Seit mittlerweile zehn Jahren suchen Kreidler in Düsseldorf jetzt schon zwischen Bandinstrumenten und Computern nach dem reinen, schlichten, stilsicheren Groove. Die Ergebnisse ihrer Forschungen reichern Detlef Weinrich, Thomas Klein und Andreas Reihse dann mit Referenzen an bildende Kunst, Literatur, Film und Design an. So erkundeten sie vor zwei Jahren auf "Eve Future“ den Groove von barocker Kammermusik - und mit "Eve Future Recall“ reichen sie jetzt einen Nachschlag davon.
Text: florian sievers aus De:Bug 88

Eine abstrakte Form von Sinnlichkeit
Kreidler

DEBUG:
Du sprichst “Eve Future” französisch aus, weil das ein Romantitel des französischen Schriftstellers Auguste Villiers-de L’Isle Adams von 1886 ist. Was hat es damit auf sich?
WEINRICH:
Das ist einer der ersten Romane, die das Thema künstliche Intelligenz behandeln. Und zwar auf eine andere Weise als etwa Mary Shelleys “Frankenstein“. In dem Buch baut der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison eine künstliche Frau für einen englischen Lord. Denn die Frau, die der Lord liebt, entspricht zwar äußerlich seinem Ideal. Aber sie reicht ihm intellektuell nicht. Am Ende sterben dann beide Frauen bei einem tragischen Schiffsunglück.

DEBUG:
Wieso dieses Buch als Überbau über euren beiden neusten Platten?
WEINRICH:
Das ist uns bei Zitaten und Anspielungen und Referenzen in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Und außerdem war das Thema “Frau” ja schon immer wichtig bei Kreidler.

DEBUG:
Was meinst du damit?
WEINRICH:
Einfach die Liebe zu Frauen. Es gibt ja viele Ideen von Frauen, und das ist eine davon. Dieser Mann jagt einem Ideal hinterher, das vielleicht gar nicht existiert.

DEBUG:
Und auch Zitate waren ja schon immer sehr ausgeprägt bei Kreidler.
WEINRICH:
Es gibt eben viele Sachen, die einen begleiten und faszinieren. Und davon macht man dann Übersetzungen in das Medium, in dem man sich auskennt. In unserem Fall ist das halt das Medium Musik.

DEBUG:
Solche Querverweise geben einer Platte ja einerseits ein Grundgefühl, an dem man sich als Musiker und Hörer abarbeiten kann. Aber sie liefern auch immer einen Mehrwert an Ideen – also Anknüpfungspunkte, mit denen man sich bei Interesse weiter beschäftigen kann.
WEINRICH:
Ja, und das sagen wir ja schon seit Jahren in Interviews: dass man halt nicht nur von Musik beeinflusst ist. Das wäre dann doch ein bisschen dünn. Obwohl es natürlich genügend Musiker gibt, deren Musik sich idiosynkratisch nur mit anderer Musik beschäftigt.

DEBUG:
Eure LP “Kreidler“ beschrieb der Autor des zugehörigen Infozettels vor vier Jahren als Soundtrack für eine Fahrt durch “eine fremde Stadt voller viktorianischer Gebäude“. Später habt ihr diese Textstelle dann in “voller barocker Gebäude“ abgewandelt. Dieser Bezug auf Barock ist euch wichtig, oder?
WEINRICH:
Na ja, wenn ich ehrlich bin, ist das auch eine gewisse Leichtfertigkeit von uns, dass wir einfach so mit solchen Sachen umgehen. Ich persönlich zumindest kenne mich mit klassischer Musik nicht wirklich aus. Andreas (Reihse, Anm. d. A.) ist da schon ein bisschen fitter, aber ich möchte mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Es geht dabei vor allem darum, wo man gewisse Orte findet, in denen Zukunft und Vergangenheit oder eben Barockes und Modernes gleichzeitig passieren.

DEBUG:
Aber zumindest der französische Barock hatte ja viel mit einer Formalstrenge zu tun, die damals vom absolutistischen Hof von Ludwig XIV. ausging – also mit geordneten Ornamenten. Und es gab im Barock ja auch erstmals den Gedanken, dass man mit bestimmten Melodiefiguren emotionale Zustände ausdrückt. Das beides kann man bei den beiden “Eve Future“-Platten schon raushören.
WEINRICH:
Das schon, natürlich. Es geht um eine abstrakte Form von Sinnlichkeit und Üppigkeit.

