Der Poet William Cody Maher wandert um den Globus mit Lyrik im Koffer. Seit 25 Jahren ist der Amerikaner als Dichtender und Jobbender zwischen Paris, Kalifornien, Berlin, Moskau und Heidelberg unterwegs. Seit diesem Jahr ist zu dem Koffer noch eine Laptop-Tasche dazugekommen - wegen des Sounds. Mit dem Stück: "The Suitcase" performt er jetzt auf CD und im Konzert in Zusammenarbeit mit den Laptopmusikern Move D, Alex Cortex, SadRockets, Rawell und vielen anderen Mini-Hörspiele.
Text: Oliver Köhler aus De:Bug 66

Spät im Herbst. Nass und etwas abgekühlt. Nebel hängt in der Luft. Wenn abends die Straßenlampen angehen, leuchtet das Gelb doppelt so grell. In einer Kulturstätte fernab dieser Außenwelt sitzen eine Handvoll Leute. Warten und starren auf einen Koffer. Wärmer als draußen ist es nicht unbedingt. Warum lieber hier als zu Hause? Dort steht auch ein Sofa. Vielleicht liegt irgendwo der Spiegel von letzter Woche. Hätten die Leute hier ihn gelesen, wüssten sie, auf was sie sich einlassen. Wie hat die Wochenpostille diesen neuen Trend genannt? “Pop meets Lyrik”, “Lyrik light”, “poetischen Chill-out”, oder noch besser: “Gedichte, die von sphärischer Musik untermalt werden”! So was liest hier keiner. Sie sind hier, weil sie etwas anderes als “sphärische Untermalung'” spüren. Bislang haben sie aber nur einen Koffer vor Augen. Einen recht großen, immerhin. Was alles da drin sein könnte? “Eine Bombe?” fragt eine amerikanische Stimme leise, aber verlockend über die Lautsprecheranlage. “Maybe just parts of a body / Maybe it’s the x rays of a body back from the lab / Maybe sawdust from the cross of Christ / Maybe a blood stained uniform / Or only a handful of excuses why I’m here / Let’s just open it and see what happens.”

Lyrical Hardcore?

Mit Pop und Lyrik hat das eigentlich nicht mehr viel zu tun. Es geht nicht darum, dass uns Xavier Naidoo aus irgendeinem Gedichtsband, den wir früher in der Schule halbherzig gelesen haben, Lieblingsverse rezitiert. Es geht ums Persönliche. Um den Mann, der diese Zeilen geschrieben hat. Und dann geht es um die Musiker, die sich etwas ausgemalt haben, als sie die Zeilen gehört und (vielleicht) gelesen haben. Auf der CD zum Abend, “The Suitcase”, wird das Tracklisting in zwei Hälften geteilt: Poems und Soundtracks. Unter den Soundtrack-Machern: Move D, Sad Rockets (aka Andrew Pekler), Elfish Echo, Rawell und Alex Cortex. Wo Maher die literarische Konstante bildet, sind Frank Pyne (Chef von The Campfire) und Jochen Seiterle (Mitglied der Ska-Band The Busters) die musikalischen Konstanten. Seichte Unterhaltung? Nicht wirklich. Oder sind Gedichte über Scharfschützen (“A finger eternally pressed on a trigger / The monument to a sniper / Death is to a sniper / as life is to a priest”) etwa das, was man als banal bezeichnen würde?

Soul Adrift

Dass Maher nie beabsichtigte, poetische Floskeln runterzubeten, sieht man ihm eigentlich an. So mickrig seine Gestalt beim ersten Blick erscheinen mag, sie hinterlässt nie wieder diesen Eindruck. Kaum fängt Maher an zu reden, erwacht der Teufel in ihm. Gesund boshaft und sehr bestimmt redet er über eine Vergangenheit und Gegenwart, die einem ständigen Prozess des Wandels ausgesetzt sind. Sein Lebenslauf ist das makrokosmische Pendant zum mikrokosmischem Koffer, der hier heute Abend geöffnet wird. So wie er seit 1978 als Dichtender und Jobbender zwischen Paris, Kalifornien, Berlin, Moskau und Heidelberg am Pendeln ist, treibt in seiner Darstellung von “The Suitcase” seine Seele von einem Punkt zum anderen. Der frenetische Bogen an Rhythmen, Themen und Tempi wird mit autobiografischen Andockpunkten angereichert: “I used to be in the straitjacket business but I never found the right fit / [.] / Don’t leave your burning bridges behind you / Let me take care of it.”

For Further Verse

Wenn aber Musik nur hier den Arbeitstitel “Soundtrack” zugeteilt bekommt, worin liegt dann der wirkliche Sinn? Musiker etwa mit Arbeit zu versehen? Poesie, auch interessantere wie die Mahers, für Buchmessen und Lesebuch-Publikum etwas aufzupeppen? Das Radikale an dieser Form der Laptop-Poesie lässt sich zurzeit nur erahnen, existiert aber. “Chicken Soup” zeigt den Weg: Während Maher wie aus einem Filterloop heraus das Rezept gegen Erkältungen gackert, punktiert Alex Cortex den Redespurt mit Loops und Beats, bis beide Elemente – Poem & Soundtrack – in ihrem Kurzschluss ein und dieselbe manische Einheit bilden. Das ist auch der Punkt, an dem die Symbiose von Musik und Dichtung die beiden Einzelteile neu zu definieren beginnt. Der Text kommt ohne Musik nicht in den Schwung, der vorgesehen war. Die Musik ist ohne Text leblos. Mit dieser Einsicht endet aber auch der Abend. Maher steht erst am Anfang dieser Reise, in den Strukturen, Metern und Molekülen seiner Dichtsprache. “Somewhere / On a road I have never seen / We are meeting for the first time / Where all of this is being discussed / With great excitement.”

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Elektronische Lebensaspekte.