Was genau Wiener Schmäh ist, läßt sich von Preußenland aus kaum erfassen. Klar ist nur, dass Herr "Waldt, Anton" ihm hart auf den Fersen ist und selbigen mit der Künstlergruppe Monochrom auch schon so gut wie eingeholt hat. Wiener Blut, zur Abwechslung abgefüllt zwischen zwei Buchdeckeln, und somit nun auch für Nordlichter zu verkosten.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 81

Kein Blut für Kunstwichser / Monochrom

Im Jahr des Herrn 1998 war Euer treuer Chronist nicht nur frisch zur Regeneration in den Nervenheilort Wien verzogen, sondern auch gründlich verarmt. Und die zwingend folgende Tätigkeit als extrem kleines Kurierrad der Informationsgesellschaft brachte die kleines-Rad-typischen Gammelzeiten auf den Straßen und Plätzen des Kurortes mit sich, wobei neben Dosenbier und Verachtung hin und wieder auch nette Sachen zur Beobachtung anstanden. Besonders denkwürdig ist dabei ein Erlebnis in der Innenstadt Wiens am 1. November 1998, an dem sich neben der üblichen Rotte von verblendeten Weltverbesserungs-Teenagern von Greenpeace und Tierschutz auch ein Stand des “Vereins zur Förderung der selektiven Rezeptionsforschung im Sinne futurologischer Belange”, Monochrom, blicken ließ. Dort konnte man für satte 50 Schilling (3,57 Euro) seine Seele verkaufen. Insgesamt wurden fünfzehn hochqualitative Seelen per Kaufvertrag erworben und registriert – und ich muss zu meiner großen Schande gestehen, dass ich das einmalige Angebot nicht wahrnahm, weil der Drang nach mehr Dosenbier größer war als die Mühen der Überschreibungsprozedur. Dafür waren die Monochroms als vorbildliche Querulanten gründlich vorgemerkt und haben sich seitdem dieser Notiz als durchgehend würdig erwiesen. Die “Fremdseelen” erfreuen sich unterdessen immer noch einem regen Handelsgeschehen auf der Monochrom-Seite, die teuerste Seele notiert derzeit bei 400 Euro.

Keine Kunstwichser
Monochrom, die “leistungs- und marktorientierte Künstlergruppe aus Wien und Umgebung”, erfreut schon seit zehn Jahren mit ihrem Schabernack, wobei genauso strikt der Verschwendung gefrönt wird, wie die Mechanismen des Kunstmarktes missachtet werden. Hier sollte angemerkt werden, dass ich keine Kunstwichser mag und diese Abneigung so tief und neurotisch ausgeprägt ist, dass so ziemlich alles, was der klassischen Bildungsbügerbildung lieb und teuer ist, in diese Todeszone fällt. Ich pflege auch keine sexuellen Kontakte mit den Monochroms, so dass hier eindeutig versichert werden kann, dass es sich bei Monochrom lupenrein nicht um Kunstwichser handelt. Unterstützt wird diese Feststellung durch die Tatsache, dass die Monochroms trotz eines Jahrzehnts überbordender und auch gut dokumentierter Aktivitäten arm wie die Kirchenmäuse geblieben sind, offensichtlich auch weil die Pflege der nötigen Kontakte in die Kunstwichserverkäufer-Szene konsequent unterlassen wird. Wahrscheinlich aber auch, weil echten Galleristen die Monochrom-Produktionsmenge einfach unheimlich ist und nicht ins übliche Verknappungskonzept passt, welches das Geschäft erst einträglich macht. Oder weil Monochrom zu digital und gleichzeitig zu stalinistisch ist. Und wenn mal die Chance auf ein Stück vom Kuchen besteht, wird diese genauso regelmäßig wie bewundernswert versemmelt: Ein Auftritt als Vertreter Österreichs bei der Biennale in Sao Paolo geriet etwa zum Desaster, weil der opulente Katalog das Budget massakrierte. Monochrom ballert trotzdem fröhlich weiter und initiiert teils mehrmals in der Woche Ereignisse und Veranstaltungen vom abseitigen Filmabend mit fachkundiger Diskussion über ausgiebige Wahlkampfkampagnen und der liebevollen Kakerlaken-Pflege bis zu den jährlichen Robotermeisterschaften im Cocktailmixen.

