Den Filzer gezückt rückt Carsten Fock der Popkultur auf den Pelz. Er kritzelt und schraffiert quer durch die Imagesettings, die uns umgeben, und bringt sie exakt auf den Punkt zwischen Form und Bedeutung. Und ab mit den Fragmenten hinein in die persönliche Befindlichkeit.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 76

Filzstiftmalerei, prima Genre

Pop. Das war mal die Behauptung eines differenzierten Bewusstseins, das anders sein wollte. Jedenfalls in den 80ern. Da war das doch mal der subversive Schub mitten im Alltag, den man sich selbst designte. Heute sieht das zwar anders aus, doch es scheint so, als habe es sich nicht einfach ausgepopt, eher im Gegenteil. Trotz der kapitalkompatiblen Imageaufbereitung – kein neuer Autowerbespot ohne Bedeutungstransfer gewährleistenden Bestseller-Song beispielsweise – behalten die Embleme ihre Widerständigkeit und ihr Angebot der persönlichen Identitätsfindung. Gerade dieses Doublebind der populären Bilder, sowohl persönlich wie institutionell zu funktionieren, macht ihre gesellschaftliche Relevanz und Brisanz aus. Dass die ursprünglich Jugendkulturbewegungen-mit-Communitywillen entstammenden Bilderarsenale in erster Linie zur marktwirksamen Oberflächenästhetik zusammengeschrumpft sind, ist gerade der Garantiebon für uneingeschränkt erfolgreiche Zirkulation. Auf die Ursprungsmythen des Pop kann dabei nicht verzichtet werden: Ein Hauch von Freiheit ist immer dabei. Freiheit sells. Liberté toujours.
Carsten Fock, in Berlin lebender Künstler, rückt mit dem Filzstift der Popkultur auf den Pelz, kritzelt und schraffiert Imagesettings, die zu unruhigen Vexierbildern werden, da sie beides gleichzeitig sind: entleert, formelhaft erstarrt und subjektiv aufgeladen. Silhouetten treffen auf Textelemente, schieben sich übereinander und hintereinander, löschen gegenseitig ihre Lesbarkeit. Drippings klecksen semantisch Uneindeutiges aufs Bild. Das Prozesshafte ihres Entstehens bleibt der Oberfläche als rhythmische Stiftfraktur eingeschrieben. Harte Farbkontraste, alle Elemente auf einer Ebene anzuhäufen oder an vielen Leerstellen das Papier (als Zeichenträger) eben nicht als Hintergrund zu benutzen, sondern als Teil des Ornamentalen einzusetzen, all das verhandelt das Bildliche als Flächiges. Eine technische Geste, Popversatzstücke und deren Konstruktion nicht nur nachzuahmen, sondern in der Verschiebung des Flächigen ins Flächige Flachheit zu markieren.

All you can read
Schriftzüge sind in die Zeichnungen wie eingeschmolzen. Ein sprachliches Außen – erst einmal Fehlanzeige. Häufig ist das soweit getrieben, dass die Buchstaben erst nach und nach aus der Symbiose in die Semiose übertreten. Fock bevorzugt bei seinen Textbausteinen den Solgan und klaubt in ihm Abgründigs hervor. “All You Can Eat” steht anstelle des Gebisses in einem schwarzen Gebilde aus Totenkopf und Freiheitsstatue. Der von findigen Restaurantketten kreierte Werbespruch, der Fressgier und Egozwang brilliant auf einen Nenner bringt, kippt bei Fock in ungeahnte politische Dimensionen um. Die gesampelten Alltagsbilder – Flagge, Freiheitssymbol, Totenkopf – werden in Bewegung gesetzt. Aus dem Flächigen wird wieder ein kritisches Potential. Liberté toujours ist die Freiheit, Bildbedeutungen einfach umzuwerten, gegeneinander knallen zu lassen. Und jeder merkt es sofort, weil jeder die Versatzstücke kennt.
Nichts eignet sich besser zur Aneignung und Umbesetzung als entleerte oder auf mimimale Bedeutungsebenen festgelegte Images. Identitätspolitik muss auf der Suche nach Restfreiheit nicht auf Minoritäten bauen, sondern kann im Massenfundus Neues aus Altem recyclen. Voraussetzung: den Transfer als Transfer sichtbar hinstellen. Bei Fock ist das unter anderem die Verschiebung der glatten Oberfläche in eine zeichnerische Handschriftlichkeit, die ebenso persönlich wie nicht individuell, sondern ein risikofreier zeichnerischer Hypertext ist. Politplakatästhetik, Fanzinemagazine, Plattencover sind für Fock das Archiv, aus dem er sich seine Bilder zurückholt. Beim Zu-Papier-Bringen stellt sich dann ein generativer Mehrwert ein. In die Zeichnungen, die mit Pop hantieren, gerät dem Maler Malereigeschichte hinein. Ob Kirkeby oder Copley und ein bisschen Art Brut angereichert mit Pollock, die Pop-Icons erhalten dadurch ein merkwürdig anderes Aussehen. Fock gibt sich selbst damit einen Ort. Der Ort ist genauso doublebind, wie die Bilder, die hinter ihm stecken. Ein bisschen individuell zugerichteter Pop und ein bisschen Kunst. Womit wir wieder am Anfang wären.

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Elektronische Lebensaspekte.