Die nächste Documenta ist erst 2007, aber hinter den Kulissen werden bereits jetzt die entscheidenden Weichen gestellt. Die kuratorischen Spähtrupps arbeiten sich durch die internationalen Kunstgefilde und werfen ihre Angeln aus. Die Fäden in der Hand hält dabei Roger M. Buergel, vor wenigen Monaten zum Leiter der 12. Documenta in Kassel ernannt. Der 1962 in Berlin geborene Kurator und Lektor an der Universität Lüneburg ist sich im Klaren, mit was für einer gigantischen Aufgabe er es nun zu tun hat. Ein Gespräch über Konzepte, Kooperationen und "Grassroot-Bewegungen".
Text: Tal Sterngast aus De:Bug 81

Documenta 12/ Roger M. Buergel

DEBUG: Hat Sie Ihre Wahl zum Documenta Leiter überrascht?
Roger M. Buergel: Natürlich. Die Wahl ist ein längerer Prozess – man bekommt eine Einladung, ein paar Monate später erfolgt dann der Termin, auf dem man sein Konzept vorstellt. Es waren noch sechs Kandidaten, die vor die 24-köpfige Jury nach Kassel eingeladen wurden. Und natürlich ist es so: Es ist ein Wettbewerb, man möchte gewinnen, aber man ist dann schon überrascht, wenn man die Nachricht erhält, dass man gewonnen hat.

Debug: Sind Sie froh darüber?
Roger M. Buergel: Einerseits schon, andererseits ist es natürlich eine ambivalente Angelegenheit. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass es ein ziemliches Biest ist, das einen da erwartet. Aber das ist okay.

Debug: Auf der letzten Documenta und auf der Venedig-Biennale gab es verschiedene Versuche, die basalen Elemente einer Ausstellung wie die Einheit des Raumes oder der Zeit in andauernde Diskussionsveranstaltungen zu verwandeln, wie etwa Enwezors Platforms oder Hans-Ulrich Obrists “Utopia Station” in Venedig, auf der anderen Seite funktionieren die Großausstellungen als ein geschmackvolles Arrangement von Objekten auf eine sehr traditionellen Weise. Sehen Sie da einen Widerspruch?

Roger M. Buergel: Nein. Ich glaube, das Ziel vieler Leute aus der Kunstwelt ist es, genau bei einem solchen Spektakel, einer Art Kunstmesse anzukommen. Aber es gibt auch andere Herangehensweisen: Arnold Bode, der erste Documenta-Kurator, gründete die Ausstellung1955 im Kontext totaler Zerstörung. Er arbeitete mit einem methodisch nachvollziehbaren Weg und begriff die Ausstellung als Medium. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das ein Diskurs ist, der Kuratoren heutzutage umtreibt. Im Gegenteil, es wird viel zu wenig über Ausstellungen und Ausstellungsformen nachgedacht.

Debug: Nun, es gab schon eine Diskussion über Ausstellungen, aber das zeigte sich nicht in der Praxis…

Roger M. Buergel: Es gibt immer Diskussionen. Die Leute sind frustriert und viele Kuratoren realisieren, wenn sie ehrlich sind, dass sie auf gewisse Weise Opfer des Systems sind. Ich glaube aber nicht, dass man durch das Outsourcen der der kuratorischen Macht an andere Kuratoren das Problem löst, das die Beziehung zwischen Künstler und Kurator mit sich bringt. Ich für meinen Teil habe Ausstellungen immer als eine Art Medium begriffen, das durch den Prozess des Verhandelns mit Künstlern und der Öffentlichkeit Gestalt gewinnt. Ich habe viel in dieser Richtung experimentiert. Es ist schwierig hier den Rahmen rigide zu setzen, vor allem bei einer Documenta. Man muss sehr hart sein, um da ausbrechen zu können – und man muss das natürlich auch wollen. Es ist ein Experiment, aber ich glaube, das ist es wert.

Debug: Sie haben bereits angekündigt, dass Sie einen Teil der Präsentationen an Kunstgruppierungen und Kollektive in Eigenverantwortung abtreten wollen.

Roger M. Buergel: Sowas wie ästhetische “Grassroot-Bewegungen” gibt es ja in der verschiedensten Teilen der Welt. Etwa in Dakar, Zagreb oder San Sebastian, überall gibt es lokale Initiativen. Menschen, die Kunstmagazine herausbringen, um die herum gruppieren sich wieder andere Künstler und alle zusammen formieren sich zu einer Gruppe und so weiter. Ich mag solche Aktivitäten. Ich halte es für eine meiner wichtigsten Aufgaben, mit ihnen einen Weg zu erarbeiten. Mir geht es dabei nicht nur um das Resultat, ich bin vor allem an ihren Methoden interessiert. Das muss nicht unbedingt heißen, dass man sie nach Kassel bringen muss, als handele es sich um einen wertvollen Vogel, den man ausstellen möchte. Sie sollen ihre eigene Art und Weise der Präsentation bestimmen. Ich finde es interessant zu sehen, dass Leute in Argentinien mit ähnlichen Methoden arbeiten wie Gruppen in Moskau. Ich glaube, das ist auch für das Publikum durchaus ein spannender Punkt, diese Herangehensweisen miteinander in Beziehung setzen zu können. Für mich geht es dabei auch darum, ein Teil meiner Kuratorenmacht abzugeben.