Der K.u.K.-Phantomschmerz
Monochrom arbeitet sich selbstredend auch pflichtschuldig an der österreichischen Befindlichkeit ab, die ja aus Piefke-Perspektive zwischen der prinzipiellen Drolligkeit kleiner Gebirgsvölker und der Tradition verdienter KZ-Wächter changiert, während sie in der Innenansicht vor allem einen rekordverdächtig neurotischen Drang zur Nestbeschmutzung pflegt. Also eine Menge Material für eckenstehende Maoisten wie Monochrom: Zum Beispiel die absolut saubere Potenz der klassischen Wiener Gedärmkunst-Szene, bei der man im letzten September Eigenblutwurst goutieren konnte. Auch in der Stadt, in der die Lieblingswurst als “Eitrige” geordert wird, ein denkwürdiges Mahl. Die eigens abgestellte Ärztin zapfte den Gästen ein Viertel Literchen Körpersaft ab, der dann im separaten Topf mit allerlei Tierbröckchen fachgerecht zu Blutwurst verkocht wurde. Die herzhafte Spezialität mundete übrigens genauso eklig wie immer. Voll auf die Volksempfinden-Zwölf auch die Sommerfrische-Tagesausflüge in die nähere Umgebung Wiens, wobei periodisch ein typisches Speckgürteldorf mit zurückgebliebenem Restlandpack zu Sowjet-Unterzögersdorf erklärt wird, das in der Ausgestaltung der Einreiseformalitäten und der Präsentation der neuesten technischen Errungenschaften anlässlich des 55. Parteitag der KPdKSUZöD jedes Betonbunker-Albanien locker verblassen lässt.

1300 Gramm Monochrom
Und wenn den Monochroms zwischendurch doch mal fad wird, werden Bücher produziert. Natürlich nicht mit dräunenden Wiederholungen und Zweitverwertungen der Aktionen, sondern mit astrein frischen Inhalten. Das letzte Machwerk ist jüngst erschienen, wiegt freundliche 1,3 kg und bietet auf 436 Seiten Einblicke ins Monochrom-Universum aus echten und falschen Erfindungen, echten und falschen Empfindungen, gefundenen und selbstgemalten Comics und echter und falscher Theorie. Und jede Menge Rezension, weil: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden verändert, es kommt darauf an sie zu rezensieren.” Und so gibt es Besprechungen von Ökosystemen, Organisationen, Betrieben und Mailordergeschäften, Chemikalien, Büchern und Dickdruck, sozialer Praxis, Naturgesetzen, Rezensionsfloskeln, Vorschlägen zur Verbesserung der Menschheit, Uhrzeiten, Lebewesen, Menschen und Teile derselben, Börsencrashs, Genoziden und Eingangsphantasien für Masturbationen. Die Rezensionen verschiedener Uhrzeiten (z.B.: 0.09, 15.32 und 9.30) sind übrigens wirklich lehrreich. In der Rezension von “Mein Kampf” taucht die Frage auf, wie der Autor richtig bibliographisch, zum Beispiel für eine historische Arbeit, angegeben werden soll: “Hitler, Adolf” etwa? Oder das Ergebnis eines Versuches, im selbigen Werk zehn normale und harmlose Sätze zu finden, Sätze, die man zum Beispiel einem Fremden auf der Loveparade ohne weiteres ins Ohr brüllen kann. Der Versuch misslingt. Und die 95 Thesen von Luther werden als ödes, repetitives Fanzine bewertet. Das reichhaltige Rumblätter- und Lektürematerial kommt übrigens in einem freundlichen Fanzine-von-1982-Design und sei hiermit amtlich zum prompten Erwerb empfohlen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.