Medienkrise papperlapapp? Seit letztem Jahr hat sich das Berliner Festival 'transmediale' zum eigenständigen Medien-Kunst-Event gerappelt. Das diesjähreige Motto: "Go public!" ist ebenso Wunsch wie Aufforderung, denn als Videokunstfest stand die 'transmediale' lange im Schatten ihrer mächtigen Film-Schwester 'Berlinale'. Leiter Andreas Broeckmann mailte den Stand Gegenwart und Zukunft.
Text: mercedes bunz aus De:Bug 56

DEBUG: Go Public, das Motto der diesjährigen ‘transmediale’, wie kann
man das verstehen? Ist man vorher in Kunst und Technologie nicht
“public” gewesen?

Andreas Broeckmann: Die Aufforderung ‘go public!’ bedeutet im Englischen – vor allem in den letzten Jahren – den Börsengang eines Unternehmens, das ‘IPO’, initial public offering. Zugleich hat ‘to go public’ natürlich die Bedeutung, eine Sache, ein Projekt oder eine Information öffentlich zu machen. Wir wollten nach dem ‘Do it yourself!’ Thema der letzten ‘transmediale’ dem Festival diesmal eine deutlichere politische Ausrichtung geben. Nach dem ‘Ihr könnt das auch selber machen’ die Frage nach dem ‘Was’ und ‘Wozu’ stellen. Es gibt schon seit Jahrzehnten eine Diskussion über den Stellenwert der Öffentlichkeit in modernen Gesellschaften, die in den letzten Jahren durch die Entwicklung der digitalen Medien und des Internets neu aufgeflammt ist. Für mich ist Öffentlichkeit eine Zone des gesellschaftlichen Austauschs, des Handelns und Verhandelns, die nicht schon von vornherein durchgeplant und durchkontrolliert ist. Die ‘transmediale.02’ zielt mit dem ‘go public!’ Thema auf verschiedene Aspekte der Frage danach, was heute ‘Öffentlichkeit’ und öffentliches Handeln bedeutet. Wir laden Künstler ein, die teils konkrete, teils versponnene Ideen und Vorschläge dazu haben, und versuchen auf verschiedenen Ebenen eine Diskussion darüber in Gang zu bringen. Der Bezug zum Börsenhype der letzten Jahre ist dabei einerseits ironisch gemeint – das kommt dabei raus, wenn man ‘Öffentlichkeit’ mit ‘Markt’ verwechselt. Uns hat aber dann auch interessiert, ob in der ‘Veröffentlichung’ eines Privatunternehmens an der Börse vielleicht auch ein nützliches Modell steckt, ob in dieser Form der ökonomisch begründeten ‘Vergesellschaftung’ möglicherweise eine interessante Alternative zur aufklärerisch-romantischen Version der Öffentlichkeit steckt, der ich selber immer wieder verfalle.

DEBUG: Auch wenn sie eine alte, graue Dame ist: Die Nominierungen der letzten ‘Ars Electronica’ haben verdeutlicht, dass es nicht mehr ohne weiteres möglich ist, die Orte kreativer Produktion nur in der Kunst festzumachen. Habt ihr ähnliches festgestellt? Wie geht Ihr mit einer Trennung Kunst/Nicht-Kunst um?

Andreas Broeckmann: Die Orte kreativer Produktion sind noch nie nur in der Kunst festzumachen gewesen. Die Behauptung vom ‘Take-Over’ bei der letzten ‘ars’ ist dort ja auf zwei schon etwas ausgeleierten Schienen verfolgt worden – den hippen jungen Designern und der Kooperation von Kunst und Wissenschaft, wie sie von den alten elektronische Kunst-Onkeln Leonardo und ISEA schon seit dreißig Jahren und mit wechselndem Erfolg gepredigt wird.
Man setzt sich natürlich immer in irgendwelche Nesseln, wenn man sagt, was Kunst ist, aber was für mich Kunst von Design unterscheidet, ist das Herauskitzeln von Inkompatibilitäten, das Betonen von Reibungsflächen, die Suche nach Überraschendem, vielleicht Überwältigendem, auch das eloquente Verweisen auf Kritik und Widersprüche und das in einer dem Thema, dem Material und den Produzenten – ob Künstler oder Nutzerkollektive – angemessenen ästhetischen Sprache. JODIs Arbeit mit den Bugs in Web-Browsern ist ein bekanntes Beispiel, aber auch die überdrehten Game-Environments von Joan Leandre aus Spanien, die wir diesmal in der Ausstellung zeigen werden.
An einem wirklichen Take-Over der Kunst, auch der Kunst mit digitalen Medien, durch alle möglichen Formen kreativer Produktion, glaube ich nicht. Das hat für mich gar nichts mit dem Verteidigen von Bastionen zu tun, sondern damit, dass es eine ästhetische und politische Kritikfähigkeit gibt, eine Mentalität, die in der Kunst entwickelt und weiter getragen wird und die zu Fragen und Formulierungen führt, die es in der Form im Design oder in der Wissenschaft weiterhin nicht gibt. Bei der ars waren zwei Jungs, die haben so ein tolles Online-Spiel vorgestellt, das sie für einen großen Konzern gemacht haben, mit dem eigentlich eine unauffällige Form des Recruiting und Profiling ausprobiert werden sollte. Dieser ökonomische Zusammenhang – und die Möglichkeit, dass die Arbeitsbedingungen im ‘kreativen Sektor’ vielleicht deshalb so schlecht sind, weil auf solche leichtsinnigen Methoden gebaut wird – wäre in einem guten Netzkunstprojekt von jemandem wie Cornelia Sollfrank oder Rachel Baker natürlich Thema; in der Präsentation bei der ‘ars’ gab es nicht den leisesten Hinweis auf diese rauhe Stelle. Wenn das im September in Linz der ‘Take-Over’ war, dann braucht sich die Kunst keine großen Sorgen zu machen.

