Er hat es zu seiner Aufgabe gemacht, die Grenzen zwischen Kunst und Internet aufzuwirbeln und so romantisch und unvorhersehbar wie möglich zu transformieren. Miltos Manetas ist in Griechenland geboren, lebt in L.A. und New York und arbeitet mit Ölfarbe und im Internet.
Text: marcus hauer aus De:Bug 56

Eigentlich ist Miltos Manetas ein Ölmaler. Er bringt so tolle Motive wie “Laptop from the top” in Galerien unter. Als er jedoch letztes Jahr die Tirana Biennale mitkuratierte, merkte man schon, dass hier noch einiges auf uns zukommen würde. Im Projektraum von seiner Gruppe “ElectronicOrphanage” in San Francisco bezahlte er Kids dafür, dass sie Videogames spielten und im Internet surften, weil er dazu keine Zeit hatte. Mittlerweile hat er eine Menge Leute um sich, die je nach Aufgabe neugierig alles mögliche für ihn erledigen. Eine Marke sozusagen.

DEBUG: Du arbeitest mit einer Menge Menschen zusammen, die aus den verschiedensten Kontexten kommen. Einmal die klassischen Webdesign Hippster wie PrayStation, Futurefarmers und Sodaplay, auf der anderen Seite aber auch mit den schon länger im Bereich von net.art operierenden Projekten wie Jodi, Dextro und Numeral. Nach welchen Kriterien hast du sie ausgewählt: Coolness oder aus objektiven Gründen?

Miltos Manetas: Sie haben sich selber ausgewählt, ich weiß nämlich nicht viel über Design. Ich habe einfach mit drei oder vier Leuten begonnen, deren Arbeit mir gefiel, und sie nach weiteren Vorschlägen gefragt. Mittlerweile habe ich um die 50 Leute zusammen. Eigentlich sollte es ja nach 1995 keinen Unterschied mehr zwischen Kunst und Design geben. Der Computerbildschirm ist ein alltäglicher Ort geworden und unsere Erfahrung des leeren “realen” Raums – der einer Galerie oder eines Museums – ist auch irgendwie an einem Endpunkt angekommen. Man kann heutzutage “Kunst” in manchem Design finden, in dem man mehr über die Sicht des Produzenten erfährt als über die Absichten ihres Klienten. In gleicher Weise ist viel von dem, was man “Contemporary Art” nennt – also das, was man auf den verschiedenen Biennalen trifft – eher klassisches Design oder Illustration. Natürlich verwirrt das einige Kuratoren und Direktoren der verschiedenen Kunstinstitutionen und Magazine, denn die meisten von ihnen benutzen ihre Computer nur, um ihre E-Mails zu checken. Wenn man wissen willl, was heute Kunst oder eben gutes Design ist, dann muss man einfach folgenden Test machen: Passt eine Arbeit in den Kontext, dann ist sie normalerweise schlecht. Wenn sie den Kontext transformiert, dann ist sie meistens gut.

DEBUG: Erklär doch noch mal das Konzept von “Neen”!

Miltos Manetas: Wir haben uns ein neues Wort von der Lexikonfirma branden lassen, die “Powerbook” und “Pentium” erfunden hat. In altgriechisch bedeutet das “genau jetzt”. Gute Kunst und gutes Design sind “Neen”. Schlechte Kunst und langweiliges Design sind nichts. Um dieses “Nichts” zu produzieren, braucht man Kunden: Ausstellungen, Publikationen oder einen Jobauftrag. Um allerdings “Neen” zu produzieren, muss man nur so romantisch und unvorhersehbar wie möglich sein. Heutzutage gehören Webdesign- und Flash Animations-Tools zu den billigsten Mitteln, um “Neen” zu kreieren und zu veröffentlichen. Gleichzeitig ist es genau das, was das konservative Establishment am wenigsten versteht. Deshalb suche ich auch vor allem nach Leuten, die Flash und Webdesign machen, oder überrede jeden intelligenten, zeitgemäßen “Kunstschaffenden”, es damit zu versuchen.

