Die Kunst entdeckt den Nerd. Schnittpunkt: experimentelle Software. Der Blick geht nicht mehr auf die Desktopoberfläche und die Ästhetik der Pixel, sondern hinein in die Funktionsweisen der Rechner, in die Kunst des Programmierens. Ob deshalb jeder Flashfilm schon als Software gefeiert werden muss?
Text: anne pascual & marcus hauer aus De:Bug 56

Software ist das neue Experimentierfeld, gerade so als ob Innovationen im Wohnzimmer entwickelt werden, die großen Labore dagegen immer noch Usability-Studien am laufenden Band machen. Ganz unmerklich hat experimentelle Software die Festivals und Kongresse erobert und findet Nutzer und Liebhaber bei Biennalen.
Dass es sich bei den hier beschriebenen Projekten nicht immer um Software, also um ein fertiges Produkt oder eine lauffähige Applikation handelt, dürfte klar sein. Es scheint fast so, als reicht es nicht länger aus, einfache HTML-Pages zu bauen, um zur wahren Avantgarde zu gehören. Stattdessen gilt bereits jeder kleine Flash-Film als eine Software und jede CD-Rom als eine Plattform. Kaum geboren, finden sich auch schon zahlreiche Theorien, wie sich dieses Feld kunstorientierter Produktion organisiert und welche Konsequenzen daraus erwachsen. Matthew Fuller, der den “Webstalker” von “I/O/D” mitentwickelte, als Pionier dieser Gattung gilt und auch damals schon in einem Zug mit dem Datenbank-Tool “Thinkmap” (Visual Thesaurus) von “PlumbDesign” genannt wurde, unterscheidet drei verschiedene Richtungen alternativer Software-Entwicklungen: kritische, soziale und spekulative Software. Wir ziehen Parallelen und schauen nach, wie weit dieses Modell reicht.

Wir ziehen Parallelen
Programme wie “Auto-Illustrator” von “Signwave” alias Adrian Ward stellen die Standardisierungen herkömmlicher Software auf den Kopf, arbeiten aber eigentlich mit den gleichen Schemata, nur dass herkömmliche Metaphern und Routinen ironisiert werden. So ist es auch kein Zufall, dass “Auto-Illustrator” jetzt Geld kostet und in der Designszene als ernst zu nehmendes Tool beäugt wird, erleichtert es doch die Arbeit beim Erzeugen von vermeintlich zufälligen Illustrationen und Wortschöpfungen. Hier handelt es sich um kritische Software, sozusagen Software, die Software kritisiert.
Mit einem gewissen Hang zum Masochismus kann man die derzeitige Schwemme an E-Mail Viren auch als Kritik an unserer E-Mail Software verstehen. Wäre doch prima, wenn eure Bekannten zufällig je nach Laune eurer Software Grüße von euch bekommen könnten, eure Bookmarks durch die Leitung sausen würden oder die neuesten Konzepttexte an die Konkurrenz gehen. Diese Viren machen das und mit wachsendem Erfolg. Sammler von diesen, manchmal den Tag erleuchtenden, Mails gibt es auch schon. Und die erste Kunst-Ausstellung dazu dürfte wohl nicht lange auf sich warten lassen.
Open Source- und Community-Entwicklungen hingegen gaben den Auslöser für eine zweite Gruppe, die Software zu einer gesellschaftlichen Bewegung ausweitet – soziale Software. Jeder, der an Programm X mitarbeitet, ist in dem sozialen Gefüge von X verankert, ohne dass er dafür außer Anerkennung sonst noch etwas bekommt. Hat User A (der User ist hier auch gleichzeitig Entwickler, meist männlich und arbeitet gern bis spät in die Nacht am Rechner) ein Problem und User B hat das gleiche Problem, dann können User A und B ein Update AB gemeinsam entwickeln und diese Software wieder der Gemeinde von Programm X zur Verfügung stellen. Das ist das Open Source Modell, wie wir es kennen. Dafür erhielt Linus Torvalds, der Entwickler des “Linux”-Kernels, dem Herz des Betriebssystems, auch letztes Jahr die goldene Nica der “Ars Electronica” zugesprochen, ohne dass er bei der Entwicklung explizit Kunst im Sinn hatte. Da aber “Linux” solch enorme Auswirkungen auf den Umgang mit “Microsoft” und Freunden, also eine Rückkopplung an reale Wirtschaftsabläufe, hatte, konnte auch ein dem System Kunst vorbehaltener Preis einem Nerd zugestanden werden.
Schließlich fehlt nur noch die Sorte Programmierer, die Algorithmen für spekulative Zwecke einsetzt, um Geschichten zu erzählen oder Funktionen zu erfinden, an die keiner bisher gedacht hatte. Manchmal sind aber auch Ergebnisse dabei, die keiner wirklich vermisst hat. Die derzeitige Experimentalkultur im Webdesign mit “Macromedia” Produkten lässt sich hier sehr gut als Beispiel anführen. Werden hierbei doch Algorithmen produziert, die meist visuelle Spielereien ohne größeren Gehalt darstellen. Und trotzdem wird hier spekuliert und an den Balken gebogen, bis die Pixel als Diamanten funkeln, wo keiner es vermutet hätte. Joshua Davis (“PrayStation”), der sich nun in den Kreis der Kunst vorgewagt hat, weil eben die New Economy erstmal wieder Luft holen muss, um dann wieder voll in das mobile Spielzeug der Zukunft zu investieren, werkelt derzeit an einem dem FBI-Abhörfilter nachempfundenen System. Zusammen mit “Rhizome.org” wurde eine Software entwickelt, die den kompletten Datentransfer innerhalb eines lokalen Netzwerks überwacht und für darauf aufbauende Clients verwendbar macht. Diese Clients wurden von “Entropy8zuper” Mark Napier und eben Joshua Davis entwickelt.

Useful things
Die Zahl der Künstler, Programmierer, Entwickler und auch Theoretiker wächst, die sich wieder mehr mit der Funktionsweise des Computers und des Rechnens selbst auseinandersetzen. Die Faszination für komplexe Abläufe, die mit Hilfe von Programmiersprachen entworfen werden, führt letztlich wieder zu einer Untersuchung unserer Handlungsweisen, sei es in kollektiven Umgebungen, wie es das Internet und andere Netze sind, und der Routinen und Methoden, mit denen wir Informationen aufnehmen und verarbeiten. Noch spannender ist es, sich zu überlegen, wie Prozesse entworfen werden, deren Verlauf wir noch nicht kennen.
Experimentelle Software zeigt noch ein Weiteres. Für die Rezeption digitaler Kunst scheint es nicht länger auszureichen, auf Medien und Kontexte einzugehen, solange die technischen Faktoren so undifferenziert betrachtet werden, wie es momentan der Fall ist. Nicht jeder Programmcode sollte als Geheimschrift gehandelt werden, gerade so, als spielten sich magische Dinge ab. Leider hat sich diese Schlaumeier-Attitude eingebürgert, die Programmierer zu Wissenden und Nicht-Programmierer zu Unwissenden macht. Diese Einstellung wird vor allem bei der Bewertung experimenteller Software zum Problem. Statt das Expertentum auf die Spitze zu treiben, wäre ein wenig Grundlagenfoschung bei innovativen Applikationen angesagt, damit auch der Rest der Menschen weiß, was sich durch numerische Ideen geändert hat und ändern könnte.

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Elektronische Lebensaspekte.