Text: Max Dax aus De:Bug 17

Jahre der Erinnerung Kruder & Dorfmeister Max Dax maxdax@t-online.de Wer Kruder sagt, muß auch Dorfmeister sagen. Nachdem das Wiener DJ-Duo und Produzententeam Kruder&Dorfmeister 1996 mit der Studio-K7-Veröffentlichung “DJ-Kicks” seinen Durchbruch im Freestyle erlebte, ist viel Gras geraucht worden. Als Remixer gehören sie 1998 zu den Gefragtesten dieser Welt, eine Behauptung, die sich bestens mit ihrer 13-Minuten-Version von Madonnas “Nothing Really Matters” untermauern läßt. Und als hochbezahlte Publikumsmagneten bereisten die DJs, längst zum zugkräftigen Aushängeschild für untertourige Beats geworden, die Metropolen dieser Welt und legten – bisheriger Höhepunkt ihrer Karriere als Performing Artists Ð, vor 30.000 Menschen auf dem Wiener Hofplatz auf, wo sie zum Entzücken der Menge ihr Set mit Falcos “Ganz Wien” (mit der berühmten Textzeile “Ist heut’ auf Heroin und Kokain”) beendeten. Derlei gerüstet und von einer – der Außenstehende würde sagen: lässigen – Nonchalance umgeben, veröffentlichen Kruder&Dorfmeister heuer langerwartet und oft verschoben ein neues Doppelalbum. Es trägt den Titel “The K&D-Sessionsª” und zeigt die beiden Protagonisten im österreichischen Burgenland, in der Natur, vor Himmel und Sonnenblumenfeldern. Das Cover präsentiert sich dabei wie eine verschwommene Erinnerung oder Footage eines Super-8-Amateurfilms: überbelichtet und unscharf. Das allerdings paßt hervorragend zum Inhalt, schließlich ist diese Veröffentlichung nichts anderes als eine Erinnerung; umfaßt die erste CD zehn Remixe, die Kruder&Dorfmeister in den letzten Jahren für andere Künstler angefertigt haben, listet die zweite CD nicht weniger als neun Remixe und drei Fragmente neuer Tracks der Wiener Geschwindigkeitsdrossler auf. Nur daß Peter Kruder und Richard Dorfmeister statt “Remix” lieber das Wort “Session” (auf deutsch: “Sitzung”) gedruckt sehen, weil ihr Arbeitsprinzip vorsieht, stets auf nicht mehr als einige wenige, markante Momente des Originals zurückzugreifen (und den Rest neu einzuspielen), statt im übertragenen Sinne bloß vorhandene Tonspuren neu zu mischen. “Themen zu haben, darum geht es. Wenn man ein Thema für die Musik hat, kann man daran festhalten und es formen. Hat man kein Thema, wird’s auch schwer, eine alternative Version zu erschaffen”, erklärt Peter Kruder das Prinzip Auferstehung. Das Thema und ein kleiner Rest vom Original, etwa eine einzelne Gesangslinie, wie jüngst beim Madonna-Remix, der dank seiner LSD-Stimmung überraschenderweise zum “In-A-Gadda-Da-Vida” der 90er Jahre mutieren könnte. Aufwendig sind solche Sessions und zeitraubend, weil ganze Stücke neu konstruiert werden, Kruder&Dorfmeister quasi als Zwei-Mann-Orchester mit Composing-Programm und wechselnden Gastmusikern ihre von Antonio Carlos Jobim (brasilianischer Musikergott) inspirierten Ideen realisieren. “Was wir lieben, sollen auch andere mitbekommen”, begründet Peter Kruder die Entscheidung, diese umfangreiche Kompilation von Remixen heute zu veröffentlichen, anstelle des schon seit langem von den Fans des Duos geforderten ersten Full-Length-Albums. Daß “The K&D Sessionsª” dennoch wie ein Album funktioniert, liegt zum einen daran, daß die auftauchenden Tracks von Peter Kruder und Richard Dorfmeister im CD-Format zu einem schier endlos wirkenden Listening-Mix zusammengetragen wurden, zum anderen daran, daß die beiden Produzenten keine Scheu vor Gitarre, Trompete und Slap-Bass haben. Richard Dorfmeister: “Wir machen das ganze ja nicht aus Zufall. Es ist der Klang, der uns am besten gefällt. Es ist die Musik, die wir gerne hören, und es ist die Musik, die wir gerne hätten.” Die Dynamik der Wiederveröffentlichungen (sieht man von den kleinen, kosmetischen Korrekturen ab, die die Stücke zusammenschweißen) ist enorm, und der Spannungsbogen, den Kruder&Dorfmeister für ihre zwei Suiten kreierten, macht sogar dann Sinn, wenn man den Austriaken diese Zweiteilung vorwerfen möchte: Als ob sie es geahnt hätten, wurde auf der Vinylversion der “K&D Sessionsª” nur das Material der ersten Mix-CD als seperate Tracks auf drei Maxi-Singles gesplittet. Die als Mix deutlich inspiriertere zweite CD dagegen taucht als Mix auf Vinyl wieder auf. Richard Dorfmeister: “Das Gefühl sagt mir, daß Handanlegen aus einem Original ein neues Original macht. Insofern vertreten unsere Remixe, unsere Bearbeitungen auch eher ein Album als eine bloße Kollektion von Remixen. Für mich sind sie längst zu eigenen Stücken geworden, und dieses Album jetzt ist die Aufarbeitung von Jahren der Arbeit und Jahren der Erinnerung.” Damit das nur klar ist. Text © 1998 by Maximilian Dax. ZITAT: Das Gefühl sagt mir, daß Handanlegen an einem Original ein neues Original macht.

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Elektronische Lebensaspekte.