Peter Piller sammelt Fotos aus der Lokalpresse, die wiederkehrende Motive, Gesten, Objekte zu Serien zusammenfügen. So entsteht aus über 5000 Fotos eine Klassifizierung des Alltagslebens zwischen Eigenheim und Geschosshülsen, der beängstigend die Alternativen fehlen.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 72

Kunst

Aus dem Kleindispositiv des alltäglichen Data Trashs
Peter Piller

Im Informationszeitalter hört manch Medientheoretiker nur noch gedächtnisloses Rauschen. Offline-Speichertechniken, Papier und statische Ordnungssysteme scheinen nur noch das virtuell nicht kleinzukriegende letzte Aufgebot der Gutenberg-Galaxis. Die Desktopoberfläche mit niedlichen Ordner-Icons eine ihrer letzten Metaphern. Doch Kulturtheoretiker des Archivs haben parallel mitaufgerüstet. Keine Kultur ohne Archiv. Archiv ist inzwischen viel mehr als eine reaktionäre Aufbewahrungsgeste. Arbeitet sich die Wissenschaft seit Foucault am Archiv als machtpolitischem, ganze Staaten tragendem Großdispositiv ab, operieren Künstler wie Peter Piller (*1968) im Kleindispositiv des alltäglichen Data Trashs.

Ordnungs-Phantasma
Über 5000 Fotos hat der Hamburger Künstler gesammelt. Aus der Lokalpresse, aus Prospekten und dem Internet beschafft er sich sein Bildmaterial. Und überführt das Sammelsurium ins Piller-Archiv. 80 Rubriken umfasst das Ganze inzwischen. Die tragen von der Soziologie zumeist übersehene oder verschmähte Titel wie “Einweihungsbänder”, “Wurstkontrolle” oder “Auto berühren”. Der Effekt ist nicht nur die Freilegung visueller Standardisierungen der täglichen Berichterstattung, sondern das Einfangen der Gesellschaftsstandards im trivialen Bild. Entwirft doch das redundante zarte Handauflegen stolzer Autobesitzer vom “Süderländer Volksfreund” bis zur “Magdeburger Volksstimme” eine schlagende Ikonografie durchschnittlicher Fetischhandlungen. Auslöser für das Festhalten von Tagespressemüll sind formale Wiederholungen. In dem vom ebenfalls bildermanischen Übervater der modernen Kunstgeschichte Warburg inspirierten Ordnungssystem der guten Verwandtschaft fügen sich die unsortiert auftauchenden Bilder zu Fotoserien, die Piller auch in einzelnen Bücherbänden publiziert. Das ist eine seiner Strategien der Zurückführung des Öffentlichen in den öffentlichen Raum. Doch das Piller-Archiv kennt keine endgültige Form mehr. Bedient er sich noch der traditionellen Archivtechniken von Selektieren, Sammeln, Systematisieren, wabert seine offene Bildrecherche ins Unabschließbare. Immer neue Verwandtschaften und potentielle Rubriken tauchen auf und erzeugen so ein Simulakrum zur digitalen Datenwelt. Statt Vollständigkeit ein lebendiger Archivkörper, dem eigentlich auch egal ist, ob er reale oder fiktive Elemente in sich einspeist. Das Phantasma von Ordnung, sprich Kontrollierbarkeit, läuft aber als uneinholbares Hintergrundszenario mit.

Typisches Filtern im Eigenheimschutz
Es gibt kein kulturelles Gedächtnis, solange es nicht konstruiert wird. Datentransformation heißt hier die entscheidende Technik. Und so durchforstet Piller einen Firmennachlass mit 12.000 völlig unsortierten, nicht mehr lokalisierbaren Luftbildaufnahmen von Einfamilienhäusern. Als in den 70er- und 80er-Jahren der Begriff Wirtschaftswachstum noch Realpolitik war, war der Verkauf von Eigenheimaufnahmen aus der Luft ein lukratives Geschäft. Sicherheit und Freiheit fügten sich dem Hauseigentümer im Bild von oben aufs eigene Domizil zu einer sichtbaren Syntax. Piller bringt Ordnung ins geordnete Heim. Er fertigt neue Abzüge von den alten Negativen an. Alle bekommen die gleiche Größe verpasst und verweisen damit schon auf das Typische. Als eigenständige, quasi vom Archivkörper emanzipierte Bildteilchen verlassen sie den Ort ihrer Existenz. Diese neu aufgelegten Hochglanzfotos sind Pillers eigentliches Ausstellungsmaterial. Ist das nicht ein Systemfehler im künstlerischen Konzept? Archiv ist bei Piller zu einem Zwischenspeicher geworden, der stets neu konfiguriert werden kann. Die Serie G-Pfade widmet sich zum Beispiel einer besonderen Form vom Eigenheimtraum. Und macht ihn als Reihe monotoner Häuserarchitekturen sichtbar, deren einzig subjektivistisches Gestaltungsmoment in den absurden Fliesenweggestalten der sozialistisch daher kommenden Vorgartenflächenverteilung liegt.
So viel sicherer Hausschutz scheint zu hybriden Gewaltphantasien anzuregen. In der Ebay-Abteilung Deko und Munition hat der Künstler Mengen an Geschosshülsen aufgetan, die zum Verkauf angeboten von den Anbietern in liebevollen Amateurfotos ins Netz gestellten wurden. Von Piller wieder zur Serie gemacht, scheint das leere Geschoss als Sammlerstück im zudekorierten Einfamilienhaus Sicherheitsdenken nicht zu konterkarieren, sondern es in die Wohnstube einzuschreiben. Pillers Wirklichkeitsregister klassifiziert den Durchschnittsbürger. Allerdings scheinen in seinem archivierten Weltentwurf bisher wenig Alternativmodelle auf. Vielleicht liegt das daran, dass die nicht von der Lokalpresse gedruckt werden.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.