Japanische Fotografie pendelt derzeit immer noch zwischen begeisterter Selbstinszenierung als Popphänomen und Reflexion. Okinawa spielt dabei aus verschiedenen Gründen eine besondere Rolle. Eine Bestandsaufnahme, inspriert von einer Ausstellung von Camera Austria in Graz.
Text: Krystian Woznicki aus De:Bug 77

Nach dem Girlquake / Fotografie in Japan

“Keep the light step going, forever a kid.” Der einflussreiche Fotografie-Kritiker Kohtaro Iizawa konstatierte Mitte der 1990er Jahre, dass junge japanische Künstlerinnen fotografische Codes radikal suspendierten. Unbeschwertheit und revolutionäres Potential waren Eigenschaften, die er ihnen zuschrieb. Als Kohtaro Iizawa seine Beobachtungen formulierte, hatte ein Hype seinen ersten Höhepunkt erreicht, der mit Magazintiteln wie “Girlquake” (Studio Voice, Juli 1996) bereits zahlreiche Namen bekommen hatte. Es war ein Hype, der symptomatisch war für ein Phänomen, das sich nicht nur auf die Bewegung der “Girls with Cameras” beschränkte, sondern die japanische Fotografie als Ganzes betraf. Ja, der Girlquake war die Speerspitze einer visuellen Kultur, die es einerseits versteht Verbreitung über massenmediale Kanäle zu finden, andererseits ihren Rezeptionsrahmen insoweit reflektiert, als dass sie die zeitgenössische Pop- und Jugendkultur dokumentiert und thematisiert.

Forever a kid
In Iizawas Aufruf “Keep the light step going, forever a kid” verdichtete sich ein zum Pop-Phänomen mutierter Kollektivwunsch nach Reinheit und jugendlicher Blüte, der mit den Ansprüchen einer offenkundig feministischen Agenda kurzgeschlossen worden war. Exemplifiziert wurde er wohl am besten von der Popband “Mr. Children”, die mit ihrem Millionenseller “Innocent World” den Nerv ihrer Zeit getroffen hatte. Neben solchen mitunter national angehauchten Mythen, gibt es allerdings auch andere große Themen, die die gegenwärtige Popkultur Japans auszeichnen, – vor allem die Thematik des Reisens, bei der etwa die Grenzen nationaler Identität komplexer ausgelotet wird.
Kyoichi Tsuzukis Bild-Odysseen zum Beispiel lassen den Betrachter eintauchen in den japanischen Alltag jenseits der auch im Westen zirkulierenden Klischees. Man begleitet den Fotografen auf seiner Suche nach einem Bild von Japan, das sich überraschenderweise zum Beispiel in vermassten Wohnkulturen spiegeln kann. Kisei Kobayashi verfolgt dagegen in seiner Serie “Asian Japanese” Japaner, die sich außerhalb von Japan niedergelassen haben. In dieser Auseinandersetzung um Übergänge und Grenzen sind Fotografen, die sich mit Okinawa beschäftigten, natürlich von besonderem Interesse, weil Okinawa seit geraumer Zeit identitäts-politisch zwischen den Stühlen steht (gehört es zu Japan, Amerika oder Asien?). Mao Ishikawa zum Beispiel dokumentiert die Geschichte des im späten 19. Jahrhundert von Japan annektierten Inselreiches mit politisch-aktivistischer Verve seit 1973. Sie begann ihre Arbeit also zu einer Zeit da Okinawa erneut, dieses Mal von den Amerikanern, besetzt worden war. In ihren S/W-Fotos reflektiert sie Menschen und ihre Schicksale unter den Vorzeichen des anhaltenden Kolonialismus.
Wiederum um ein anderes japanisches Thema aus Okinawa kreist Tomoko Sawada. Erst 1977 geboren, lichtet sie sich selbst im Stile der urbanen Straßenkultur ab. Einerseits nimmt sie so die Selbstinszenierungskultur von Fotokabinen (so genannter Print-Clubs) auf, andererseits referiert sie auf die ästhetischen Codes der zeitgenössischen Mädchenmode in Japan, vor allem den Ko-Gyaru-Look, der in Okinawa von Namie Amuro kreiert wurde: blondierte Haare, Plateau-Schuhe, ornamentale Kosmetik und ein exzessiver Gebrauch tragbarer Gadgets. Mit Sawada, die außer Ishikawa, Tsuzuki sowie Kobayashi neben zahlreichen anderen im Rahmen von Graz 2003 in der Ausstellung “Positionen Japanischer Fotografie” zu sehen waren, schließt sich in zweifacher Hinsicht ein Kreis: Einerseits zum Okinawa-Komplex hin, andererseits zum zeitgleich aufkommenden Girls-with-camera-Boom, der wiederum für den sozialen Gebrauch von Bildern einen Kristallisationspunkt der jüngeren Vergangenheit darstellt.

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Elektronische Lebensaspekte.