Wie die USA die IT-Branche retteten, oder: Der staatliche Businessplan, der Venture-Kapitalisten gegen Wehretatsbeamte ersetzt. Mit einem sensationell aufgestockten Rüstungsbudget wird die Achse des Bösen zerbrochen und Silicon Valley geflickt. Ein amerikanisches Husarenstück.
Text: anton waldt aus De:Bug 58

“Die neueren Kriege haben durch das Bestreben der Regierungen eine regelmäßige, zusammenhängendere Gestalt bekommen, der kriegerische Zweck herrscht überall vor und fordert auch in Rücksicht des Unterhalts solche Einrichtungen, dass ihm überall Genüge geschehen könne.”
[Carl von Clausewitz: “Vom Kriege”]

Vor nicht allzu langer Zeit hatten die USA noch Unternehmer, die versprachen Gold aus digitaler Scheiße zu zaubern, und einen frisch gewählten Präsidenten, dessen Glaube an die freien Kräfte des Marktes seine Gottgefälligkeit locker ausstach. Dann ging alles irgendwie schief und die digitale Scheiße blieb hartnäckig unverkäufliche Scheiße und ein Präsidentenkumpel setzte den Petersdom der freien Marktwirtschaft namens “Enron” in den Graben. In der Zwischenzeit hatten, zum Glück für den Präsidenten und die entzauberten Wunderunternehmer, gemeine Fieslinge das World Trade Center niedergemacht und damit ganz neue Optionen eröffnet, die dem staunenden TV-Publikum unter dem genialen Claim “The end of the world, as we knew it” aufs eindringlichste nahegebracht wurden. Rund zwei Jahre nach dem Platzen der Dotcom-Blase können jetzt weite Teile der US-IT-Branchen wieder auf solider Basis Hoffnung schöpfen. Statt auf Risikokapital wankelmütiger Investoren kann das Silicon Valley auf staatliche Planwirtschaft setzen, die durch garantierte Budgetsteigerungen in den nächsten fünf Jahren besticht.

Der fette Kuchen

In diesem Jahr wird das US-Militärbudget um lässige 48 Milliarden USD [55,6 Milliarden Euro] und das Budget für die Zivilverteidigung auf satte 38 Milliarden USD aufgestockt. Die Erhöhung des Verteidigungsbudgets ist dabei die deutlichste seit 20 Jahren, der Wehretat beträgt jetzt 379 Milliarden USD – bei einem Gesamtbudget von 2,1 Billionen USD. Präsident George Bush jr. plant zudem für die kommenden fünf Jahre weitere Erhöhungen der jährlichen Verteidigungsausgaben um insgesamt 120 Milliarden USD auf 451 Milliarden USD. Und dieser fette Kuchen, mit dem die US-Industrie gemästet werden soll, bekommt noch durch diverse weitere Sicherheitsausgaben, die in anderen Budgetposten stecken, einen leckeren Zuckerguss. Zum Beispiel mit den 1,8 Extra-Milliarden für den Bereich Strafverfolgung. Mit dem Geld sollen explizit nicht nur die staatlichen Apparate aufgebläht werden, ein Großteil soll in neues Equipment für Militär-Gadgets, Überwachung, Profiling und den Informationsaustausch gehen. So kann Bush wenigstens Reste seiner Marktgläubigkeit in die neue staatliche Planwirtschaft herüberretten und gleichzeitig die heimische High-Tech-Industrie an den bequemen Tropf mit Steuergeldern hängen.

Das Coolness-Problem

Eigentlich ist alles nett hergerichtet und die gescheiterten Dotcoms müssten sich nur noch in die gemachten Betten des Pentagons kuscheln, dummerweise werden hier aber gänzlich andere Schlafgeschichten erzählt, als dies bei den Risikokapitalgebern der Fall war. Statt Fonds-Managern, die danach gieren, ihre Millionen coolen Nerds aus der Garage in den Rachen zu werfen, müssen jetzt Beamte in Uniform überzeugt werden und die haben in ihren Aktenkoffer nicht Fantasie, sondern Formulare. Damit die wunderbare neue Planwirtschaft nicht an dummen soziologischen Hürden scheitert, muss also ein bisschen solide Vermittlungsarbeit geleistet werden und das ist Chefsache: US-Vizepräsident Dick Cheney, der gemeinhin als Macher hinter seinem arbeitsfaulen Präsi gilt, ist persönlich ins Silicon Valley gereist, um der Sage von den gefüllten Töpfen Nachdruck zu verleihen. Als Kulisse wurde das Tech Museum of Innovation in San Jose gewählt, wo das Valley seine eigenen Erfolge feiert. Cheney rief in einer Rede die versammelten IT-Industrievertreter dazu auf, sich an der Entwicklung von Militär- und Sicherheitstechnologien zu beteiligen – und daran gut zu verdienen. Der Vize-Präsident mixte in seiner Rede nahtlos den patriotischen Appell, sich an der Landesverteidigung zu beteiligen, mit der Aufforderung, vom Rekordmilitärbudget zu profitieren. Zunächst betonte er, dass die gewachsenen Budgets auch für eine Reihe von technologischen Entwicklungen ausgegeben werden sollen, von Datenbanken für die Terroristensuche bis hin zu High-Tech-Waffen. Anschließend äußerte er die Hoffnung, dass ein Großteil der Entwicklungsarbeit im Silicon Valley geleistet werden könnte, um dann im Finale den großen Sinndreh hinzulegen: “Diese Technologien könnten in fünf bis zehn Jahren auch sie [die versammelten IT-Manager] beschützen.”

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Elektronische Lebensaspekte.