Die "Manoa Free University" wurde Anfang dieses Jahres in Wien gegründet. Seitdem befinden sich ihre forschenden Studenten und Professoren auf permanenter Durchreise durch die Fachbereiche Kollektive Organisation, Anarchitektur, Soundings und Politische Subjektivitäten. Ein kleiner Reader des Fachbereiches Soundings ist vor kurzem erschienen und lässt die MFU sich kurzzeitig materialisieren.
Text: Matthias Sohr aus De:Bug 77

A bird when it sings creates a territory / Manoa Free University

Der Ehrgeiz, eine Institution mit eigenem Inhalt zu füllen und selbst zu gründen, um sie anders als auf die übliche Weise zu betreiben, ist Antriebskraft vieler – im Falle der ‘Manoa Free University’ (MFU) Motor einiger. Temporär von den Aktiven Elke, Ralo, Philipp und Christian in Bewegung gehalten, pendelt die MFU zwischen Chaos und Berechnung, privaten Wohnungen und der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Diesen Zustand des Dazwischens, diesen Nicht-Ort illustriert die MFU durch die Wahl einer metaphorischen Heimat: “Manoa ist der indigene Name für (El) Dorado, die goldene Stadt, die mystische, größte Stadt in der Welt. Wir haben diesen Namen gewählt, weil wir unsere neue Universität als eine transitionale Institution verstehen, während wir auf der Suche sind nach alternativen Formen der Organisation. Entstanden ist die Universität, als ‘wr’, die Gruppe, in der wir vorher aktiv waren, sich aus diversen Gruppendynamiken heraus fragmentiert hatte. ‘wr’ ist aber nicht in der MFU aufgegangen, sondern einfach ein Teil der kollektiven Erfahrung einiger MFU-Beteiligter.”

(DON’T) COPY ME
Wichtig für die MFU ist nicht zuletzt der Rückgriff auf Material am Rand, das per Kopie wieder sichtbar gemacht wird. Versteht man die Gründung der MFU als “Versuch einer Wiederaneignung des Begriffs der Universität” (MFU), dann stehen also kopierte Reader an der Basis einer neu zu konstruierenden Wissensproduktion und Kompilation. Die erste Veröffentlichung, ein kleines Heftchen mit dem Titel “Soundings of Social Reality” schimmert kostbar bronzefarben, die dazugehörige CompactDisc endlich golden. Vielleicht fällt das Non-Profit-Projekt trotz geringer Auflage manchem in Wien, Berlin, Kopenhagen, London, Göteborg oder Ljubljana in die Hände und hilft, wahrzunehmen und/oder zu verstehen: Pierre Schaeffers “musique concrète”, William S. Burroughs “cut tape recordings”, Luc Ferraris ambiente Erzählung, Ultra-Reds politischen Aktivismus und einiges mehr. Allen Beiträgen gemeinsam ist der Anspruch, mit Hilfe eines Mikrophons soziale Zusammenhänge wie Karten aufzuzeichnen. MFU: “Maybe we feel that we can preserve some moments of LIFE when we push REC, maybe we try to escape through the headphones. Things can unexpectedly clear up for certain reasons while we get lost listening to a recording. Anyway, we still are more ambitious with collecting than with analysis.”

An der Schengengrenze
“Soundings of Social Reality”, Track 12, wr, “campfire/controlled” (3:55): Knackende Holzscheite, Autotürenschlagen, entspannte Seufzer, Schlafsackreißverschlüsse, Pfeifen – Dokument eines friedlichen Aufenthalts im Freien … dann eine Stimme auf Tschechisch, schließlich auf Deutsch die Aufforderung: “Ausweis!” – Noch im Rahmen ihrer alten Gruppe untersuchte das Projekt “border sounds” den auditiven Raum der EU-Ostgrenze. Im Anschluss an den G8-Gipfel in Genua 2001 führte die Reise von der Adria zur Ostsee, von Lagerfeuer zu Ausweiskontrolle zu Lagerfeuer. wr: “Die Entscheidung, in der freien Natur Soundscapes einzufangen, ist eine zutiefst persönliche – die Entscheidung diese Aufnahmen an der Schengengrenze durchzuführen, ist politisch motiviert. Das Konfliktpotential zwischen diesen Polen – wie auch der Widerspruch zwischen Aktivismus und Symbolpolitik beginnt jedoch zu schwinden, sobald man mit dem Mikrophon in der Hand einen ‘Aufgriff’ durch die Grenzpolizei erfährt.”

I want a fuckin wiki
Beteiligte statt Gruppenmitglieder. Sammlung statt Analyse. Transition statt Ausweis. Die MFU ist viel mehr Selbst-Institution als Anti-Institution, schöpft weniger aus der Abgrenzung zu bestehenden Systemen als aus der aktiven Suche nach neuen Möglichkeiten der Organisation von sozialen Beziehungen, Wissen, Arbeit und Identität. Zwar beziehen sich die Beteiligten der MFU und der Schwesteruniversität “Copenhagen Free University” durchaus auf verwandte Projekte wie die Londoner “Anti-University” Ende der 60er, doch unter weniger revolutionären Vorzeichen. MFU: “Breitere Definitionen von Wissen und Produktion passieren nicht nur bei klassischen Tätigkeiten wie Archivierungen etc. Der Hauptteil ist die Produktion von informellem Wissen über alltägliche Abläufe, sozialen Austausch. Die MFU manifestiert sich ebenso in einem Kompendium, wie in einem Treffen irgendwo, in einer kleinen Veranstaltung, vielleicht ist gerade dieser Prozess die Uni und nicht eine fixe Struktur. Wir glauben, dass der Sinn der MFU in der Suche nach alternativen emanzipativen Strukturen besteht.”

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Elektronische Lebensaspekte.