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Text: Robert Andersen aus De:Bug 30

Kulturschock Massenshopping Von neuen Tradingmodellen per Internet Berlin, 9. Dezember 2006 Sehr geehrter Massenshopping-Kunde, auch diesmal haben wir es wieder geschafft, ein sensationell günstiges Angebot für Sie auszuhandeln. Diese Woche erhalten Sie alle Picknickkörbe bei uns zum halben Preis*. Klicken Sie einfach http://www.de.massen.shop/Picknickkoerbe und sichern Sie sich Ihr Massenshoppingangebot der Woche. Falls Sie andere Wünsche haben, scheuen Sie sich nicht, sie uns mitzuteilen. mailto:wuensche@de.massen.shop (* ab mindestens 19 Mitbestellern) Ihr Massenshopping Team Wir erfüllen Wünsche. Was soll ich denn mit einem Picknickkorb und noch dazu mitten im Winter? Letzte Woche, das war ein tolles Angebot: Segeljachten mit 2 Schlafkabinen, hochseetauglich, 1 Jahr Garantie für nur 1.999,- Euro. Allerdings ist nichts daraus geworden, weil noch 128 Mitbesteller fehlten, um die benötigte Bestellmenge von 500 Stück zu erreichen. Und für den Originalpreis von 3.999,- Euro waren mir 2 Schlafkabinen und die fortdauernde Wochenendverpflichtung dann doch ein bisschen zu teuer. Shock eins Auch ich hätte vor sechs Jahren nicht daran gedacht, dass ein online-basiertes Mengenrabattsystem einen solchen Erfolg haben könnte. Schliesslich starteten die Entrepreneure des Rabattverkaufs letsbuyit.com und powershopping.de im November 1999 nur mit einem relativ kleinen Angebot. Doch nach den ersten eCommerce-Aktivitäten, dem Entstehen von Preisagenturen und dem Boom von Online-Auktionshäusern war die Idee des digitalen Massenverkaufs genau das, worauf die Analysten des überbewerteten Netzmarktes gewartet hatten. Neue Portale mussten her, neue Zielgruppen-Panels und auch neue Begriffe, die allesamt mit e- oder project.dots gespickt sein sollten. Von da an konnte sich jeder auch das leisten, was er sich früher nie leisten konnte – er musste nur genügend Mitkäufer finden – ein Unterfangen, das angesichts der damaligen Community von weltweit 150 Millionen Onlinenutzern nicht so einfach war. Erste Auswirkungen des neuen Tradingmodells zeigten sich Weihnachten 2000, als sich auffällig viele Geschenke unter dem Weihnachtsbaum ähnelten. Speziell Eletronikartikel, IT-Ware und Onlineklassiker wie Bücher und Soundfiles waren von dem Ähnlichkeitssyndrom betroffen. Einen Winter später kamen auch Waren hinzu, die vorher keine direkte Affinität zum Netz besassen, wie beispielsweise Kleidung, Autos und teure Uhren sowie andere Luxusgüter. Langsam entdeckten die Konsumenten, was für die Industrie bereits seit Henry Ford zum Alltagswissen gehörte: Individualität ist verdammt teuer. Diese Erkenntnis wurde durch Rabattshopping auch für Privatpersonen spürbar, die zuvor bis zu 35 Prozent höhere Ausgaben für sämtliche Güteranschaffungen, ausgenommen der Fast Consuming Goods, hatten. Seit dem Weihnachtsgeschäft 2004 beschwere ich mich schon gar nicht mehr über die Uniformierung – schliesslich ist Individualität nur mühevoll erarbeitete Lässigkeit. Shock zwei Nicht einmal 40 Prozent der europäischen Spitzenmanager glaubten 1999 laut Andersen Consulting, dass electronic Commerce ihr Geschäft radikal verändern wird. Wahrscheinlich waren nur wenige unter den Befragten, die Handelsgüter herstellten, Dienstleistungen verkauften oder auf andere Art am Warenverkehr teil hatten. Nicht nur, dass mit Mengenrabatten von bis zu 50 Prozent kein Händler mehr konkurrieren konnte, auch die Stärken eines Handelsunternehmen wurden durch das Internet ad absurdum geführt. Ein Gefühl für die Bedürfnisse der Kunden zu haben, billig beim Hersteller einzukaufen und es mit Gewinn vor Ort beim Konsumenten zu verkaufen – all das war im Netz nicht weniger als eine Selbstverständlichkeit. Überstanden haben diese Entwicklung einzig die Händler, deren Beratungs-Know-How sich nur schwer in Shopassistenten digitalisieren liess. Eine Ausnahme bildete die schweizerische Metro-Holding, die sich zum Wohl der 50-prozentigen Tochter Primus Online (weitere 