Text: alexander shulgin aus De:Bug 04

KUNST; MACHT UND KOMMUNIKATION
von Alexei Shulgin

(Ein paar einfache Gedanken ohne den Wunsch sie tiefer erscheinen zu lassen)

Ich habe diesen Text direkt in Englisch geschrieben, was ich nicht gut kann und ich weiß, daß das was ich sagen werde, etwas deklarierend, generalisierend und klumpig klingen wird. Aber die einzige Alternative wäre nichts zu sagen. In jedem anderen Fall wird allerdings die Vielzahl möglicher Assoziationen und Interpretationen diese Krümelchen Sinn auswaschen, die ich hoffnungsloserweise versuche hier auszudrücken.

Wie kann es jemand wagen, Wörter zu benutzten, um etwas zu erklären? Ist es nicht offensichtlich, daß Wörter gar nichts beschreiben? Laßt uns ehrlich sein. Wörter sind nichts weiter als ein anderes Medium für einen Künstler.

1. Die Mechanik repressiver sozialer Institutionen verlangt nach einem gewissen Level an Stabilität. Die Leute, auf die diese Institutionen ihre Macht begründen, die von ihr einer Gehirnwäsche unterzogenen Leute, wollen eine gewisse Vergangenheit, ein Jetzt und eine Zukunft. Sie haben Bestiztümer zu verlieren. Sie brauchen eine Stabilität, um diese Werte zu erhalten, die ihnen tatsächlich auferlegt werden.
Aber: Die Vergangenheit existiert nicht, weil sie so einfach umgeschrieben werden kann. In dem Geschichtsschreiber die Vergangenheit beschreiben, versuchen sie sie zu besitzen, über sie Macht zu erlangen und durch sie eine Macht über die Gegenwart. Sie benutzen das Verlangen der Menschen, eine gewisse oder ungewisse Vergangenheit zu haben, um sich selber identifizieren zu können. Nicht jeder ist zufrieden mit der Vergangenheit und deshalb wird jede neue Vergangenheit, die von verführenden Historikern aufrechterhalten wird, die Aufmerksamkeit der Leute bekommen. Werde ich (meine Familie, mein Land, mein Geschlecht, meine Rasse) besser aussehen im Licht dieser brandneuen Vergangenheit?
Genauso ist es mit der Zukunft. Sie existiert nicht. Jede neue vorgeschlagene Zukunft ist nur eine weitere versuchte Machtübernahme. Aber, für die meisten Leute existiert auch die Gegenwart nicht. Sie leben sich da durch, begründen ihre Schritte durch falsche und aufgezwungene Bilder der Vergangenheit und Zukunft. Sie kommunizieren nicht.
2. Theorie? Klar, man kann brillante logische Schlüsse ziehen, aber was sind die Ausgangspunkte, wo sind die Axiome? Sind sie nicht immer vollkommen unsicher und unobligatorisch?
3. Wenn man über Kunst spricht, meinen wir immer Formen von Kunst in denen diese Kunst existiert. Kunstformen, die von verrotteten Institutionen für Kunst befunden und reguliert werden. Selbst eine Untergrundkunst bezieht sich immer wieder auf die etablierte Art. Kunst, alle künstlerische Aktivität, so wie wir sie kennen, ist das Resultat eines Willens zur Kommunikation, der von sozialen Machtstrukturen unterdrückt wird. Die einzige Kunst, die unter diesen Umständen möglich ist, ist Kunst, die auf dem Gedanken der Repräsentation basiert.
Computer haben ein paar Alternativen gebracht. “Medien Kunst” ist vom Standpunkt der hohen Kunstgesellschaft sofort zu einem Synonym für “Experimentelle Kunst” geworden. Wenn ich mir populäre “Medien Kunst”-Formen ansehe, wundert es mich immer, wie aufgeregt und hoffnungsvoll Menschen aufgrund dieser neuen Art, sie zu manipulieren, sind. Es scheint, daß Manipulation die einzige Kommunikationsform ist, die sie kennen und schätzen. Sie sind froh, den wenigen Optionen folgen zu können, die ihnen der Künstler gibt. Rechter Knopf, linker Knopf, spring oder mach Platz. Ihre Manipulatoren, Künstler, fühlen das und benutzen die Verführung der neusten Technologien (Future Now!), um Menschen in ihre Pseudo-Interaktiven Spiele, die sich offensichtlich in ihrem Willen zur Macht begründen, zu involvieren. Aber was für nette Worte sie dafür benutzen: Interaktion, Interface for Self-Expression, Artifizielle Intelligenz und eben Kommunikation. Das Aufkommen der “Medien-Kunst” ist charakterisiert durch einen Übergang von der Repräsentation zur Manipulation.
Aber Manipulation ist kommunikativer, wenn sie Repräsentation ist. Mit der Ankunft des Netzes entsteht auch etwas neues, das sich etwas schüchtern Netz Kunst (net.art) nennt und nun versucht sich selbst zu definieren und seine eigene Unterschiedlichekein zu anderen Fromen der kreativen Aktrivität zu erfahren. Die Probleme dieser Periode von Netz Kunst, so wie ich es sehe, liegen tief in der sozialen Bestimmung der Begriffe Kunst und Künstler vergraben. Werden wir über unsere EGOs hinwegkommen und die obsoleten Ideen von Repäsentation und Kommunikation aufgeben? Werden wir kopfüber in das Reich reiner Kommunikation eintreten? Werden wir uns noch Künstler nennen?
Net.art heißt Kommunikation, heißt Jetzt.

4. Künstler! Vergesst selbst den Begriff Kunst. Vergesst diese albernen Fetische, Artefakte, die euch von einem unterdrückenden System, auf das ihr eure kreative Aktivität beziehen musstet, auferlegt wurden.
Theoretiker! Hört auf zu beteuern, daß ihr keine Künstler seit. Euer Wille nach Macht in der Verführung durch intellektuelle Spekulation ist offensichtlich (wenn auch verständlich). Aber das Reich der reinen und genuinen Kommunikation ist wesentlich reizvoller und wird gerade ziemlich möglich.
Medienkünstler! Hört auf die Leute mit euren falschen “interaktiven Medieninstallationen” und “intelligenten Interfaces” zu manipulieren! Ihr seid nah dran an der Idee der Kommunikation, näher als Künstler und Theoretiker!. Werdet einfach eure Ambitionen los und betrachtet die Menschen nicht als Idioten, die der kreativen Kommunikation unfähig sind. Heute könnt ihr die Menschen finden, die sich mit euch auf einem Level verbünden können. Wenn ihr wollt natürlich nur.

5. Frage: Wie kann man den sehr natürlichen Willen nach Macht in ein künstlerisches Tool verwandeln, ohne ihn zum banalen Erreichen von Macht werden zu lassen.
Antworten: a) vergesst die Vergangenheit und die Zukunft, die nicht existieren und konzentriert euch auf eine Gegenwart, die nicht beschrieben werden kann und deshalb auch nicht besessen. b) Wechselt euren Job bevor ihr in eurer Sphäre bekannt werdet und bevor die Bewegung, in der ihr seid, seine eigene Geschichte schreibt. Dann, wenn ihr als Beginner wieder anfangt, wird euch euer Wille nach Macht und Anerkennung einen starken kreativen Impuls geben. c) Macht euch nicht abhängig von dem Medium, in dem ihr arbeitet, denn das wird euch helfen, leichter aufzuhören. Werdet keine Meister.

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Elektronische Lebensaspekte.