DEBUG:
Gleichzeitig verweist dieses Ornamentale aber auch auf etwas, das für euch eine Art Utopia zu sein scheint: nämlich auf das Brüssel der Achtzigerjahre, wo damals unter anderem Les Disques Du Crepuscule ja eine ebenfalls sehr ornamentale und barocke, aber trotzdem reduzierte Popmusik veröffentlich haben.
WEINRICH:
Klar, beide “Eve Future“-Platten haben natürlich unheimlich viel mit dem Brüssel der Achtziger und mit dem Crepuscule-Label zu tun. Das ist eine musikalische Richtung aus dieser Zeit, die viele Menschen nach wie vor nicht kennen. Und die ganze Haltung dieses Labels war natürlich phänomenal, mit seiner Eleganz und diesen ganzen Anbindungen an Literatur, beispielsweise von Burroughs oder Duras. Das war zeitlos, es ging um Stil, und wirklicher Stil ist nun einmal zeitlos. Außerdem war da zwischen Disco und New Wave alles Mögliche vertreten. Und genau so kann man als Band ja auch erst so eine Platte machen, und dann wieder eine, die mehr rockt und groovt oder die wieder viel elektronischer ist.

DEBUG:
Sag, wenn du das als überinterpretiert empfindest, aber bislang klang Kreidler-Musik immer elektronisch, war jedoch von einer Band gespielt. Und die beiden neuen Platten klingen von der Instrumentierung her organisch, sind aber komplett am Computer entstanden. Da gab es also eine Umkehrung.
WEINRICH:
Das schon. Aber die beiden neuen Platten klingen ja auch deswegen so organisch, weil wir dabei keine fremden Quellen benutzt haben. Es kommt halt alles aus ein- und derselben Kiste, aus demselben Computer.

DEBUG:
Ist euer Schlagzeuger Thomas Klein dann jetzt arbeitslos?
WEINRICH:
Nein, nein, Thomas hatte natürlich einen riesigen Anteil am Entstehen der Platten. Wir arbeiten da alle drei gleichberechtigt. Und live spielt er sowieso noch Schlagzeug, weil es schließlich nichts Langweiligeres gibt als so drei Jungs, die an ihren Laptops rumfummeln. Wir haben jetzt übrigens auch noch eine zweite Platte so gut wie fertig. Bei der hatten wir uns aber über die Arbeit mit Software total verzettelt. Das ist auch so ein Computerproblem: dass man sich da reinversenken und dabei hängen bleiben kann. An der kommenden Platte haben wir mehr als ein Jahr gearbeitet. Da haben wir dann “Eve Future“ sehr schnell dazwischengeschoben. Die war in vier Wochen gemacht.

DEBUG:
Bei all der Künstlichkeit und Detailliertheit würde man das ja gar nicht denken.
WEINRICH:
Das ging schneller, weil die Soundwelt schon feststand, die wir benutzen wollten, während man sonst beim Klang ja immer alle Möglichkeiten hat.

DEBUG:
Und wieso dieser Nachschlag mit einer zweiten Platte, die sich an derselben Idee abarbeitet?
WEINRICH:
Weil wir fanden, dass die Idee von “Eve Future“ noch nicht zu Ende formuliert war. Außerdem hatten wir auf diese Weise das Gefühl, dass man die Platte, an der wir gerade arbeiteten, noch mal neu sehen kann. Die unterscheidet sich dann auch schon ziemlich von den beiden “Eve Future“-Platten. Sie macht eigentlich da weiter, wo die vorletzte LP aufgehört hat, also wieder mit Schlagzeug und vielen Melodien, so typisch Kreidler halt. Es ist doch legitim, sich als Band immer wieder neu zu erfinden. Was soll man denn sonst machen?

