Im Berliner Nordosten steht das Studio Pankow. Über vier Jahre lang haben sich dort Move D, Jamie Hodge und Kai Kroker immer wieder zum musikalischen social Jam eingeschlossen. “Linienbusse” ist das Ergebnis.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 92

Kumpelnest
Studio Pankow

Auf Grund diverser biographischer Schnittmengen wie zum Beispiel der Love Parade 1995 oder Jamies Tätigkeit als Produzent und Radio-DJ in Chicago, journalistisch inquirierendem Fantum für Move Ds Source-Label inklusive, war es für die drei neben ihrer aufkeimenden Freund- und Seelenverwandtschaft irgendwann einfach eine weitere natürliche Konsequenz, zusammen Musik zu produzieren.

Auch der Name “Studio Pankow” schien geradezu auf der Hand zu liegen, denn Kais Studio im Berliner Stadtteil Pankow stellt die grundlegende soziale und musikalische Infrastruktur für die drei bereit und ist auch sonst der Dreh- und Angelpunkt des Projektes. Die Namenswahl mag erst mal ganz pragmatisch klingen, ist aber absolut der Bedeutung des Ortes angemessen, denn für die drei ist Kais Studio mehr als nur muffige, zweckmäßige Produktionsstätte, sondern sowohl “Ausnüchterungszelle”, “Spielplatz und Wohnort” als auch “ein wunderbarer Zufluchtsort, der die Möglichkeit bietet, sich mit Freunden zu treffen und zusammen der unverantwortlichen Beschäftigung Musik nachzugehen“.
Das Studio Pankow als kommunikativer Ort der Freundschaft also, der musikalischen Inspiration und Produktion, als Shelter, als Schutzraum vor der grauen Welt des tristen Berlins irgendwo da draußen. Gleichzeitig ist er eben auch Jamies und Davids Anlaufstelle, um dem hektischen Chicago und “Puppenstubenhausen”, also Heidelberg, Davids Wohnort und Hauptsitz seines Labels Source, zu entfliehen und tief in die Techno-Nächte Berlins einzutauchen.

Einsteigen!
Das erste gemeinsame Album, das die warmen Hallen des Studio Pankow verlässt, nennt sich “Linienbusse”. Vier lange Jahre hat es gedauert, bis man in nur drei gemeinsamen, meistens nächtlichen Sessions genug Material zusammenimprovisiert und gebastelt hatte, um ein Album zu füllen.
Drei Sessions in vier Jahren ist nicht viel und es stellt sich die Frage, wie eine Zusammenarbeit funktionieren kann, wenn man sich so lange nicht sieht. Besteht dann nicht die Gefahr, dass man sich musikalisch auseinander entwickelt? David: “Ja! Eigentlich ist es jedes mal spannend, wenn wir alle wieder zusammenkommen – die Ansprüche/Vorstellungen können sich im Laufe der Zeit durchaus drastisch ändern. Manchmal wird dann hart gebattelt. Trotzdem bleibt wohl ein musikalisches Grundverständnis – besonders beim improvisierenden Produzieren, was bei Studio Pankow ja klar im Vordergrund steht.”
Improvisation also, sowohl als Mittel, um untereinander eine soziale Kontinuität herzustellen, als auch als Zugang zur Musik und damit auch zu diesen in jeder Improvisation antizipierten magischen musikalischen Momenten, in denen jeder Sound und jeder Ton in den anderen greift. “Ich bin ein klarer Verfechter des musikalischen Augenblicks – ich glaube, dass es Dinge gibt, die sich nicht wiederholen lassen. Genauso bin ich davon überzeugt, dass man auch als Elektroniker ausgesprochen von einer bandartigen Situation profitieren kann. Das ist meiner Meinung nach ein ganz wichtiges Kriterium von Musik, das definitiv fehlt, wenn man allein arbeitet”, sagt David. Für Jamie, als “Born under a rhyming Planet” eine Plus-8-Legende sondergleichen, ist das traditionelle Komponieren am Rechner zugespitzt formuliert “etwas zutiefst Unsoziales” und er bedauert es, viel zu viel Zeit mit “letztendlich nutzlosem Arrangieren” verschwendet zu haben.

Eine Jazz-Assoziation liegt da nahe, auch im Hinblick auf Davids und Jamies Projekt Conjoint, eine Kooperation mit dem legendären Jazz-Musiker und Vibrafonisten Karl Berger, führt aber auf die falsche Fährte: Die Musik von Studio Pankow klingt wie lupenreine, manchmal verrauscht dichte, manchmal karg-technoide Dub-Elektronika durchzogen von warmen Flächen und ephemeren Piano-Schlieren, ganz in der mittlerweile zeitlosen Tradition Berliner Dubtechnos und dem hauseigenen Source-Sound.
Darüber hinaus und abseits enger musikalischer Schubladen handeln Studio Pankow im Kern aber eigentlich immer von Musik als Leidenschaft, als Kommunikation unter Freunden, von der Suche nach diesen Zuständen und Momenten, in denen Orte und soziale Interaktion über sich hinauswachsen und zu erhaben schöner Musik kulminieren. Auf dieser Basis entfalten die drei auf “Linienbusse” eine subjektiv poetische Landkarte von Berlin, fügen in den Tracktiteln und verhallten Dubräumen der Musik versprengte Orte mit Erinnerungen zusammen und machen dabei das Studio Pankow zum Zentrum der Nacht, des eigenen, anderen, subjektiv erschlossenen Berlins.

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Elektronische Lebensaspekte.