50 Prozent gehörten der Daimler-Chrysler-Tochter Debis) und dessen Mengenrabattangebots powershopping.de selbst kannibalisierte. Dies allerdings stellte für die Schwesterunternehmen Media Markt und Kaufhof nur einen schwachen Trost dar. Den klassischen Handelskonzernen blieb nur die Flucht in die Etablierung eigener Portale oder die Verkleinerung des Angebots auf nicht-online-affine Güter. Bei den zu jener Zeit im Einzelhandel üblichen Handelsspannen von 3,0 Prozent und weniger war es kein Wunder, mit welcher Beschleunigung die Umstrukturierung des Handels einherging – von dem ebenso beschleunigt gewonnenen Potenzial an ungebundenem Personal ganz zu schweigen. Ein Teil davon fand sich als Logistikdienstleister wieder, um den vom neuen Tradingmodell angekurbelten Transportbedarf zu decken. Allein Call-Center und Security-Provider konnten ähnlich hohe Steigerungsraten für sich verbuchen. Für die Hersteller bedeutete diese Wandlung eine enorme Herausforderung. Sie waren gezwungen, sich in kürzester Zeit auf die neuen Distributionskanäle und veränderten Kaufmechanismen einzustellen. Infolgedessen wurden Produkterweiterungen, die bisher hauptsächlich zur Verminderung der Konkurrenz-Regalfläche dienten, aus dem Sortiment genommen. So wurden aus Cash Cows Cash Mammoths, die durch mehr oder weniger interaktive Produktdarstellungen beworben wurden. Eine grosse Rolle wurde dabei der Evozierung von Authentizität zugeschrieben, denn nichts war gefürchteter als das Entstehen von Hate-Sites, die das eigene Sortiment mit Negativ-Images überzogen. Nur ein unzufriedener Kunde mit mittelmässigen Programmierkenntnissen und der Veranlagung zum Robin-Hood-Komplex genügte, um eine Lawine von Guerillia-Kampangnen loszutreten. Zur Verhinderung eines solchen Marketing-Gaus werden bei der Produkteinführung inzwischen die Hate-Varianten eines Domainnames gleich mitgesichert und in sanfter Version von der eigenen PR-Unit betrieben. Wahrscheinlich war jedoch keiner der befragten Top-Manager anwesend, um diese Entwicklungen zu begleiten. Shock drei Seit kurzem formiert sich mittels eines Internetforums die erste unabhängige Konsumentengemeinschaft, die die Rechte der Menschen als Kunden verteidigen will. Die Mitglieder sehen sich in der Tradition der 1970er Initiativbewegungen und propagieren das geeinte Konsumieren. Das bedeutet, dass in naher Zukunft die Bedürfnisse der Menschen mit der Macht der Massen an die Hersteller, Dienstleister und Produzenten herangetragen werden sollen. Auf der Basis von vernetzten Konsumentenkräften wird ein wirtschaftskulturelles Demokratie-Modell entstehen, das direkter und überzeugender ist als jede Partei oder Interessensvertretung. Das Einfordern ökologischer Ansprüche wie die Vermeidung bestimmter Inhaltsstoffe oder die umweltgerechte Herstellung soll dann ebenso zum Alltag gehören wie die Umkehrung des Wertschöpfungsprozesses. Pestizidhersteller würden dann nicht mehr für den Verkauf ihrer Produkte bezahlt, sondern für die Dienstleistung, die Ernte vor Schädlingen, Krankheiten und Störungen des ökologischen Gleichgewichts zu schützen. Dieses Unisono-Kollektiv wäre fähig, sowohl auf die Preise als auch auf die Prinzipien eines Produzenten Einfluss zu nehmen. Somit würde ein System existieren, das die Interessen der Gemeinschaft mit denen des Einzelnen verbindet. Ich schätze, ich werde dem unisono.shop sehr bald beitreten. Hamburg, 11. Dezember 2006 Liebes Unisono-Mitglied, auch diesmal haben wir es wieder geschafft, der Industrie ein sensationell günstiges Angebot zum Wohl der Gemeinschaft abzuringen. Diese Woche erhalten Sie ökologisch-korrekte Picknickkörbe zum halben Preis*. Klicken Sie einfach http://www.de.unisono.shop/Picknickkoerbe und sichern Sie sich Ihr Unisono-Angebot der Woche. Falls Sie weitere Wünsche haben, scheuen Sie sich nicht, sie uns mitzuteilen. mailto:visionen@de.unisono.shop (* ab mindestens 19 Mitbestellern) Ihr Unisono Kollektiv Wir verkaufen Visionen.

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Elektronische Lebensaspekte.