Aus der Tapeszene als halber Dauerfisch in den Bungalow. Und jetzt als Künstler Treu auf Eleganz als der Verfechter für ein Quentchen Humor in der Cutcopypasteszene. Ein notorischer Unruhestifter zwischen Fettnapf und Wittgenstein.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 53

elektronika

Fall oder All?
Künstler Treu

Vor langer, langer Zeit, damals, schon nachdem Künstler Treu noch nachts unter der Bettdecke die neuen Folgen von Ufo auf seinem japanischen Transistorradio hören konnte, weil es sich nicht an die deutsche Postnorm hielt, und sogar Polizeifunk, auf jeden Fall aber Fernsehen als Hörspiel übertragen hat, noch nach der Erfindung der 303, aber lange vor ihrem Einsatz als Stimme einer Generation, kurz nach dem großen Sterben der Neuen Deutschen Welle als Schlager, aber bevor Grunge erfunden wurde, noch knapper bevor England den großen Whimp als neues Rolemodel erfand, also eigentlich genau zu dem Zeitpunkt, als Valerie Trebeljahr geboren wurde, da gab es in Deutschland so etwas wie eine Tapeszene. Und Mitglied konnte jeder werden, der sein Jugendschlafzimmer in ein minimales Tonstudio verwandeln konnte. Künstler Treu (Künstler Künstlervorname, Nachname Treu) war dabei. Grade nach Berlin gezogen, eine Stadt, in der man noch farbige Haare haben musste und Neubauten schon als Kulturgut sah, mit langen Haaren aus dem Süden hereingezogen, Tapekopierstelle bereit, schloss er sich dem ersten großen Filesharing-Netzwerk an, zu dem man neben erwähntem Tonstudioschlafzimmer noch genau fünf Fähigkeiten brauchte: Gewissenhafter Umgang mit Scheren, urbanes Durchhaltevermögen bis zum nächsten Kopierladen, Kleingeld für leere Tapes, die Fähigkeit, Briefmarken zu kleben, und ein Verständnis von Instrument, das sich nicht im Öffnen einer neuen Timeline auf Cubase erschöpft. Bis auf die letzte kulturelle Errungenschaft, die eigentlich jede Gegenkultur so oder ähnlich auch heute noch erzwingt. Doch warum Gegenkultur?
Man tauschte damals Stücke, die man mochte, gemischt mit Dingen, die man machte, schickte Briefe quer übers Land, ohne vom Verfassungsschutz dafür behelligt zu werden, und befand sich in guter Gesellschaft derer, die an Musik als Bastelei glaubten. Einige dieser Menschen gibt es heute noch, Harald Sack Ziegler z.B. Tapes sind so gut wie ausgestorben. Es gab damals die Idee, dass Musik vielfältig sein darf, das Leben so etwas ist wie eine gute Compilation. Also machte jeder, um sein Leben in den Griff zu bekommen, selber welche. Bei manchen, wie bei Künstler Treu, entwickelte sich daraus ein Musikstil. Zusammen mit dem anderen Künstler (Abshagen) begann er damals eine Band namens Dauerfisch und damit eine Karriere, die über ein Jahrzehnt durch die verschiedensten, jeweils möglichen unhippen Bereiche trudelte, getragen nur von einer Musikszene, deren Widerhall in den Medien so gut wie null war und die er selber als großes Verlierertum bezeichnen würde. 85 mit deutschen Texten war zu spät, 87 mit Discofragmenten entschieden zu früh, 89 mit Lounge und Tikibar ganz woanders, 92 mit Gesang ein Verbrechen. 95 ohne Krautrock keine langen Haare. Dauerfisch ließ sich von den verschiedensten Nullnummern nie abhalten und feilte an ihrem Konzept zwischen Lounge, großen Witzen, grandios albernen Texten, offenem Ernst, verschiedensten Compilationbeiträgen, eigenen Versuchen als Label, abgezockt werden von Indies und brachliegendem Danebenliegen so lange rum, dass man vermutlich fast überrascht war, als Bungalow ihnen nicht nur die Möglichkeit gaben, das rauszubringen, worauf sie Lust hatten, sondern das auch noch in einen Kontext fiel, der gehört wurde. Es entstanden zwei abenteuerliche Alben und viele Tracks wie “Entspannung is beautiful” oder CD Titel wie “1000 ganz legale Steuertricks”, die dem Zwerchfell und der heiligen Instanz heiliger Peinlichkeiten wie ein Terroranschlag vorkommen mussten. Deutschland tut sich gelegentlich schwer mit Humor. Weshalb die Fans der beiden sich auch jetzt, wo sich Dauerfisch aufgelöst haben, vor allem dort befinden, wo man Texte auf Deutsch mit dem Wörterbuch liest. Sie hätten berühmt werden können, genau jetzt, aber Abshagen hatte Gründe, es nicht zu tun.
Künstler Treu ohne Dauerfisch, das konnte nicht lange gut gehen, denn wer sein Leben einmal seit Jahrzehnten darauf ausgerichtet hat, Musik zu produzieren, und dafür sogar nach einem Jahrzehnt noch Kopfkissen im Bedroomstudio auf den Gitarrenverstärker legt, nur um diese Mischung aus analogem Spielen und programmiertem Wahnsinn so gut hinzubekommen, dass die Unterschiede, der scheinbar unüberwindbare Graben, sich auflöst, wie sich die reale Transparenz zugunsten einer Faszination der Dichte für den nicht mehr hörbaren Klang auf Tapes der dritten Generation oder im zusammenschweißenden Einbrennen von Vinyl, kurz wie sich Material und Psyche vermischen, der gibt das nicht einfach auf.
Seine ersten Schritte auf Eleganz Namens “humuhumunukunuku-apua’a” waren dennoch vergleichsweise vorsichtig. Fast schon konterrevolutionär elektronisch mit hawaianischen Badesalzsamples (wo er immer noch gerne Urlaub macht, auch wenn fast jede Erinnerung an den Mythos Hawaimusik von der Insel getilgt ist durch einen Tsunami an Fosters) lehnte er sich in einem ungewohnt loungig unsperrigen Tasten zurück, was nun, da Dauerfisch nicht mehr ist, obwohl das neue Album fertig wäre, all die sperrigeren Riffs verzerrter Feedbackgitarre, die deutschen Texte, den Gesang überhaupt, die merkwürdigen Geschichten von Schweizer Sekten zu einer inneren Revolte brachte. Die heißt: “My Sketchbook Of Whack” und wurde bis zum Presstermin sogar vor den Eleganz-Männern geheimgehalten, denn whack ist nur, was einen auch überrascht. Und so findet der Wahn der stilistisch unbestimmbaren Welt aus geheimen, aber offenliegenden Vorlieben für alles, was der Fall ist, seinen Weg mitten aus der Tapeszene der 80er hinein in die Cutcopypastegeneration von Indietracks, in der sich Künstler Treu gar nicht verorten will, weil a) der Humor meist fehlt, b) die Vielseitigkeit eher viele gleichklingende Tracks heißt, c) er nicht weiß, wie er live auftreten soll, weil man d) als Einmann-Band doch ganz schön alleinunterhaltermäßig wirkt, was e) großen Entertainment sein könnte aber f) nicht genug Energie hat, dafür g) aber finanziell nicht so desaströs wäre, vermutlich aber h) auch wiederum keinen so richtig kümmert. Also stiftet er i) lieber, wie schon immer, Unruhe durch die eigene Ordnung, züchtet hartnäckige Fans und erstaunte Gesichter durch musikalische Hybride mit langer Haltbarkeit, egal wie unhaltbar oder unaufhaltsam im einzelnen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.