, die er alleinverantwortlich an neuem Sound saß, bemerkte, wie befreiend es sein kann, nicht viele Egos vereinen zu müssen. “Das war das erste Mal in meinem Leben und es war toll“, sagt Brito. “Aber das ist mein Luxus: mal alleine, mal mit dem, mal mit dem arbeiten – dann wieder Bandsänger sein.“

Ein Mann geht seinen Weg

Vor einer Weile traf er einstige Kollegen von Los Chamos, denen der Rummel seinerzeit genauso zu viel wurde. Sie leben heute in Miami, haben gute Jobs, nette Familien und ansehnliche Autos. Die alten Weggefährten staunten. Zuerst, als Brito ihnen erzählte, dass er seine Stimme schon viele Jahre nicht mehr pflegt. Dann, weil er es geschafft hat, sich Zwängen zu entsagen – und trotzdem mit Musik seinen Unterhalt zu bestreiten. Argenis, sagten sie, wir bereuen es, nicht deinen Weg gegangen zu sein.

Dabei gingen sie nach dem Ende von Los Chamos noch gemeinsam. Nach einer Kreativpause gründen die Aussteiger in Caracas eine rückblickend betrachtet eher anstrengende New-Wave-Band. Brito wollte es damals schön düster, wird aber wiederum von einem Major unter Vertrag genommen – und aufgebrezelt. Es gibt Fotos aus dieser Zeit, da steht Brito inmitten von Fönfrisuren und schaut aus einem Grübchengesicht ganz niedlich drein. Nun, Brito sang, spielte Bass, es lief gut, immerhin kannte man seinen Namen überall, aber nach sechs Jahren reichte es. Um es den Eltern recht zu machen, studiert Brito in der Folge Architektur und, wichtiger, fängt an, The Orb zu hören. Sein erster Kontakt mit elektronischer Musik. “Als ich Leute traf, die ähnliches hörten und machten, da kam es mir auf einmal: wie toll es ist, alle Klänge selber zu produzieren – welch neue Möglichkeiten!“ Argenis Brito ist 26 Jahre alt, da geht er nach New York. Er schlägt sich mit kleinen Jobs durch und träumt davon, jemanden zu treffen, der ihm hilft, all die musikalischen Ideen und Erlebnisse zu bündeln. Ein chilenischer Rockstar ist es dann. Mit dem zusammen entsteht ein leicht folkloristischer Latin-Electro. Beide können es kaum erwarten, diese neuartigen Heimatklänge bei sich zu Hause vorzuführen, also fliegt Brito mit nach Santiago de Chile. Es wird ein Flop. Zu viel Elektro für die Rocksender, zu wenig traditionell für die Massen. Das merkt Brito ohnehin noch heute, dass in der Region vieles nicht selbstverständlich ist. Bei einem Open-Air-Festival in Chile wurde er mal mit Steinen beworfen, weil er nur mit Laptop auf der Bühne stand. Trotzdem ist Chile für Brito eine zweite Heimat geworden, blieb er doch einige Jahre dort, um erneut mit großen Bands große Stadien zu bespielen.

Brito schaut etwas ungläubig auf die Uhr. Eine ziemlich weite Reise, bis hierher, in das Berliner Refugium. “Was ich auf jeden Fall gelernt habe“, sagt er, “ist, dass ich weiß, was ich nicht will.“ Will man zugleich wissen, was er will, muss man nur Argenis Britos zahlreiche Veröffentlichungen hören. Er hat seinen Willen. Er hat ihn auch bekommen. Jedoch: Brito warnt. Zuletzt käme plötzlich jeder nach Berlin, das alles werde etwas zu aufgeregt. “Die Szene hier sollte nicht zu groß werden“, sagt Brito. In dem Fall wäre er nämlich wieder draußen. Zu viel Aufmerksamkeit kann er nicht gebrauchen. Davon hatte er schon genug.

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Elektronische Lebensaspekte.