Vergiss Videokonsolen: Der Irakkrieg wurde schon mehrmals mit echten Soldaten durchgezockt. Nur: Warum nimmt die USA die High Scores nicht ernst?
Text: Oliver Koehler aus De:Bug 69

Game Over?
Grafenwöhr ist jetzt Irak, zum Beispiel

Schon lange vor Beginn der weltgrößten, werbefinanzierten Ballerorgie laufen die ziemlich authentische Szenarien und Simulationen. So waghalsig wie diese Operation am persischen Golf sein mag, kann man den US-Streitkräften dennoch kaum vorwerfen, sie hätten sich nicht ? zumindest in ihrer Logik – vorbereitet. Ende Januar, beispielsweise, startete die in Heidelberg stationierte Streitkraft, V-Corps (Motto: “It will be done”) – eine groß angelegte Simulation mit 4.000 Militärs und Zivilisten im oberpfälzischem Grafenwöhr. Codename: “Victory Scrimmage” (Siegesgerangel). Die Mischung aus Computer- und Echtzeitsimulation (BCTP) sollte vor allem die Koordination von Deep-Strike Operationen testen. Eigentlich eine gängige Routine ohne allzu großen Bezug auf den Irak, wäre da nicht die Tatsache, dass eine ehemalige Kuwaitdivision mit im Spiel war und eine der Stadtkulissen “Baghdorf” hieß.

Baghdorf

Während echte Menschen die “Guten” spielten, saßen hinter den “bösen” Joysticks OPFOR Kämpfer (oppositonal forces), “Wargamers”. Mit gegnerischen Doktrinen bewaffnet, sollten sie seine Angriffe emulieren und die “Guten” rein virtuell attakieren. Wie gut das funktioniert hat, ist nicht bekannt. Vielleicht gerade auch deshalb, weil sich die Militärs nicht wiederholt einen Gesichtsverlust leisten wollten.
Bei einer ähnlichen Simulation im Sommer 2002, großkotzig “Millenium
Challenge” genannt, wurden die Grenzen dieser Doktrin-gesteuerten Methodik klar. Anscheinend wurden alle möglichen asymmetrischen und unkonventionellen Kriegstaktiken einberechnet, nur nicht der irakische Typus. Wie der designierte Gegner der US-Streitkräfte, der pensionierte Lieutenant General und Vietnam Veteran Paul Van Riper damals dem britischen Guardian erklärte, konnte sich die Militärführung nur bedingt in die Köpfe der “Schurken” hinein versetzen. “Sie wollten nicht akzeptieren, dass man Sachen macht, die man nicht im Westen machen würde.” So konnte er ganz leicht die Kommunikationshoheit der Amerikaner untergraben. Statt, wie die Generäle vermuteten, mit Mobiltelefonen und per Satellit Befehle zu erteilen, überließ er die Kommunikation Motorradkurieren und den Moscheelautsprechern.
Er gewann.
In einem echten Konfliktsszenario werden sicher die USA ”gewinnen”. Nur lautet die Frage, wie sehr sie einen auf die Mütze bekommen, wenn sie Leute wie Van Riper oder schlimmstenfalls Saddam Hussein falsch einkalkulieren. Letztendlich kämpften bei “Victory Scrimmage” ”die Guten” gegen US-indoktrinierte Führungskräfte ohne den nötigen irakischen Background.

Die Illusion des geraden Krieges

Die Ergebnisse solcher Planspiele sind aber nicht unbedingt als Folge der militärischen Planlosigkeit zu deuten. Vielmehr sind diese militärischen Wargames zu eindimensional, sowohl in ihren Missions-, als auch in ihren politischen Überlegungen. Die USA vergisst, dass die “Gegner” seit Jahren ihre Strategien in Echtzeit üben. Gruppen wie die Al-Qaida und Hizbollah brauchen keine Playstation2. So pervers es vielleicht klingen mag, mit Großereignissen wie 9-11 oder dem Angriff auf die USS Cole gewinnen sie wertvolle Informationen über den Verteidigungszustand der USA. Technologisch mögen die USA einen übermächtigen Vorsprung haben; ihr Wissen beruht aber auf Theorie und nicht auf Praxis, wie das der Rebellen.
Genau diesen Wissensvorsprung bauen nicht-militärische Szenarien in ihre Überlegungen ein. Wie selbst die als konservativ eingestufte Brookings Institution ahnt, wird die US-Führung mehr als einen Vorwärtsmarsch nach Bagdad in seine Planungen einkalkulieren müssen. In ihrem “Wargame” kamen die akademischen, politischen, und militärischen Teilnehmer zum Ergebnis, dass George W. den Feldzug nach Bagdad noch lange nicht mit dem Gang zu einer riesigen Chevron-Zapfsäule verwechseln darf. Anstatt linear und zielgerichtet wie seine Militärführung unter Kriegsherr Rumsfeld zu denken, müssen alle möglichen parallelen Ereignisse berücksichtigt werden.
Wie so ein Schlamassel dann im Worst-Case-Scenario aussehen könnte, darüber gibt ganz im Sinne des digitalen Zeitalters eine Flashseite mit dem Titel Gulf War 2 (aka World War 2.5) Aufschluss. In dem “Mutter aller Flash Games”, dessen Ergebnisse auf temporalen Algorithmen und historisch semiotischen Analysen basieren, gewinnen zwar die Amis gegen Saddam, verlieren aber schnellstens die Oberhand, während sich die arabische Welt fast CNN-klischeehaft in einen Krisenherd verwandelt. Nachdem das Bush-Imperium Bad Boy Saddam zurückgeschlagen hat, melden sich in Saudi-Arabien Al-Qaida Rebellen und in Afghanistan alte Taliban Buddies zusammen mit schiitischen Kämpfern, um die USA in einem panarabischen Jihad gegen die USA einzukesseln. Keine allzu hübschen Aussichten für Dubya. Aber immer noch eins zu null fürs Spiel: Denn Microchips kommen schließlich nicht in Bodybags zurück!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.