Text: Anton Waldt aus De:Bug 71

“Info-” und “Cyberwar” sind erwartungsgemäß bis auf ein paar Scharmützel ausgefallen, statt dessen kam mit dem Irak-Krieg die erste volldigitalisierte Propaganda-Schlacht. Die war allerdings mindestens genauso revolutionär wie die digitale US-Kriegsführung (Network Centric Warfare, NCW), wenn auch nicht genauso zielstrebig. Und beide sind zunächst ein Kampf um Bandbreiten, mangels zuverlässiger Kabel also um den Zugang zu Satelliten. Demnach sind die Anbieter von Satelliten-Diensten auch die unangefochtenen Kriegsgewinnler. Bereits im Vorfeld des Feldzugs gab es ein heftiges Gerangel um Sat-Kapazitäten zwischen den Medien und den US-Militärs, die für ihren NCW deutlich mehr Bandbreite benötigen, als die eigenen Satelliten bieten können: Schon während des Afghanistan-Feldzuges mussten sich einzelne Einheiten auf dem Feld um die knappen Kapazitäten streiten, beispielsweise um verschlüsselte Uplinks oder den Video-Stream von den Überwachungs-Drohnen empfangen zu können. Wie viele “Präzisonsbomben” im Krieg das falsche Ziel trafen, weil die Bandbreitenknappheit zu Übermittlungsfehlern oder -Schlampigkeiten führte, wird allerdings ein todsicher gehütetes Geheimnis bleiben. Nachdem die Kontrahenten mittels Marktwirtschaft und patriotischen Appellen ihre Datenclaims abgesteckt hatten und der echte, blutige Bodenkrieg begonnen hatte, mussten die Militärs neue Wege finden, um unliebsamen Datenverkehr zu unterbinden: Zuerst wurde breitflächig, aber vage verbreitet, dass unabhängige, nicht eingebettete Reporter, die ihre Sat-Telefone benutzen, zu Bombenzielen werden könnten, da auch Iraks Militärführung auf die praktischen Geräte zurückgreife. Dass die massenhafte Ortung in Echtzeit viel zu aufwendig ist, wurde dabei diskret verschwiegen. Danach wurden die Methoden gegen den unerwünschten Datenstrom deutlicher: Der Irak verbat den Gebrauch von Sat-Telefonen gänzlich und das Pentagon verbannte die Geräte des einzigen arabischen Anbieters, Thuraya, vom Schlachtfeld. Die westlichen Anbieter Inmarsat und Iridium waren offensichtlich schon so weit eingebettet, dass man deren Kunden ohnehin unter Kontrolle wähnte.

Demokratisierung als Kollateralschaden
Auf der anderen Seite der Streams, dem von TV-Bildern auf die Erde, zeichnet sich unterdessen eine für die USA höchst zwiespältige Entwicklung ab. Trotz und nicht wegen der wiederholten US-Beteuerungen, es ginge hier um die Demokratisierung der ganzen Region, könnte der Irak-Krieg und sein medialer Widerhall zumindest die Basis für eine demokratische, arabische Öffentlichkeit sein: Al-Jazeera darf relativ offen über alles berichten, nur eben nicht über die Verhältnisse in Quatar. Der Krieg hat allerdings die Entwicklung von mindestens zwei Sendern rasant beschleunigt, die diese Asymmetrie korrigieren könnten: al-Arabiya und Abu Dhabi TV. Dabei steht außer Zweifel, dass sich deren Aktivitäten nach dem offiziellen Ende des Irak-Kriegs nicht wieder vollständig einschränken lassen werden. Im Effekt hätte die Golfregion zum ersten Mal eine überregionale TV-Medienlandschaft, die sich alleine durch die Konkurrenzsituation nicht mehr durch lokale Zensur beschneiden ließe. Dass die genannten Sender sich als Player verstehen, wird alleine dadurch deutlich, dass sie es zur allgemeinen Verblüffung schafften, durch technischen Support Iraq-TV immer wieder On Air zu bringen – im Gegenzug bekamen sie anscheinend Exklusiv-Bilder vom Irak.

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Elektronische Lebensaspekte.