Der Kölner Künstler Johannes Wohnseifer braust in seinen Arbeiten quer durch die Design- und Kunstgeschichte. "Kapelle", seine jüngste Installation, widmet sich dem Autocrash. Aber nicht nur seine Vorliebe zu Hondas, auch anderer, männlich beliebter Nerdthemen wird sich versiert angenommen, egal ob es sich dabei um Braun-Design von Dieter Rams oder um elektronische Musik handelt. Warum nicht den Mythos Mann und Maschine nochmal anders inszenieren, Stereotypen kann man schließlich gleichzeitig überdrehen und gern haben.
Text: Alex Heimes aus De:Bug 81

Braunmusic und Hondabeats / Kunst mit Johannes Wohnseifer

Der Name Johannes Wohnseifer dürfte in Honda-Fanclubs mittlerweile ähnlich hoch gehandelt werden wie in der Kunstwelt. Dass die Arbeiten des Kölner Künstlers gerne auf Rennwagen zurückgreifen, hat aber nicht nur mit der Liebe zu Autos zu tun. Wohnseifers Bilder, Videos und Installationen sind vor allem an den vorgelagerten Images interessiert, an Stereotypen und imaginär überdrehten Trivialmythen. Zum Teil entstehen daraus Inszenierungen einer scheinbar distanzlosen Identifikation. Konträre Bilder, dem Mythos bereits eingelagert, steuern dagegen.

Autowracks als Crashkurs durch die Kunstgeschichte
Wohnseifers jüngste Installation “Kapelle” in der Galerie Johann König, Berlin, schafft vodergründig einen besinnlichen Ort. Dazu wurde der Raum, dem architektonischen Grundriss folgend, mit bebilderten Vinylplanen zu einer Art Tunnel verhängt. Zu sehen sind pressetypische Schwarz-Weiß-Fotos von Autowracks, unscharf aufgerastert und anonym. Seriell aufgereiht, zeigen sich dem Besucher die trostlosen Nachbilder von implodierten Beschleunigungskurven. So wird ein fantasmatisch aufgeladenes Stereotyp, das rasende Gefährt und seine Vernichtung von Raum und Zeit, zu einem profanen Trümmerhaufen der Materie.
Nicht umsonst wirbt die Einladungskarte mit J.G. Ballards SciFi-Bestseller “Crash” von 1973, der Romanvorlage zu David Cronenbergs gleichnamigem Film. Die rauschhafte Kopplung von Geschwindigkeit und Maschine ist in “Kapelle” bereits abgebremst, der Parcours entlang der Unfallserie gleicht eher der unerbittlichen Kamerafahrt in Godards “Weekend”. “Kapelle” setzt ein ausuferndes Netzwerk von Resonanzen frei, auch in Richtung anderer Arbeiten des Künstlers.
Zudem liefern Wohnseifers Projekte immer auch einen Crashkurs in neuerer Kunstgeschichte. “Kapelle” handelt von der “Rothko Chapel” in Houston (1971) ebenso wie von Andy Warhols Desaster-Serie, zudem klingt Kippenberger als künstlerischer Ziehvater an. Und warum nicht auch der US-Künstler Tony Smith, der, während er Anfang der 50er über eine Autobahn raste, schlagartig das “Ende der Kunst” erkannte.

Quer durch den Verweisungswust der eigenen Mythologie
Meist aber beginnt die Zeitrechnung der von Wohnseifer kompilierten Referenzen erst am 10.09.1967 – seinem Geburtstag. Am selben Tag gewinnt das Honda-Team beim Formel1-Rennen in Mazona, München erhält 1967 den Zuschlag für Olympia ’72. Politische Zäsuren der folgenden Jahre, das Olympia-Attentat oder die Schleyer-Entführung geraten als codiertes Material in den noch kindlichen Radar. Heute treten diese Themen in stets neu abgemischten Varianten in Wohnseifers Werk auf. Sein konkretes Vokabular scheint noch einen Rest der frühen Wahrnehmung zu wach zu halten, als einer vielleicht so erlebten Schnittstelle von Öffentlichkeit, Medien und eigener Bewusstwerdung.
Die Rhetorik der Dinge verankert Wohnseifer vor allem im Feld der Codes und Einschreibungen – um deren Grammatik hackermäßig umzupflügen. Mit den so gestifteten, quer laufenden Erzählungen lassen sich noch die unterirdischsten Verbindungen herstellen, von historischen Koinzidenzen bis hin zu latent paranoiden Geheimsprachen. Sie verweisen das eigentliche Material auf ein Schattendasein im Modell- bzw. Stellvertreterposten.

Braunmusic & Hondabeats
Wohnseifers Verfahren wird häufig mit Begriffen aus der elektronischen Musik belegt; nahe liegend schon deshalb, weil der Künstler mittlerweile zwei LPs und eine EP (alles Vinyl) aus diesem Bereich vorgelegt hat. “Wohnseifer presents” heißt hier: Die Sounds kommen von befreundeten Kölner DJs; Wohnseifer verantwortet die Initiative, das Gesamtkonzept und, kaum verkennbar, die Plattencover. Das leicht verschrobene Art Work schließt sich direkt mit seinen anderen, männlich regierten Nerd-Themen kurz und will offenbar auch das Thema Platten/-sammlung hier einsortiert wissen. Die Cover verzichten weitgehend auf die gängige Emblematik und empfehlen sich mit Retro-Fotos, die das Wohnseifer-Universum auf den außermuseal zirkulierenden Ausstellungsflächen des Covers fortschreiben.
Z.B. der Longplayer “braunmusic”, erschienen 1997 im Kölner Tropen-Verlag: Ausschlaggebend war Wohnseifers Begeisterung für Wecker im legendären Braun-Design, und so gab er Samples in Auftrag, die mit den Wecktönen arbeiten. Entstanden sind 7 sehr hörenswerte Stücke von Ambient bis zu tanzbaren Techno Beats; und zum Glück findet nirgends – im Gegensatz zum Coverbild – die hypertrophe Stilisierung des Ausgangsmaterials statt.
“Hondabeats” entstand 1998 anstelle eines Ausstellungskatalogs, und wurde gleich auch für eine Soundinstallation in dieser Schau eingesetzt: In bester Parkplatz-Manier dröhnten die Bässe aus einem dort abgestellten Old-School-Honda in den Ausstellungsraum. Das Cover hingegen: Glamour in Technicolor. Verteilt über Vorder- und Rückseite, erscheint eine sonnige Vorgartenidylle mit dem brasilianischen Rennfahrer-Gott Ayrton Senna, Formel1-Sieger und Unfallopfer. Hier putzt er gerade seinen roten Flitzer, als würde er ihn mit Champagner begießen. Der Loop von Mann und Maschine als besten Freunden, als mythischer Symbiose, geht in eine neue Runde.

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Elektronische Lebensaspekte.