Der Berliner Christian Flamm feilt an Scherenschnitten und wunderbar melancholischen Housetracks. Ja, genau, Scherenschnitten. In beiden Formen - bildender Kunst und elektronischer Musik - besticht er durch reduzierten Minimalismus, der alles andere als unschuldig ist, sondern einen poetisch verführt, mitten hinein ins Zentrum spezifischer Symboliken. In deren Mitte ist es schön, aber spielerisch nichts mehr so, wie es scheint. Irritierend? Angenehm!
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 74

Kunst

Jawohl, häßliche Kritik war gestern, denn Schönheit ist nicht dumm
Oder: Kunst mit Christian Flamm

Scherenschnitte und Minimal-House gehören nicht unbedingt in die Abteilung der klassischen Verwandtschaftsverhältnisse. Bei Christian Flamm sieht das anders aus. Am Computer baut er Sound- und Bildtracks, die sich nach asketischem Lyrismus anhören und ansehen. Technoid wirkende, reduzierte Flächigkeit ist die ästhetische Strategie von beidem: Klangteppich wie piktogrammartigem Scherenschnitt. Raumtiefe verschwindet in der perfekten Oberflächengestaltung, die durch ihre schlichte Schönheit und in ihrer Perfektion vornehm designt scheint und doch insistierend irritiert. Der Berliner produziert in diesen beiden so unverwandtschaftlichen Medien wie Scherenschnitt und Housetrack, also in bildender Kunst und Musik eine überzeugende Melancholie, die weit entfernt von jedem einlullendem reaktionären Kulturpessimismus ist.

Scherenschnitt
Zwei Hände bewegen sich Schatten-gleich aufeinander zu. Die eine Hand hält einen Ring, dem sich die andere Hand in einer Geste des Annehmens entgegenstreckt. Dann: Eine männliche Figur mit einem fast übergroß wirkenden Arm schält sich weiß aus dem umgebenden Schwarz heraus. Der Arm ist nach oben über den Kopf gehoben – Protest? Oder eine Tanzbewegung? Und: Ein Mann und eine Frau sitzen vor einem undefinierbaren, mit einem roten Streifen durchzogenen Hintergrund und blicken, ohne Notiz voneinander zu nehmen, nach links in die Leere. Diese Scherenschnitte werden als Bilder am Computer entworfen. Diese digitalisierte Form von Malerei setzt auf einfache Kontrastwirkung. Meistens benutzt Flamm nur zwei Farben, gerne weiß, schwarz, grau – ein ausgesprochen gedecktes Farbspektrum also. Die digital generierten Schnittbögen werden als Ausdrucke aus den verschieden farbigen Papierbögen zusammengesetzt. Gerade die grafische Reduziertheit triggert die Assoziationen an.

Bildgrenze
Das Klischee an der messerscharfen Grenze seiner Erkennbarkeit: Christian Flamm spielt mit der normierten Welt, mit Bildklischees. Keine Welt ohne Klischees. Klischees garantieren Verständigung. Die Codes, die hier auftauchen, sind kulturelles Standardwissen aus dem Alltag, aus Hochglanzmagazinen aus Literatur, Film, Musik, Werbung, Tagespresse. Ringe tauschen gehört zur institutionalisierten Symbolform der Gemein- und Gesellschaftlichkeit. Kein ewiger Bund ohne Ring. Keine Bekundung von Differenz ohne gehobenen Arm. Doch Flamms Bildmetaphern spielen mit ihrer Lesbarkeit, um sich ihr sofort wieder zu entziehen. Er praktiziert das Plakative als Minimales. Ein Minimales, welches das so klar Erkennbare der Images hervorbringt und gleichzeitig die Erkennbarkeit löscht. Das Minimale wird gekreuzt vom Plakativen – das dies gelingt, liegt vor allem im Scherenschnitt als einer Technik des Aussparens begründet. Flamms Bilder haben wenig Lust auf Abbildhaftigkeit. Illusionistische Details, verortbare Settings tauchen nicht auf. Sie bieten das an, was man drin sehen möchte. Nicht die Bilder selbst, sondern die Aussparung produziert einen Überschuss an Bild. Die Aussparung ist also wichtiger Teil des Bildes. Flamms Scherenschnitte sind hocheffiziente Metaphern, gerade wegen der aussparenden Schematik. Den Trick hat die Werbung bekanntlich besonders gut drauf. Warum hätten sonst Zigaretten was mit Freiheit zu tun.

Sound und Sight
Christian Flamm bewegt sich in zwei Subsystemen des Kulturbetriebs, die meistens recht unabhängig voneinander funktionieren. Ästhetisch lassen sich, beispielsweise am jüngsten Musikprojekt “Gaze” (NEU), einer Kooperation von Christian Flamm und “Stella”-Mitglied Hendrik Weber, dann aber doch geheime Verwandtschaften aufspüren. Die reduziert-minimalistische Soundästhetik, die hübsch technoid daherkommt, setzt auf das Verfahren, das auch die Repräsentationslogik der Scherenschnitte ausmacht: mit einem formalen Minimalismus einen Maximalismus an metaphorischer Narrativität herauszuholen. Im gedeckten, zurückgenommenen Sound, der nichts Offensives hat, breitet sich in der äußerst flächig gehaltenen erzählerischen Fläche eine schwelgerische Weite aus, die melancholisch abgesättigt ist. Die tanztauglichen Arrangements mit bewußt eingesetzten Referenzen an den Noise-Pop der beginnenden 1990er sind durchzogen von Rauschen, Knistern und anderen Zwischengeräuschen. Die Maschinen selbst hören sich handwerklich an.

Rahmen
Flamms räumliche Szenarien beziehen häufig die jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen mit ein, in denen sie gezeigt werden. Das Verhältnis von Künstler, Öffentlichkeit und Ausstellungsraum wird in den ausgestellten Arbeiten selbst mitpräsentiert. Ein abstrakt-modernistisches Formenvokabular aufnehmender Scherenschnitt von 2001, auf einer Kunstmesse ausgestellt, besaß die angenehme Größe von 1qm. Das 1qm-Bild nahm Bezug auf das nirgendwo als Ballungsraum besser konzentrierte Kunstmarktsystem und seine absurden Wertmaßstäbe. Gemäldepreise hängen bis heute von ihrer Größe ab. Flamm schließt an die Tradition der Institutionskritik an, die in den 1960ern und 1970ern in der so gelabelten Konzeptkunst und Anfang der 1990er Jahre als Kontext-Kunst Furore machte. Waren deren analytische künstlerischen Strategien aber als Ausweis der eigenen Kritikalität gerne anti-ästhetisch, gehört Flamm zu jenen, die mit der Überblendung von ästhetischer, schöner Form und Gesellschaftsanalyse einen neuen Raum für die Kunst aufgemacht haben. Einen neuen Raum, in dem es mit der Betonung des Ästhetischen vielleicht auch um sowas geht wie einen verschütteten Aspekt des Kritischen: weil man endlich wieder sehen kann, dass Poesie nicht einfältig ist und Schönheit nicht naiv.

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Elektronische Lebensaspekte.