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

Die Düsseldorfer Designrocker Kreidler interessieren sich immer weniger für Postrock-Ernsthaftigkeit. R&B und 2 Step im Augenwinkel, wird von der Kunstakademie gen Pophimmel gesteuert. Als Annäherung, wohlgemerkt.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 41

Weder Post- noch Kraut- noch -Rock
Einfach Kreidler

Text: Christoph Jacke [jackech@uni-muenster.de]

Bei Eingabe des Namens Kreidler in die Suchmaschinen des Netzes stößt man nicht unbedingt auf Daten zum Düsseldorf-Kölschen Musikerkollektiv. Zunächst, wen wundert es, wird man zu Motorrädern, Florett-Fan-Clubs und Zündankern geleitet. Andreas Reihse, der Herr für die Electronics bei Kreidler, kann dieses Kuriositätenkabinett noch erweitern: “Wenn Du die Begriffe ‘Musik’ und ‘Kreidler’ eingibst, kommen seltsame amerikanische Künstler zum Vorschein, die rostige Trompeten basteln.”

Crossover nein Danke!

Mit derartiger Gartenlaubenartistik hat Kreidlers Musik noch nie etwas zu tun gehabt, wenn auch die Kunst eine wichtige Rolle für das Düsseldorfer Mittlerweile-Trio spielt. Andreas: “In Düsseldorf war eigentlich die Kunstakademie und deren Umfeld der einzige Ort, wo immer was passierte, wo man vorne war. Das war ein Freiraum jenseits des strengen Clubkontexts. Außerdem gehören Drogen und Kunst genauso zusammen wie Drogen und Musik.” Detlef Weinrich lernt noch an der Akademie, Thomas Klein hat Produkt-Design studiert und Andreas laut eigener Aussage “ein bisschen Grafik-Design”. Offensichtlich haben Kreidler darüber hinaus ein Interesse an Kunst und deren Verflechtungen, sonst würden sie wohl kaum immer wieder bei Videoausstellungen, auf Medienkunstfestivals oder sogar im Modekontext auftauchen. Allerdings stimmt Andreas mit der Einstellung überein, dass Grenzen hier nicht aufgelöst werden und Totalverschmelzungen einzelner Bereiche stattfinden: “Man muss das aber auch ganz klar trennen. Crossover bzw. Gesamtkunstwerk funktioniert für mich eher schwierig. Dann schon eher ein gegenseitiges Befruchten. Unsere Plattencovergestaltung z. B. ist letztendlich Design und nicht Kunst.” In jedem Fall belassen es Kreidler nicht beim puren Musizieren. Die Covergestaltung des neuen Albums stammt von Detlef Weinrich, der einen mittelalterlichen Holzschnitt nachgezeichnet und anschließend mit dem Computer weiterverarbeitet hat. Andreas: “Dieses Rittermotiv ist charakteristisch, wenn sich das vielleicht auch erst im nachhinein ergeben hat. Das Bild von Freiheit und Verantwortlichkeit, das hier unterschwellig konstituiert wird, erscheint wichtig, richtet sich aber gegen das ‘Offen-für-alles-Sein’. Vielmehr zeigt das Ausfransen der Illustration diese Neugierde auf Wahrscheinlichkeiten.” So wie Kreidler von der Kunst beeinflusst sind, leiten auch sie Rückkopplungen ab, was sich schon am Umfeld des eigenen Studios manifestiert. Umgeben vom Hobbypop-Museum, dem Techno-Club “Ego” und Räumen von u. a. Antonelli Electr. und den Bad Examples entwickeln sich Energiefelder, die auch Kreidler sehr wichtig scheinen.

Der ewige Städtestreit

Insbesondere bei der Rezeption des neuen Kreidler-Albums, aber auch bei einem genaueren Blick auf die Liste der Kooperationen (zuletzt mit Francis Teichler von den schweizerischen Young Gods für dessen “Copier & Coller”-Projekt), pellt sich eine Dekade heraus, die nicht nur schlecht war: die ominösen 80er Jahre. Andreas: “Klar haben mich etwa New Wave und Punk beeinflusst. Ich bin Ende der 80er in Düsseldorf gelandet, und es war gar nichts da. Also wich ich nach Köln aus, wo es gerade los ging mit Rave und Techno-House. In Düsseldorf musste ich erst lernen, dass die Sachen auch vorhanden, aber nicht unbedingt sichtbar waren.” Reihse benötigte den erneuten Ortswechsel nach Köln, um die Stadt Düsseldorf von außen genauer beobachten und schätzen lernen zu können: “Düsseldorf ist schon eine kalte Oberfläche, die natürlich auch geil ist. Wenn man dort was macht, dann ziemlich intensiv: DAF, Der Plan, Holger Hiller. Vielleicht ein Grund, warum diese Sachen alle um Düsseldorf kreisten. Was ich an der Musik aus Düsseldorf schon immer toll fand, war, dass die über die Grenzen hinausgeguckt hat, nicht nur bis Köln, sondern nach London und Brüssel. Das liegt natürlich auch an der Unfreundlichkeit einer Stadt. Musik war angelegt, nicht einen Stammtisch zu bedienen, was bei anderen Szenen wie Köln oder Hamburg doch klüngeliger ist.”

