Das art.forum in Berlin stellt vor allem eines zur Schau: Kunst hat ihre Funktion als Leitdiskurs verloren. Alle Fusionsversuche drängen sie nur stärker in die Defensive. Mercedes Bunz verfolgt, wie der ästhetische Blick seine Autorität einbüßen konnte.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 41

Gut verkauft. Und sonst?
Der ästhetische Blick verliert seine Autorität

Über das art.forum, die Kunstmesse in Berlin, wurde dieses Jahr vor allem eines gesagt: dass man als Galerist gut auf dieser Messe verkauft hätte. Diese in beinahe allen wichtigen Zeitungen verbreitete Message mag vielleicht darinbegründet sein, dass nach fünf Jahren der Vertrag mit dem Sponsor ausläuft und man interessiert ist, die Messe zu erhalten. Trotzdem sollte man sich verwundert am Kopf kratzen. Denn den verblüffend einstimmigen Tenor der Artikel, der sich quer durch eine Zeitungslandschaft zog, die auf eine einzige gemeinsame Aussage ausgerichtet schien, gelang einzig dadurch: Es gab keine weiteren Aussagen, die man hätte machen können. Keine übergreifende Thematik, kein wieder erwachtes Format, kein bevorzugtes Genre, keine neue Schnittstelle. Das Feld der Kunst überrascht uns dieses Jahr also mit einer ganz besonderen Innovation: Es ist leise. Was geht hier vor?

Rahmenprogramm
Widmen wir uns also den Grenzen der Kunst. Das Einzige, was zählt, ist der Akt des Rahmens, hat die New Yorker Kunstkritikerin Jan Avgikos einmal bemerkt. Man muss es vielleicht nicht wirklich so drastisch formulieren. Dennoch glaube ich, dass das Wechselverhältnis von Kunst und Rahmen uns darüber Auskunft geben kann, wie sich das Feld der Kunst in den letzten Jahren gewandelt hat. “Rahmenprogramm”, das steht also einerseits für das reale Programm, das Ausstellungen begleitet und anzeigt, wo und an welchen Stellen die Kunst Schnittstellen zu anderen Diskursen unterhält, gleichzeitig steht es aber für mehr: Vor allem deshalb, weil dieses Programm die Schnittstellen deutlich macht, an denen Kunst zu anderen Feldern in einem osmotischen Verhältnis steht, stehen möchte oder stehen könnte. Clubkultur ist beispielsweise in den letzten fünf Jahren eines der zentralen Rahmenprogramme gewesen. Und es ist interessant, dass hier das “Crossover”, dass die Kunst zu so vielen anderen Diskursen problemlos unterhält, nicht – oder nur schwer – funktioniert. Während die Schnittstellen zwischen Architektur, Mode und Design zu Kunst sehr kompatibel sind und beinahe nahtlos ineinander übergehen, hat sich die bildende Kunst an der Clubkultur die Zähne ausgebissen, könnte man meinen, wenn ein genauerer Blick nicht zeigen würde, dass sie das Gebiss mit den Reißzähnen genau da von selbst abgegeben hat.

Warum die Kunst Borg gewesen ist
Allgemein galt Kunst lange als “Königsdisziplin” unter den kreativen Kräften. Als einziger kreativer Diskurs hatte sie, den Borg aus Raumschiff Enterprise gleich, die Fähigkeit, alle anderen in sich aufzunehmen. Der Begriff “Kunst”, stand nie nur für Bildende Kunst, sondern immer auch für eine bestimmte, besondere Fähigkeit in einem Genre. Kriegskunst zum Beispiel. Die Offenheit des Begriffs funktioniert dabei nur deshalb, weil “bildende Kunst” nicht auf spezifische Inhalte festgelegt ist. Wie Kant viel zitiert in der Kritik der Urteilskraft beschrieben hat, hält sie ihre Inhalte in einem Zustand, der Schrödingers Katze gleicht – als einen unbestimmten Begriff. Diese Unbestimmtheit ermöglicht logischerweise maximale Verkettung mit anderen Diskursen, – obwohl das natürlich ein wenig geschummelt ist, weil es nun mal die Art und Weise der Diskurse ist, sich an den Rändern zu verketten und zu verändern. Während jedoch allgemein die kulturellen Formationen dabei versuchen, sich stabil zu halten, indem sie sich definieren und untereinander abgrenzen, versucht – so lautet jetzt meine These – die Kunst dagegen bislang, das Angrenzende zu assimilieren. Und ähnlich den Borg aus dem Raumschiff Enterprise transformierte sie dabei mit jeder Assimilation zu einer anderen Kunst.

