Den Charme besetzter Häuser in den selig linken 80ies reformuliert die Kölner Künsterlerin genauso museal wie interventionalistisch. Eine Gebrauchtmöbelinstallation kramt biographisch im Gedächnis von WG-Wohnküchen und Gemeinschaftsräumen, um das utopische Potential ehemals linker Raumkonzepte freizulegen.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 70

Grundrisse besetzen

Politische Kunst sitzt heute immer noch – auch ohne Radical Chic – im institutionellen Rahmen von White Cube & Co fest. Deswegen ist sie aber von ihren Ansprüchen noch lange nicht runter. Die in Köln lebende Künstlerin Silke Schatz (* 1967) betreibt ihre eigene Form der räumlichen Einmischung. Bekannt geworden ist sie durch ihre großen, häufig wandfüllenden perspektivischen Architekturzeichnungen, die wie äußerst akkurate Gebäudekonstruktionen wirken. Doch in das akribische Liniensystem schleicht sich Verwirrung ein. Die präzise Darstellung ist gar nicht so präzise, verhindert eine konkrete Raumvorstellung durch die vielen ineinander geschachtelten Schnitte und Ansichten. Innenräume, Fassaden, Querschnitte überlappen sich, formieren so Zonen der Undurchsichtigkeit in der transparenten Zeichnung. Die auf einen zustürzenden Fluchtlinien lassen den wiedergegeben Raum als virtuelles Informationsnetz erscheinen. Aber was soll mir eigentlich mitgeteilt werden von einer irgendwie durcheinander geratenen Architekturzeichnung?

Zwischen Hausplenum und Volxküche

Alle Pläne sind aus dem bloßen Gedächtnis entworfene Rekonstruktionen von Orten, die die eine oder andere Rolle in Silke Schatz Leben gespielt haben. “Konzerthaus Erdgeschoss, Kneipe Treppenhaus Toiletten imaginary Gallery Konzerthalle Café” (1999) zeigt etwa das Konzerthaus Braunschweig. Das im 19. Jahrhundert errichtete Gebäude war von 1967 bis 1990 besetzt. Ende der 80er hat Schatz hier gelebt. Die Zeichnung visualisiert alles, was zu einem links-aktivistischen Leben dazugehört: gemeinschaftliches Leben ohne persönlichen Besitz, politische Arbeit, Plattformschaffung (Bar und Bühne als Kommunikationsraum), Hausbesetzung als Abänderung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse. “Floß” (1999) als weiterer Teil der Installation “Hellwacher Tagtraum” spielt im zitathaften Arrangement das Thema Mobiliarbeschaffung und die Recyclinggeste der Hausbesetzerszene an. Ein Podest aus zwölf Paletten mit Spanplatten, auf denen eine umfunktionierte halbe Tischtennisplatte als Tisch fungiert, um die herum eine bunte Reihe zusammengeklaubter Stühle steht, imitiert im nichtauthentischen Material das utopische Potential von Raum. Das macht Schatz Arbeiten auch aktuell anschlussfähig. Im Sichtbarwerdenlassen vergangener Utopien stellt sich unaufdringlich die Frage nach neuen Raumkonzepten. Die Möbelinstallation im Ausstellungsraum ist besetzbar und benutzbar. Bloß anschauen reicht hier nicht. Als Besucher ist man aufgefordert, aus dem Rahmen zu fallen, sich zu mobilisieren und Aneignung zu produzieren. Die spielerische Wiederholungstat ist ernst gemeint. Das Kunstwerk im öffentlichen Raum ruft zur Aneignung des Raums als einem öffentlichen auf. Das ist klar performativ gedacht. In der Fremdheit des musealen Tableaus wird das Problem mit dem öffentlichen Raum radikal sichtbar, was auch die Frage nach der Zukunft des bildungsbürgerlichen Fossils Museum gleich mit transparent macht. Bekanntlich lässt die Aneignung das Angeeignete schließlich nicht unverändert.
Schatz Zeichnungen stampfen homogene Raumbegriffe ein. Bei ihr brechen in den dargestellten Raum diverse Ansichten, Zeitschichten simultan ein. Ideologische Räume überlagern sich. Vergangene Räume – besetzte Häuser sind inzwischen ja eher Raritäten – schieben sich in den gegenwärtigen ein. Womit auch gezeigt wird, dass Orte nicht einfach da sind, sondern gemacht werden. In diesem Sinn betreibt Schatz räumliche Einmischung. Wer glaubt, das aktivistische Anliegen habe sich im Künstlerischen ästhetisch stillgestellt, hat nicht nur den springenden Punkt von Schatz Arbeiten verpasst.

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Elektronische Lebensaspekte.