Die Referenzfrage oder das Andockproblem

In einen Pullunder-Klüngelzusammenhang werden Kreidler auch gerne mit Bands wie To Rococo Rot oder Tarwater geworfen, wenn es sie auch bereits vor den anderen Vertretern gab: “Wir schätzen unsere Musik gegenseitig. Aber die Musik von Kreidler geht in eine ganz andere Richtung, weshalb auch die Trennung von Stephan erfolgte, weil er mit To Rococo Rot eine gewisse Ernsthaftigkeit verfolgt und in einem sicheren Bereich gut aufgehoben ist, was uns als Kreidler eigentlich überhaupt nicht interessiert. Der Abgrund, der Humor, wo Kreidler plötzlich, etwa durch Zusammenarbeit mit Momus oder den Chicks On Speed, plötzlich hinfallen kann.” Für den abgewanderten Freund stieß als “frei assoziierter” Bassist Alex Paulick zur Band, der bei einigen Tracks der neuen Platte mitspielte und Kreidler auch bereits live unterstützte, ansonsten aber bei seinem eigenen Projekt Barrett Velox verharrt.

Pop als Zwischenstation

Nach der ersten massenmedialen Veröffentlichung “Weekend” 1996 erlangten Kreidler plötzlich weltweite Öffentlichkeit, v. a. auch bei anderen Musikern, und wurden zwischen Post- und Krautrock angesiedelt, der pophistorsich urdeutsche Vergleich mit Kraftwerk, Neu! und Can. “Das wollten wir 1998 mit ‘Appearance And The Park’ dann widerlegen, auch uns dabei selber ein bisschen weh tun; deswegen die Sprödheit von ‘Appearance And The Park’. Bei der neuen Platte haben wir demgegenüber eher eine entspannte Haltung eingenommen”, erklärt Reihse die Drehung zu deutlich mehr Pop, wenn auch einige Tracks wie “Do It” weiterhin an deutsche Elektroniker der vorletzen Dekade oder “Sans Soleil” an die Postrock-Auswüchse aus Chicago erinnern. Das Besondere des neuen Albums ist eine Art beinahe referenzlose Eigenständigkeit. Die Konnotationsmaschinen werden spielerisch in Gang geworfen, es überwiegen beim Wahrnehmen des Albums aber persönliche Erinnerungen oder werden Phantasien evoziert anstelle popmusikalischer Vergleiche: “Einflüsse gibt es. Aber eher so, dass man z. B. 2Step oder R & B gut findet, aber weiß, dass man das mit Kreidler gar nicht leisten kann und will, dann schon eher Annäherungen versucht.” Eine bemerkenswerte Verbindung lässt sich in der Grundstimmung und speziell bei den Tracks “Ashes” und “The Boy Who Wonders” hören: eine Art nicht-minimaler Minimal-Dub-Pop. Andreas dazu: “Das liegt vielleicht an der Arbeit am Rechner. Erst schaltet man immer mehr Spuren dazu, und dann specken wir zusammen umso intensiver ab. So geht jeder auch einmal mit dem Vertaruen der anderen alleine an das Kreidler-Material. Dadurch entstehen vielleicht gewisse Reduktionen bzw. Konzentrationen aufs Wesentliche. So wenig wie nötig.” Auch das macht Kreidlers neues Album sehr variabel einsetzbar, auf der minimalen Techno- und House-Schiene können sie so bequem schon mal ein paar Runden neben Vladislav Delay mitfahren, dessen Output Reihse sehr mag. Aber just in dem Moment, wo man meint, Kreidler einordnen zu können, tauchen selbstironisch Gaststimmen des 80er-Creation-Helden Momus oder der südamerikanischen Traum-Minimalisten Leo Garcia und Pablo Shanton auf und lassen das Ding wieder an einer anderen Stelle der großen Blase Popmusik andocken. Fliegen wir mit, es lohnt sich.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 11

