Text: Sascha Kösch aus De:Bug 26

Bei all den vielen sicherlich spannenden Dingen, die über Wolfgang Voigt in den letzten Jahren so gesagt worden sind (das Köln Syndrom, die grade Bassdrum im Herzen des Landes, Pop, Acid, Wald, Kunst, Minimalismus usw.), ist irgendwie eins immer wieder unter den Tisch gefallen, obwohl es eigentlich das Offensichtlichste ist. Wolfgang Voigt ist ein perfekter Produktdesigner. Man nehme nur mal Mike Ink. Ohne Wolfgang Voigts Gespür für den richtigen Namen und das richtige Image zur rechten Zeit wäre das alles doch gar nicht denkbar gewesen. Oder Popacid, Studio 1, Freiland, Profan, Kompakt, lauter perfekt durchgestylte Produktlinien mit festen Parametern, grundlegend einfachen Bildern, Themen und einer klaren Kommunikationsstruktur, wie sie sonst in Deutschland nur von Gabi Bauer (Tagesthemen) zu erwarten wäre. So auch jetzt Kreisel, das in schöner Regelmässigkeit tatsächlich fast Woche für Woche dieses letzten Jahres des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer neuen Seriennummer da ist, so als hätte man Nietzsches ewige Wiederkehr gerade rechtzeitig erst erfunden. Kölner mochten Singles schon immer besonders gerne. Als das Kompakt noch Delirium hiess und Veronica Unland-Schlebes noch im “L” auflegte, da war eine Single viel mehr als einfach ein neues Stück Musik. Eine Single war auch Begeisterung für Musik, und vor allem die Begeisterung, die es nur auf Singles geben kann. Der putzigste Underground und der peinlichste Mainstream auf dem perfekten Kindermedium, das jeder ernsthafte Musikfan, der ja eh nur über Alben oder 12″ reden will, hassen muss, weil sich hier all das so gut versteht, was gar nicht miteinander reden dürfte. Singles sind die Antithese des vielgerühmten Kölschen Klüngels. Als die ersten Singles im Delirium auftauchten, da lehnten die Technoproduzenten mit kurzgeschorenen Haaren den Kopf seitlich, wie im Zoo, wenn man Tiere bestaunt, weil sie so irreal sind, und sahen leicht irritiert von Angesicht zu Angesicht in dieses kleine Ding hinein, als würde es ein Geheimnis haben, das man auch haben will, weil man es früher ja sowieso schon mal hatte. Singles tropften als irritierende, irre charmante Nostalgie in eine Welt, in der alles morgen stattfinden soll, und so wurde aus der Nostalgie eben eine der Zukunft. Die wiederum braucht Pflege in letzter Konsequenz, und so purzelten bald Frugivore Singles in 4er Fruchtzwergepacks, Weihnachts-Mike Ink- Singles (“Jingle Bells”, Profan 001) in hoffnungsvollem transparentem Blau, Favorites der Gründertage (“Never Been On E”) und einiges andere auf den Gabentisch (Ex-Ladentisch), und man hatte ein neues Kind geboren. Hätten Techno-DJs damals Haare gehabt, sie hätten sie sich gerauft, so aber zeigten sie, wie gut man mit diesen sympathischen Dingern eigentlich jonglieren kann. Und so lebte auch das Konzept einer unwahrscheinlichen Neutralität in Köln weiter, und es war klar, dass irgendwann Entrepreneur par excellence Wolfgang das ganze in ein passendes Konzept (wir machen’s kurz: Kreisel, der erste antipsychologische Entertainer, der erste Synthesizer, die längst fällige Verbindung vom Kleinkind zur Maschine, die Wissenschaftsbegeisterung, Autismus, Autonomie, Antihumanismus usw. usf. alles auf lächerlichen 7 Zoll komprimiert) packen würde, und Kreisel kam genau richtig, zusammen mit den fetten Katzen (Indoor, das andere, leider etwas stillere 7″-Label Kölns), um die Stadt als Produktionsstätte von sehr realen Träumen endlich wieder schnurren zu lassen, und, wer es noch nicht weiss, Investition in den Kreisel Fond sind ein erster Schritt zum felsenfesten Bau der eigenen dritten, privaten Rentenvorsorge, für alle, die so ganz selbständig nicht erwachsen werden können.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.