DEBUG: Du leitest zusammen mit Susanne Jaschko dieses Jahr zum zweiten Mal die ‘transmediale’ – Gibt es etwas, was sich in der Grundhaltung von den Projekten im letzten Jahr unterscheidet?

Andreas Broeckmann: Die Qualität der Einreichungen war in diesem Jahr aus meiner Sicht eher bescheiden, viel Mittelmaß, manches Mangelhafte, wenig wirklich Herausragendes. Aber das hängt auch damit zusammen, dass die Aufgeregtheit und die Übertreibungen der letzten Jahre abgeebbt sind und die Zeit der Blender vielleicht vorbei ist. Für mich waren genügend gute Arbeiten dabei, dass wir eine interessante Ausstellung, ein paar tolle Video-Screenings und eine auch inhaltlich herausfordernde Medienlounge zusammenstellen konnten. Aber es ist unwahrscheinlich, dass der Jahrgang 2001 wegen seiner Medienkunst in Erinnerung bleiben wird… Die wichtigste Veränderung bei diesem Festival ist, dass wir aus dem Podewil ins Haus der Kulturen der Welt umziehen, ein überwältigender Raum, in dem wir eine Ausstellung mit 15 Medienkunstinstallationen machen können, eine großzügige Lounge im Foyer einrichten und dann verschiedene Räume für Workshops, Panels oder Konferenzen nutzen.
Ganz wichtig ist uns auch die Fortsetzung des ‘club_transmediale’, der nicht nur während der ‘transmediale’, sondern über den gesamten Berlinale-Zeitraum hinweg jeden Abend mit einem vollen, internationalen Programm an Musik und audiovisuellen Experimenten aufwartet. Denn eins ist klar: der Take-Over mag nicht in der behaupteten Form stattfinden, aber die Clubs haben sich zu einem genuinen Ort medienkünstlerischer Arbeit entwickelt, voll gleichwertig den Galerien, den Festivals oder dem Netz. Und so tritt denn auch der New Yorker nato-Pilot Kurt Ralske, der mit seiner Video-Performance ‘UR.02’ für den ‘transmediale.02 Image-Preis’ nominiert ist, am 10.2. mit den 242.pilots im ‘club_transmediale’ auf.

DEBUG: Ist eure Finanzierung durch die Krise der New Economy schwerer geworden, sind die Sponsoren vorsichtiger, oder seid ihr von je her staatlich getragen? Wie und von wem werden Preise und Ausstellung finanziert?

Andreas Broeckmann: Die Grundfinanzierung der ‘transmediale’ – mit der Ausstellung – ist zum Glück auch in diesem Jahr zu über 50% durch die öffentliche Hand gesichert. Was private Gelder angeht, bleibt es aus meiner Sicht schwierig, für Medienkunst Sponsoren zu finden, die Cash geben können. Es gibt sehr gute, zuverlässige Partnerschaften mit einigen Firmen, aber selbst in dem Bereich hat es ein paar Rückzieher gegeben, nach dem Motto, ‘wir lieben euch, können aber in diesem Jahr leider nicht’. Das zieht sich durch die ganze Branche und geht bis zu der Beobachtung, dass sich noch nie so viele ‘freigesetzte’ Designer bei uns gemeldet haben, ob wir nicht Arbeit für sie hätten. Die finanziellen Spielräume für zusätzliche Marketing-Aktionen wie das Stiften von Preisen sind offenbar überall eingedampft – Sponsorenwerber sind in diesen Zeiten nicht zu beneiden.

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Elektronische Lebensaspekte.