DEBUG: Bei der Tirana Biennale warst du für den Onlinebereich zuständig. Ist sie denn nach deinen Vorstellungen abgelaufen?

Miltos Manetas: Die Tirana Biennala war eine Gelegenheit, Leute zusammenzubringen, die wir für “Neen” halten. Die Ausstellung war uns letztendlich egal, selbst wenn wir einige Leute nach Tirana geschickt haben, um das Projekt der biennale.net-Webseite zu entwickeln, die verschiedenen anderen Projekte vorzustellen oder als Demo in der New Yorker Galerie von Jeffrey Deitch in Soho und in der Via Farini Galerie in Mailand laufen zu lassen. Unsere Idee ist, Museen und Galerien als eine Art Hotel zu benutzen. Bringt eure Freunde mit, wir treffen uns da, aber wahrt eine Distanz zur normalen Situation. Deshalb haben wir bei Deitch z.B. einen Draht installiert, der die Leute, die in die Show involviert waren, und ihre Freunde vom generellen Publikumsverkehr getrennt hat. Jeder konnte sich das gleiche ansehen, aber es gab so eine Art VIP Raum ohne Wand für diejenigen, die sich vorgenommen hatten, anders zu sein. Diese Selektion war allerdings eher automatisch. Das Publikum blieb meistens von selber draußen, nur einige Interessierte stiegen über den Draht und schlossen sich uns an. Das lustigste war, dass die meisten der so genannten Netzkünstler New Yorks nicht die Courage aufgebracht haben, diese lächerliche Linie zu überschreiten. Hinterher wurde dann auf Rhizome und anderen Listen über die Show gejammert. Das nächste mal werden wir einen Terminal installieren und die Leute müssen entweder eine Webseite submitten oder etwas Intelligentes schreiben, um über den Draht zu dürfen. Schöne Menschen dürfen natürlich eh kommen, auch wenn sie dumm sind und ihnen nichts einfällt. Sie sind ja sowieso schon Kunst.

DEBUG: Es gibt gerade eine Menge Streit zwischen dir und der Kunstposse, weil eine Frau bei deiner Ausstellung die Arbeit einer anderen kopiert hat, ohne sie vorher zu fragen. Darauf hin hast du die Website iamgonnacopy.com ins Leben gerufen, bei der jeder ja oder nein zum Copyright sagen kann.

Miltos Manetas: Mir macht lamgonnacopy.com vor allem deshalb Spaß, weil die Leute dort noch Antworten auf Fragen geben, die sich in der Zukunft eigentlich von selbst erklären sollten. Ähnlich wie sich die Frage, ob die Schwarzen oder überhaupt jemand Sklaven sein sollten, erübrigt hat. Heute sagen wir selbstverständlich, “Frei!”, aber für Leute wie Plato, Aristoteles, Shakespeare oder Descartes war das nicht so einfach. Die Ökonomie ihrer Zeit und damit auch ein großer Teil ihres Einkommens funktionierte nur auf Grund einer Akzeptanz der Sklaverei.
Die Absicht von Iamgonnacopy.com ist nicht, das Copyright oder das intellektuelle Eigentum abzuschaffen, denn dafür werden ganz andere soziale Kämpfe notwendig sein – wie auch bei der Sklaverei. Es geht darum, den Gedanken der Produzenten unserer Tage einen Spiegel vorzuhalten. Wie auch immer: Tatsächlich gibt es keine “Kreation” ohne Kopiervorgänge.