Debug: Ist das eine ähnliche Vision wie das, was in der Documenta X mit dem “Hybrid Workspace” passierte?

Roger M. Buergel: Kollektive Arbeit wurde weder von Catherine David noch von mir erfunden, die gibt es wahrscheinlich schon seit der Steinzeit. Aber es gibt zwischen uns einen ähnlichen Fokus auf etwas, dass man kollektive Artikulation nennen könnte. Das schließt aber für mich auf keinen Fall klassische Künstlerpositionen aus. Das Problem von so etwas wie dem Hybrid Workspace ist auch die Sichtbarkeit innerhalb von großen Ausstellungen wie der Documenta. Meine Antwort auf diesen Konflikt ist, die Anzahl der involvierten Künstler radikal zu reduzieren, das Ganze lesbarer für die Öffentlichkeit zu machen. Ich glaube, es ist einfach zu groß.

Debug: Ist es Ihnen eigentlich ernst damit, Kunst aus den letzten 200 Jahren zu zeigen? Wollen Sie damit auch den Aspekt der Kunstmesse, den es in der Documenta gibt, zurückweisen?

Roger M. Buergel: Historisch ist die Documenta einzigartig. Sie ist ein Museum – und von Anfang an sollte sie ja ein Museum für 100 Tage sein. Wenn man einem großen Publikum hat das, mit zeitgenössischer Kunst klarzukommen versucht, dann können Genealogien und Traditionen dabei helfen zu verstehen, warum ein zeitgenössische Künstler bei einer bestimmten Lösung ankommt. Wenn man die Documenta macht, kann man von vorneherein mit einem großen Publikum rechnen, was auch immer man tut. Das beseitigt jedoch nicht das Problem der Verantwortung, denn man möchte die Leute durch die Documenta verändern und mobilisieren. Das ist meine Verantwortung, im Grunde ist das die Verantwortung von allen, die eine Ausstellung kuratieren.

Debug: In den meisten Ihrer Projekte haben Sie sich auf eine theoretische Figur bezogen, etwa Foucaults Konzept der Gouvernementalité, etwa in ihren Ausstellungen “Govermentalität”, Hannover 2002 und “Die Regierung”, die zwischen 2003 und 2005, Barcelona, Wien, Lüneburg, Rotterdam zu sehen ist. Haben Sie so etwas auch für die Documenta vor?

Roger M. Buergel: Ich bin in Bezug auf die Documenta ja noch ganz am Anfang. Ich verbringe Stunden im Documenta Archiv, im Moment interessiert mich vor allem, wie die ersten Ausstellungen aussahen. Für mich war die Documenta zu dieser Zeit eine sehr spannende Geste. Kassel war damals ein Schlachtfeld, quasi ausgelöscht, und das Projekt der deutschen Bourgeoisie und die Kultur lag korrumpiert am Boden. Um in dieser Situation eine Präsentation zeitgenössischer Kunst zu erfinden, waren die Leute mit Negativität in ihrer pursten Form konfrontiert, auch in einem philosophischen Sinn, nämlich mit der Vernichtung von Bedeutung, eines der wichtigsten Momente des Modernismus, etwas wirklich einzigartiges, das ich sehr bewundere. Dies hat zur Würde der Documenta viel beigetragen und sie unter den großen Ausstellungen einzigartig gemacht.

Debug: Planen Sie, für die Documenta zusammen mit Ruth Noack zu arbeiten, die Ihre Partnerin ist und immer wieder Co-Kuratorin bei Ihren Projekten gewesen ist?

Roger M. Buergel: Ich glaube für uns führt kein Weg daran vorbei, miteinander zu arbeiten. Ruth spielte bereits eine wichtige Rolle bei meiner Bewerbung. Es gibt natürlich Schwierigkeiten, welchen Status sie jetzt einnehmen soll. Auch die Kunstwelt ist im allgemeinen sehr sexistisch, es gibt ganz klar eine Tendenz dort, Frauen auszuschließen. Es geht aber auch darum, zu klären, wer wofür verantwortlich ist. Bis jetzt haben wir immer mit Künstlern zusammengearbeitet. Es ist noch nicht heraus, ob es überhaupt möglich ist, diese bisherige Art und Weise der Zusammenarbeit auf eine große Ausstellung zu übertragen. Wir müssen das noch herausfinden, es kann sein, dass es so nicht funktioniert. Es gibt Künstler wie Rirkrit Tiravanija, der mit einer kommunitaristischen Idee arbeitet – wir sind alle Freunde, wir kochen zusammen und arbeiten zusammen. Ich bin ehrlich gesagt kein großer Freund dieser Art von Zusammenarbeit. Ich glaube nicht, dass man mit jemandem eng befreundet sein muss, um zusammen zu arbeiten.

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Elektronische Lebensaspekte.