Vor allem wo Kreidler Mercedes Bunz mrs.bunz@de-bug.de Man muss heutzutage wieder behaupten, daß Musik politisch ist. Vor allem wo. Etwas irre altbackenes schleicht durch dieses Wort – p.o.l.i.t.i.s.c.h. – und zwar besonders im Zusammenhang mit Musik, weshalb man heutzutage gar nicht mehr attestieren will, daß Dinge, die mit einem zu tun haben (wie Musik), politisch sein könnten. Viel zu oft hat man über Musik einfach Jugendkultur drüber gekleistert und damit per se politisches verbunden, was man sich heute schließlich lieber selbst aussuchen möchte, nicht zuletzt weil einem früher beim Musikhören immer irgendwie schwer war, als ob jemand einem mahnend über die Schulter guckt. ‘Das findest Du gut?’: Es war eine Zeit der heimlichen Lieblingsstücke, deren Verrat fast dazu führen konnte, am nächsten Wochenende zum Ausgehen nicht angerufen zu werden. Dann kam Techno, die Revolution, die bis heute niemand geblickt hat, der am damaligen System von Musik=Jugendkultur festhängt, wahrscheinlich weil sie einfach außerhalb dieses Systems passiert ist. Angenehm, durcheinander, anders war dann alles, Begriffe flogen raus, Vinyl wurde gerettet, vieles wurde neu geordnet, andere Methoden wurden eingeführt und wiederum waren einige glücklich und andere unglücklich. Politisch war plötzlich nichts mehr, und alle wußten auch warum: Techno ist sprachlos. Bis heute hat sich dieses Märchen, daß Aussagen nur in Sprache stattfinden, besser gehalten, als man glauben mag. Wir treffen uns mit Kreidler auf einer der politisch unkorrektesten Areas der Welt, auf der Tag und Nacht Sexismus gut sichtbar und öffentlich stattfindet: der Reeperbahn Hamburgs, um diese verschiedenen Sachverhalte mal in Erwägung zu ziehen. Kreidler sind anläßlich ihres neuen Albums mit Jutta vom Label Kiff SM auf Interviewtour, wie unschuldig sie am Treffpunkt sind, haben wir nicht festgestellt. Wir drücken ein Auge zu, da es für diese Problematik keine besseren Gesprächspartner geben könnte als sie: 1994 formierten sich Kreidler mit Bass, Gitarre und eher mal projektartig und tauchen im Zusammenhang mit linken Kunstprojekten oder auch dem Wohlfahrtsausschuß auf . Zwei Jahre später folgt das erste Album Weekend, seitdem schmeißt man ihnen verständlicher Weise Can und unverständlicherweise Kraftwerk um die Ohren . Nichts von dem stimmt wirklich. Ohne weiteres klingt zwar Weekend ein bißchen nach Zukunft aus den Siebzigern, trotzdem – oder vor allem deshalb – aber eigenartig zeitlos. Übrigens: Kreidlers Musik ist sprachlos, bzw. wie man das bei Pop sagt: instrumentell. Fachleute wie geschaffen für uns also. Wegen dem Bass vielleicht (Guitarre gibt’s nicht wirklich) winkt man in Medien mit der Postrockfahne, dabei haben Kreidler dem Ausdruckverfahren im Rock gegenüber mindestens die gleichen Vorbehalte, wie andere gegenüber der Sprachlosigkeit Technos. Wir reisen durch ein Interview. Andreas: “Rock? A, hm, hehe. Außer vielleicht mit so einer übertriebenen Geste, die dann eher schon wieder mal Pop ist, habe ich mit Rock einfach überhaupt nichts zu tun. Ich finde Pop immer interessanter als Rock. Wenn Rock so als Rock, dann ist das Sexismus, Rassismus und Ausgrenzung. Alles da ist nur Scheiße. Am besten dann noch echtes Gefühl und Schweiß, was ich auch total schlimm finde. Authentisch sein, Ehrlichkeit, nackt – ganz schlimm.” Detlef: “Wir wollten aber auch nie Techno sein. Mit Schlagzeug und Bass wäre das auch das ekelhafteste, das wäre Live-Techno. Andreas: “Probiert haben wir natürlich schon, wie es ist, elektronischer zu klingen. Aber es paßt nicht zu uns. Ich finde es auch sehr schwierig, zu viert ein Elektronikset zu machen. Ich