Doing it the Tintenfisch-Style
Man könnte also meinen, dass sich die Kunst durch die Integration ihrer externen Ränder und Fangarme in andere Diskurse erneuert. Denn es ist auffallend, dass es die zentralsten Figuren waren, die sie aus unserer jetzigen Sicht im letzten Jahrhundert bewegt haben, jene, die man entweder aus der etablierten Kunst ausgeschlossen hatte oder die sich gleich selbst versuchsweise in einem “Außen” platziert haben: Picasso oder Duchamp, der Dadaismus oder die Neuen Wilden: Wie ein Tintenfisch, der seinen Magen nach außen stülpen kann, schafft sie es, ihre revolutionären Ränder zum neuen Zentrum zu machen. Während Kunst seit der Renaissance bis Mitte des 18. Jahrhunderts der Erneuerung des Alten verpflichtet geblieben war und sich entwickelt hat, indem man darum stritt hat, auf welche Weise und in welcher Form das Alte nun überleben sollte, wird danach die Avantgarde zur antreibenden Kraft der Kunst, die sie auf Veränderung und Anschlüsse ausrichtet. Die Zeitachse wird umgekehrt. Die Orientierung wird von der Mitte auf die Ränder umgepolt.
Nun kann man bemerken, dass man in der Kunst in den letzten Jahren offensichtlich an einen spezifischen Punkt angelangt ist, am Ende einer Linie, am Endpunkt des Revolutionierens, vielleicht. Die Moderne hat zunächst das Formenvokabular erweitert, bis zur Aufgabe des Bildes. Die “institutional critique” hat schließlich die Kunst als Feld angegriffen und die Voraussetzungen der elitären Form des ästhetischen Blicks politisiert und dekonstruiert. Man hat die Idee des Werkes und des Künstlers, der sein Schöpfer ist, aufgegegeben und von dort aus mit prozessualer Kunst und Projekten politische Arbeit am Kunstbegriff geleistet. Diese kritische Arbeit hat Spuren hinterlassen. Der White Cube und seine Ideologie treten heute größtenteils entauratisiert auf, er ist zum konstruktiven Rahmen geworden. Die Differenz zwischen dem Ästhetischen und dem Realen hat sich verschoben. Es ist heute – und ich denke, man konnte das auf der aktuellen Kunstmesse in Berlin gut beobachten – nicht mehr die privilegierte Position eines besonderen, künstlerischen Sehens, die von jungen Künstlern artikuliert wird. Die Kunst sieht nicht mehr, sie sieht anders und anderes. Sie ist damit nicht mehr priviligierter kreativer Diskurs, sie ist von ihrem Podest einer Königsdisziplin herabgestiegen und zu einer kulturellen Form unter vielen geworden.
Heutzutage steht die Idee des Ästhetischen nicht mehr über dem Realen. Das Ästhetische beschreibt nicht mehr den privilegierten Blick, sondern einen spezifischen, anderen Blick. Es ist kein besseres, der Alltagswahrnehmung übergeordnetes Sehen mehr, sondern ein anderes, auf dem die Kunst heutzutage ihren Diskurs aufbaut. Und man kann diesen Wechsel auch daran feststellen, dass sich derzeit nichts suchender und tastender verhält, als die politische und konzeptuelle Kunst, die bis Mitte der Neunziger das Ästhetische zwar angegriffen hat, aber gleichzeitig das Niederreißen der Aura als Ziel begriff, weil die Idee der Aura tief in das gesellschaftliche System verwoben gewesen war. Jetzt, nach der Revolution, müssen sich die Revolutionäre quasi ein neues Ziel suchen.

Von der Repräsentation zur Relation
Im Grunde kann man gespannt sein, was jetzt folgt. In den letzten Jahren konnte man auf der linken, kritischen Seite der Kunst zunächst mal einen Rückzug und so etwas wie eine “Trauerarbeit” bemerken, die gegenüber der verloren gegangenen Autonomie geleistet worden ist. Denn in der Tat hat durch die Dekonstruktion des White Cube nicht nur der Staat ein Spielzeug eingebüßt, durch das er sich eine Legitimation erschummeln konnte, auch die Kritik hat immer wieder von der autonomen Position eines “Aussen” profitiert. Kunst verwoben mit Kritik beanspruchte in gewisser Weise den Platz des Überblicks, von dem eine freiere und bessere Sicht der Dinge zu leisten ist, als etwa eine von Interessen getränkte. Im Zuge der Dekonstruktion einer Autonomie der Kunst musste die linke Kunstpraxis zwar zugeben, dass es auch für sie Gründe gab, dort hochzusteigen. Dass die Behauptung einer autonomen künstlerischen Produktion jetzt wegfällt, bedeutet allerdings nur, dass man die Legitimation der Kritik ändern muss, nicht, dass sie wegfällt, depotenziert oder überholt ist. Sie muss nur lernen, von einer neuen Position aus zu sprechen und man kann beobachten, dass sie im Moment genau dabei ist, eben jenes zu tun: Sie tritt von der übergeordneten Kommentierung der Diskurse zurück. Sie mischt sich nicht mehr ein, weil sie in der besseren Position ist, sondern weil sie über eine spezifische Möglichkeit oder Sprache verfügt, die sie befähigt, Formen aus ihrem Kontext und ihrer Verkettung zu nehmen, sie neu einzusetzten, ihnen eine andere Siginifikanz zu verleihen, sie zu verschieben. Sie entdeckt eine neue Seite des Formalen. Wahrscheinlich.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.