Documenta 11, Ars Electronica und Transmediale: Die Kunst will den Kopf hinhalten. Raus aus dem Kunstelefenbeinturm, rein zu den brennenden Feldern, äh, Fragen der Zeit. Und wo wäre so eine vielgerühmte internationale Szene wie die der Kunst besser gewappnet als bei der Globalisierung. In der Tat.
Text: Holger Schulze aus De:Bug 65

Was ist da passiert im Sommer 2002? Kunstbesucher wurden durch Räume geschleust, die eher an Ikea-Lager erinnerten, zufällig behängt mit Fotografien und Videomonitoren, Dokus über das Leben der Inuit, die Simulation einer Lagersituation, gleißende Scheinwerfer, Stiefelstampfen, Hitze, Ohrendröhnen. Andererseits wurde die Eröffnungsveranstaltung des Medienkunstfestivals Ars Electronica behelligt durch ein Aktionsbündnis, das mit dem Motto, ”Unplugged” ernst machen wollte und den Strom abzuschalten versuchte. Ob das alles wohl noch Kunst sei, fragte sich hier wohl niemand mehr, das Avantgarde-Jahrhundert hat seine Wirkung getan. Doch nicht wenige fragten sich: Ist das noch eine Kunstausstellung? Oder nicht eher ein mobil-temporäres Kulturkundemuseum der Gegenwart?

Ästhetische Metabolismen

Die 11. Documenta und die 21. Ars Electronica behandelten Aspekte der Globalisierung; politisch, künstlerisch, erfahrungsbezogen. Zu erwarten war, dass das avancierte Medienkunstfestival dem eher gerecht wird, wohingegen die Weltkunstolympiade sich wohl ins Ästhetische flüchten würde. Das Gegenteil war der Fall. Die Annäherung der Ars an postkoloniale Themen und die peinlich weltfremde Frage ”Wie sieht die Versorgung Afrikas mit Internetzugängen aus?” (Presseinfo Telekom Austria) wirkte alles in allem seltsam ungelenk und ungezielt, Breitseiten auf Afrika, Globalisierung, Kartographie. Interessant wurde das Festival, wenn es das Reich gepflegter Media-Art verließ und sich strukturellen Analysen des eigenen Feldes zuwandte. So etwa im Panel ”Coaching the Arts” zur nicht nur künstlerischen Lehre an Medienkunsthochschulen – aber auch in nicht-prämierten Arbeiten des Rahmenprogramms ”Change the Map”: konzeptuelle Arbeiten wie ”They Rule”, das die Verflechtung der Machteliten Amerikas visualisiert, oder das umstrittene ”Carnivore”, ein Tool zur Weiterverarbeitung von Server-Traffic, angelehnt an die gleichnamige FBI-Software. Der klagende Gestus New Yorker KünstlerInnen in der Dokumentation ”Artists 9-11” schien dagegen nur ein unerträglicher Rückfall in den Künstlerhabitus des empfindsam weltverarbeitenden Individuums. Globalterror als Futter ästhetischer Metabolismen.

Kunst, geschrumpft

”Kunst als Schauplatz globaler Konflikte” (Untertitel der Ars) wurde eher in den Plattformen und Katalogaufsätzen der D11 erkennbar antizipiert. Nicht kunstbetriebs-, sondern wissenschaftsrelevante Theoretiker waren eingeladen worden, und nicht nur die symposiumsnotorischen. Sie konnten die Frage denn auch angemessener Weise unter dem Aspekt der Konflikte analysieren – weniger unter dem der Kunst. D11 und AE waren genau dann gelungen, wenn sie Kunst gesundschrumpften auf Strategien des Sichtbarmachens, der subversiven Recherche, des konzeptuellen Arbeitens – bzw. auf forcierte Nutzung populärer Formate wie etwa in Rez, das in Linz ausgestellt vielleicht das einzig wirksam immersive Environment war. Diese Linie will die Berliner transmediale.03 im kommenden Frühjahr denn auch fortsetzen. Unter dem Motto ”Play global” wendet sie sich nicht mehr nur symbolischen, sondern realen Appropriation öffentlicher Räume und Institutionen zu – durch Strategien, die in früheren Zeiten wohl einmal ”Kunst” genannt wurden …

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Elektronische Lebensaspekte.