war mal bei Tok Tok, da fand ich es überraschend, daß das geht, denn ansonsten ist man dafür fast immer zu zweit.” Kreidlers Aversion gegenüber dem typischen Rockbehaviourism, deren politische Unkorrektheit sie nicht in der Sprache, sondern im rockigen Benehmen verorten, ist vielleicht nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß einige von ihnen selbst Zeit in Kunsthochschulen verbracht haben. Künstlerische Betroffenheit, die man ja auch gerne in Rock vorgesetzt bekommt, gehört dort zu den schlimmsten Ausdrucksmodellen, die einen verfolgen können, ist aber trotzdem noch nicht vollends ausgestorben. Stelac beispielsweise jagt sich auch heute noch Haken zum Aufhängen in die Haut, um kathartisch allen Normalbürgern selbige Extremerfahrung zu ersparen. Danke. Kreidler flüchtet mit Musik in die Projektkunst, in etwa solange, bis das Verlangen nach besseren Anlagen zu stark wird. Detlef grinst: Es hieß auch schon mal: das Kunsthochschulenprojekt ‘Kreidler’: ernsthaft, intellektuell und langweilig. Denkst Du, daß es zwischen Kunst und Musik eher Abgrenzungen gibt? de:Bug: Naja, Kunst besteht in Deutschland ja fast ausschließlich nur noch im White Cube und da trifft man von vornherein auf ein völlig anderes Publikum, das eher die Illusion einer Exklusivität erwartet, die sie auf einer Party nicht mehr halten können. Andreas: Das stimmt, Musik wird im Zusammenhang mit Kunst einfach sehr schnell nur noch die Party zur Ausstellung, mit ihr selber wird sich nicht mehr auseinandergesetzt. Ich glaube, Deutschland hat den zweitgrößten Musikmarkt der Welt, aber trotzdem hat Musik hier keine Relevanz. Sie wird nicht wichtig genommen. Der Stellenwert von Musik in Deutschland ist einfach schwierig. Detlef: Das fängt vielleicht damit an, daß man immer neue ausgfallene Orte für Kunst sucht, und es dann versucht mit Musik zu verbinden und Party macht. Nur selber kommt da halt gar nichts mehr. Es ist viel passiert, was vielleicht nicht so interessant war. Da ist es kein Wunder, wenn die Leute sich so ein bißchen wieder abgrenzen, weil einfach ständig davon die Rede ist, daß man alles miteinander verbinden kann. Aber das verbessert es einfach auch nicht. Es ist eher ein bißchen gefährlich, glaube ich. Andreas: Bei uns ist das Spielen auch nicht mehr so einfach wie früher. Da haben wir ein Auto vollgepackt, sind losgefahren und haben irgendwo gespielt. Je präziser die Vorstellung ist, wie was zu klingen hat, desto unmöglicher wird es aber, draufloszumachen. Mit ihrer zweiten Platte “Appearance and The Park”, die diesen Monat erscheint, halten sich Kreidler weiterhin in keiner Schublade auf. Im Vergleich zu Weekend sind die Siebziger-Zukunfts-Sounds weggefallen, dafür klingt aber die Struktur der Tracks, trotzdem die Klänge klar gespielt einsetzen, elektronischer. Lustigerweise, denn Kreidler sind bei ihren Instrumenten geblieben, klingen aber trotzdem elektronischer. de:Bug: Gab es für das zweite Album große Erwartungen an Kreidler? Detlef: Ich habe mir das heute überlegt, ob ich Druck hatte. Also ich habe ihn in gewisser Weise, nachdem die Platte fertig war, so ein bißchen gespürt. Ich wußte einfach auch, daß viele Leute mit der Art, wie die Platte so geworden ist, das Cover, die Linernotes und so, Schwierigkeiten haben. Ich glaube, sie unterscheidet sich in gewisser Weise von Weekend, zum einen, was Cover und Gestaltung angeht, zum anderen wie sie klingt. Sie kommt mehr auf den Punkt. Weekend hat so etwas bescheidenes und das mögen Leute ganz gerne, wenn etwas klein und bescheiden bleibt. Die neue behauptet einfach ein bißchen mehr. Mich verunsichert die Platte zum Teil selbst, die