Wie verhalten sich zeitgenössische Kunst, Webdesign und Medienkunst zueinander? Welche Beziehungen pflegen sie, wo zeigen sie Familienähnlichkeiten und an welchen Stellen können sie sich nicht leiden? Ein Blick auf die Kreativität der Neuen Ökonomie, die Medienkunst und die junge zeitgenössische Kunst in der Galerie.
Text: mercedes bunz aus De:Bug 56

1. Kreativität und Neue Ökonomie
Ausgerechnet die New Economy war es, die uns vom Mythos der Kunst erlösen sollte, weil sie Kreativität und die Finanzierbarkeit von Kreativität unter neuen Vorzeichen durchspielte. Man traf im Netz auf Arbeiten, die der strengen Kantschen Kategorie eines interesselosen Wohlgefallens entsprachen und sich somit rein theoretisch als “Kunstwerk” deklarieren konnten, das aber sinnvoller Weise nicht taten, sondern die Ränder des Agenturlebens bevorzugten. Webdesign und funktionslose Websites, die spielerisch und experimentell programmiert waren, kamen von den gleichen Namen, den gleichen Personen und manchmal auch den gleichen Agenturen. Als Pioniere fungierten io360.org, die schon 1996 Spezialisten gleichermaßen für skurriles Interface-Origami und solchem für Microsoft waren und die der Internetgott seelig zu sich gekauft hat. Oder Futurefarmers.com aus San Francisco, die als kleine Agentur eigene Projekte ebenso featuren wie die von Kunden. Oder Flipflopflyin.com von Craig Robinson, der mittlerweile von London nach Berlin zu Defcom.de als Senior Designer geholt worden ist. Diese und andere Teile der New Economy standen für eine Synthese aus Kunst und Technologie, die den bisherigen Rahmen der Kunst sprengte, indem sie sie einfach ignorierte. Die Ökonomie wurde quasi – vorübergehend wie gesagt – zur neuen Popkultur, die den Anspruch auf Selbstverwirklichung nicht nur auf die Tätigkeit, sondern auch auf die Kontoführung übertrug. Es ging nicht mehr darum, Grenzen zu sprengen, sondern sich in ihnen einzurichten, visuell und finanziell. Das klappte nur halb, bis das große Geld mobil dazwischenfunkte und die spielerische Dynamik der Agenturen erst wegrationalisierte und dann abstürzen ließ. Trotzdem: Die Krise der Neuen Ökonomie hat zwar nicht unbedingt dem kreativen Potential des Digitalen geschadet, es aber auf jeden Fall in Bedrängnis gebracht, denn seitdem denkt man bei Internet eher an Konkurs, Insolvenz, Blasen und Scheitern, und nicht an visionäres Potential.

2. Das Medium und die Kunst
Die andere Seite der Synthese aus Kreativität und Technologie, die Medienkunst, hat sich umgedreht dazu verleiten lassen, das Netz als technisch gewordene Utopie der Moderne zu feiern. Eine Unabhängigkeit von Institutionen, die Betonung einer Interaktion mit dem Betrachter, das Werk als Prozess – all diese Kriterien schienen in das Netz technisch implementiert zu sein. Und alle diese Kriterien verliefen sich im Sand. Denn sicher, das Ausstellen im Netz stand jedem offen. Doch es tauchte keine ernstzunehmende unabhängige Netzinstitution auf, eher etablierten sich ein paar Künstlerwebsiten wie jodi.org. Vor allem Kunstmuseen, große fette Kunstmuseen wie das Museum of Modern Art in San Francisco, waren es, die qualitativ hochrangige Netzkunstausstellungen präsentierten. Parallel entdeckte man, dass die Abhängigkeit der Arbeit vom Betrachter im Netz auch meist nur darin bestand, zwischen zwei Wegen zu wählen anstelle von einem, also letzten Endes auch nur so etwas wie eine figura serpentinata gewesen ist, deren Vielansichtigkeit einem durch ihre schlangenförmig gewundene Schraubbewegung schon seit der Antike offen lässt, ob man um eine Skulptur links- oder rechtsherum läuft. Und darüber hinaus in der Version der “Interaktivität” eine gnadenlos zu Tode gehypte Form gefunden hatte, bis uns der Begriff des Hypertextes zu den Augen heraushing. Und der prozessuale Werkbegriff, der sich im Netz in Betaversionen äußerte, hatte sich ebenfalls schon lange von der Skizze bis zum Ölbild rückwärts aufgerollt.
Es blieb das eigene Medium, der eigene Kontext, wahlweise das Netz oder der Code, von dem aus man den seit der Renaissance üblichen Paragone der Kunstformate ansteuern konnte, den zuletzt die Videokunst über sich ergehen ließ. Damit und von Anfang an hat sich jedoch die Netzkunst auf das System Kunst bezogen: Jodi – von Kunstkritikern und Nerds beidermaßen geliebt und geachtet – hat Künstlerstipendien angenommen, 0100101110101101.org waren sehr stolz darauf, auf der Venedig Biennale “sub-subversiv” einen Virus ausgestellt zu haben. Anders als elektronische Musik hat Netzkunst keine eigene kulturelle Formation gebildet, von der aus es das System Kunst ignorierte und veränderte. Anstelle praktiziert die Medienkunst eine durch Hassliebe geprägte Annäherung. Doch auf die Kunst wirkte man wenig ein, wahrscheinlich gerade weil man als “Netzkunst” konzeptuell nicht wirklich etwas Neues, sondern die Erfüllung der Moderne gewesen ist. Man hat keine explosive Kapsel gebildet, die im System auftauchte, Störungen verursacht und schließlich aufgeht, um zusammen mit ihrem Kontext etwas anderes und hoffentlich besseres zu werden.