DEBUG: Programmierst und designst du deine Web-Seiten selbst?
Miltos Manetas: Ich mache selbst gar nichts. Es ist einfach interessanter, jemand anders zu fragen, ob er die eigenen Ideen interpretieren kann oder eben etwas herstellt, das man hinterher als so etwas ausgeben kann. Ich sehe mich selbst als eine Art zusammengesetztes Signal, also versuche ich jeden, den ich kenne, in das Webdesign meiner Seiten zu integrieren. Die Seiten werden so etwas wie ein sich selbst schreibendes Buch, in dem die Ideen, Charaktere und das Design die Story entwickeln.

DEBUG: Was hältst du von den verschiedenen Institutionen, die sich in den USA der net.art zugewandt haben, dem San Francisco MOMA, dem Withney oder Rhizome? Inwiefern unterscheidest du dich von ihnen?
Miltos Manetas: Ich pflege eine Art Hassliebe zu Institutionen, das ist so wie mit einer Familie. Sie glauben immer zu wissen, was gut für dich ist, manchmal bieten sie dir sogar eine Menge Unterstützung an, aber es ist besser, argwöhnisch zu bleiben und bereit zu sein, sich von ihnen zu trennen, denn sie sind per Definition konservativ. Die Technik im Umgang mit ihnen, und auch hier kann man von einer Familie lernen, sollte sein: Ruf sie jeden Monat einmal an, versuche dir soviel Geld wie möglich überweisen zu lassen und versuche niemals, ihnen etwas zu beweisen. Natürlich muss man ständig darauf vorbereitet sein, dass sie einen vergessen. Das Leben einer ganzen Menge an Freunden, mit denen ich zusammen angefangen habe, sieht mittlerweile so aus: Eine große Veröffentlichung beim Phaedon-Verlag, den Terminkalender mit Ausstellungen durchgeplant für die nächsten 5 Jahre und manche von ihnen kaufen sich sogar schon Häuser. Die Kuratoren lieben sie, aber ihre Prudukte sehen gar nicht mehr verlockend aus, sondern irgendwie erwachsen und so verständnisvoll. ElectronicOrphanage und Manetic hingegen sind keine Institution. Sie sammeln Waisenkinder und lassen sie so. Es ist keine Gruppe, sondern eine Art U-Bahn, in der fremde Leute sich austauschen und ihre Ästhetiken optimieren.

DEBUG: Wie lauten deine Pläne zur Withney Biennale. Du planst ja ein Parallelprojekt?
Miltos Manetas: Es war wieder mal Whitney-Zeit und so zog ich los, um nachzusehen, ob die Domain http://www.whitneybiennial.com registriert war. Siehe da: Sie war noch zu haben! Kunst-Organisationen haben ja richtig gehend Angst vor .com-Domains. Sie versuchen immer, politisch korrekt zu sein und .net oder .org zu bekommen. Aber sie benutzen dann doch vorgefertigte Logos, die man aufgreifen kann, ob nun Whitney Biennale, Venedig oder die Documenta. Ich jedenfalls habe mich enschlossen, Whitneybiennial.com zu benutzen, um eine Webseite und Ausstellung zu machen, die zeitgleich mit Whitney 2002 aufmachen wird. Wenn Whitney.org so etwas wie eine Kuh ist, dann wird whitneybiennial.com eine Schlange. Anstelle von individuellen Projekten lade ich Künstler und Designer ein, um einen Teil eines großen Flash Films zu machen. Es sind recht bekannte Leute darunter, aber jeder ist willkommen, einen Teil des http://www.whitneybiennial.com Films zu machen. Die Entscheidung, wer letztendlich dabei ist, und das Editing wird von Electronic Orphanage übernommen.
Die Liste der Leute wird zur Eröffnung am 7ten März bekannt gegeben.

DEBUG: Was planst du als nächstes?
Miltos Manetas: Ich mache wie immer ein paar Ölbilder, man sagt mir, das kann ich gut. Ich mag es nicht wirklich zu malen, aber es macht mir Spaß, die Bilder anzusehen und ihnen ihnen den Look einer “Museums Qualität” zu geben.

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Elektronische Lebensaspekte.