Sind wir nicht alle ein bisschen eingebettet?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 71

Der Irak-Kriegs-Konsument ist auf der Höhe der Zeit drogenabhängig. Zuerst durch das monatelange Tauziehen vor der UNO so richtig heiß gemacht, war die erste Woche ein durchgehender Inforausch. Der beliebte simultane TV- und Netzkonsum macht aus jedem Wohnzimmer einen echten News-Room und für den aufmerksamen Süchtigen war es ein leichtes, sich auf den Wellenkamm zu schwingen und immer irgendeiner Redaktion voraus zu sein. Verstärkt wurde der Effekt selbstredend durch das pseudo-medienkritische Geschwätz, das jetzt zur Grundausstattung jeder Teleprompter-Einheit gehört. “Angeblich” ist das Zauberwort, das aber in der Kombination mit dem Bilderstrom im Kopf des Süchtigen nur einen Schluss zulässt: Irgendwo in dieser Pixel- und 8-Bit-Soundsuppe muss sich die Wahrheit verbergen, man muss nur genug Ausdauer und Hartnäckigkeit an den Tag legen. Als untrügliches Indiz für eine Spur werden fortan kleine Widersprüche und Risse im Stream gewertet. Und davon gibt es selbstredend reichlich, allein weil die “Profis” in den Sendern genauso übermüdet und kopflos agieren wie der Warjunkie und so aus einem Hinterhalt nahe Basra zwei Kanäle weiter ein energischer Vormarsch “70 Kilometer südlich von Bagdad” wird. Spätestens in der zweiten Woche überhitzt die eingebettete Sofakartoffel und im Fieberwahn kommen zu den offensichtlichen Widersprüchen auch noch die subtilen, erahnten oder auch nur halluzinierten Ungereimtheiten. Alles wird unsicher und bleibt gleichzeitig hoch dramatisch. In dieser Situation bleiben als einzige Freunde die inzwischen liebgewonnen Experten-Onkel, von denen man ganz selbstverständlich annimmt, dass sie ihre WWII-Feldbetten in der Maske aufgestellt haben und deshalb jederzeit für einen da sind, um die Minutenschnippsel mittels ungelenken Pfeilen zu einer Stundenlage zu klären. Solcherart weich gekocht und in der dritten Woche auch körperlich ausgelaugt, muss die “Befreiung Bagdads” als echte Erlösung begriffen werden und der Warjunkie weint vor Rührung, wenn die Iraker endlich mal jubeln oder wenn der kleine Achmed um Armprothesen bittet. Im Ergebnis dürfte die Psy-Ops des Pentagon also hoch zufrieden sein, ob das Ganze in dieser Form geplant war, ist allerdings wieder mal nur “mutmaßlich”.

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Elektronische Lebensaspekte.