3. In der Galerie
Vielleicht war das auch gar nicht notwendig. Denn das Seltsame: dass die zeitgenössische Kunst, jene in den Galerien und Gruppenausstellungen, gleichzeitig mutierte – zumindest an einem Ende – und ihre eigentliche Kompetenz – die Visualität – wieder entdeckte. Und gerade an dieser Stelle clashen Welten aufeinander, weil die Medienkunst zu den Bekehrten predigt, indem sie auf einen elitären Kunstbegriff zielt, der höchstwahrscheinlich am Aussterben ist. Von selbst. Hoffen wir. Während die jüngere Kunst ein elitäres Pathos bereits hinter sich gelassen hat und spielerisch die Grenzen zwischen klassischen und populären Motiven übertölpelt. Indem sie Visualität und Formales als Problematik neu entdeckt und füllt, greift man ausgerechnet in der sogenannten Medienkunst doch gerne auf die hehre Sonderposition in der Gesellschaft zurück, mal augenzwinkernder Weise [siehe transmediale-Interview mit Leiter Andreas Broekmann], mal ernsthaft, wie im Reader zu den “Formen interaktiver Medienkunst”, der gerade bei Suhrkamp erschienen ist [siehe Reviewfolder]. Die Kunst als Ort der Kritik, der in einem interesselosen Wohlgefallen begründet ist? Die Kunst als Ort einer ausgezeichneten Sichtbarkeit und nicht eines bestimmten Sehens? Der Gegner der allmächtigen Ökonomie, obwohl man gerade vor kurzem im zeitgenössischen Kunstdiskurs nochmals ausgiebig deren Verwurstelung an die Oberfläche des Diskurses gezogen hatte und in den Neunzigern die Panzerschrankreichen Sammler Saatchi explizit die Wetterfrösche der Kunsttrends spielten.

Fazit. Die Kreativität in Webdesign, Medienkunst und der zeitgenössischen Kunst überlappen ihre Diskurse an allen Ecken und Enden. Sie pflegen seltsame Beziehungen. Webdesigner sind näher am Habitus der zeitgenössischen Kunst als Medienkünstler. Medienkünstler stellen sich stärker in kunsthistorische Traditionen als zeitgenössische Künstler. Zeitgenössische Künstler scheuen das Neue Medium. Es bleibt spannend.

PS: Ach ja. Bleibt noch das Rätsel von dem einen Künstler zu lösen, von dem wir eingangs sprachen: Joshua Davies von Praystation ist dem Aufruf der Ars Electronica “Take over – Wer macht die Kunst von morgen?” und der Rezession in seinem Land gefolgt, zwangsweise, denn ihm wurde gekündigt, folglich ist er vom Webdesigner zum Künstler mutiert. Sagt er jedenfalls.

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Elektronische Lebensaspekte.