Zusammenstellung finde ich ziemlich seltsam. Andreas: Was ich ziemlich gut daran finde ist, daß sie diese Kälte hat und daß die Platte nicht elektronischer klingt, also daß wir uns keinen Moog gekauft haben. de:Bug: Wie kamt ihr auf den Titel: Appearance and The Park? Detlef: Park ist ein Zitat aus der letzten Platte. Appearence ist natürlich auch ein Ankoppeln an Erscheinungen, so ein bißchen Mystery, vielleicht ein Herumspielen mit Sachen, die schwer auf der Kippe liegen. Das mag ich ganz gerne, wenn etwas am Seidenfaden hängt und ziemlich schnell umkippen kann. Mystisch ist es nicht gemeint, sondern so mit einer Unsicherheit, etwas Undefinierbares, so eine Erscheinung, was Vages. de:Bug: Der Text hintendrauf ist ja ähnlich gehalten. Andras: Hintendrauf der Text? Ja, der ist fragmentarisch, wie ein Buchauszug. Er sollte sicher nicht erklären. Es hat natürlich schon eine Tradition, in der Popmusik Linernotes zu haben. Es geht eher um eine Haltung, ohne die Musik zu erklären. Es gibt ganz eindeutige Popzitate in dem Text, die, denke ich, universell sind. Sportwagen zum Beispiel. Phänomene eben. In dem Text steckt sehr viel drin. Es sind viele gefühlsbetonte Sachen, die aber auf einer abstrakten Ebene bleiben. Es geht darum, sich mit Dingen abzufinden. Oder um eine Möglichkeit, mit dem Leben zurechtzukommen. Er ist ja auch sehr traurig, dieser Text. de:Bug: Dann ist Musik eine Möglichkeit, sich mit dem Leben abzufinden? Deflef: Ja, bei mir schon, auf jeden Fall. Tröstlich. Auf allen Ebenen, vom Machen bis zum Hören. Auf Parties zu gehen ist ja auch so ein Fall. Andreas: Für mich nicht. de:Bug: Vielleicht ist das aber doch genau das, was oft gerne vergessen wird: der Raum, der von Musik ausgefüllt wird, in dem man sich trifft. Daß um Musik und nicht nur in Musik was passiert, verstehen die meisten aber offensichtlich immer noch nicht, obwohl sie es jeden Abend im Club erleben könnten, wie beides ineinander übergeht. Es ist einfach erschreckend, wenn man dann immernoch Sätze trifft, wie: Daß die Sprache nicht mehr in der Musik sei, und deshalb alles so inhaltslos und positionslos ist. Andreas: Totaler Blödsinn. de:Bug: Es fiel mir in diesem Zusammenhang, über den ich mich neulich geärgert habe, auf, daß die Sprache, die in euren Linernotes benutzt wird, sich auch nicht klar positioniert, sondern nicht eindeutig sein will. Ich glaube, Sprache ist einfach auch genau so: nicht eindeutig. Eher mal schwierig. Detlef: Ja, klar. Man hätte ja auch was ganz eindeutiges schreiben können. Wie bei AgitPop oder bei Punk. Ich finde es schwierig, Musik mit Text aufzuladen oder einfach die richtigen Worte zu benutzen und schon ist sie dadurch politisch korrekt, keine Ahnung. Etwa dadurch, daß jemand ‘Free Nelson Mandela’ singt. Und dann hat man ein politisches Stück? Ein Schweizer Journalist hat mal in einem Interview gefragt, wie das kommt, daß da ‘Free’ draufsteht, die koste doch sechs Mark, wie jede andere Single. Ich fand die Frage im Nachhinein gar nicht so falsch, weil man das auch auf so eine Ebene bringen muss. de:Bug: Seht ihr Euch als politische Band? Für mich seid ihr bislang viel in diesem Kontext aufgetaucht. (Schweigen). Beide: Das ist nicht zu beantworten. Detlef: Vielleicht so, wie Du vorhin meintest, daß ein Stück ein politisches Wesen ist oder so. Den Raum, den man sich dann eben aufmacht. ZITATE: - Wenn Rock so als Rock, dann ist das Sexismus, Rassismus und Ausgrenzung. -Je präziser die Vorstellung ist, wie was zu klingen hat, desto unmöglicher wird es, draufloszumachen. - Authentisch sein, Ehrlichkeit, nackt – ganz schlimm.

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