Wer könnte prädestinierter für den Entwurf von Camouflage-Mustern sein als abstrakte Künstler? Hans Wu zeichnet das Verhältnis zwischen moderner Kunst und militärischer Tarnung nach.
Text: Hans Wu aus De:Bug 78

Die Dialektik der Muster
Kunst ist Krieg

Picasso betrachtete einst in Paris eine ausgestellte Kanone. Das Artillerieteil war mit damals neuartigen Tarnmuster camoufliert. Beim Anblick der scheinbar ungeordneten Polygonbemalung meinte er: “Das waren wir, die dies geschaffen haben!” Der spontane Ausruf des Malermeisters hatte durchaus seine Berechtigung: Der Anfang der modernen Camouflage ist eng mit der moderner Kunst verbunden. Die Geschichte der menschlichen Tarnbemalung bahnte ihren Weg von der Natur in die menschliche Moderne und über diese hinaus.

Grundprinzip: Tiger oder Leopard
Tarnung kennt man aus dem Tierreich. Jäger und Beute verbergen sich durch Farbe und Zeichnung von Fell und Haut voreinander. Beutetiere tarnen sich mit matten, erdigen Farben, um so vorm Hintergrund der Landschaft verharrend unsichtbar für Raubtiere zu werden. Das Grundprinzip moderner Camouflage dagegen findet man bei tropischen Raubtieren wie Tiger oder Leoparden, die sich schnell bewegen müssen. Diese tragen Patterns, die aus der Entfernung scheinbar die Umrisse auflösen.
Der Mensch folgte dem Beispiel des Tieres auf dem Weg zur optimalen Unkenntlichkeit im Gelände. Für die Jagd und für den Krieg behängte man sich mit Tierhäuten oder bemalte sich mit erdigen und matschigen Farben. Die Farbe kam mit der Zivilisation. Der Fortschritt hatte grelle Farben, was nicht nahe an Primärfarben war, war unzivilisierte Natur. Die Mythologie kennt den “Grünen Mann”, ein wildes Subjekt, das mit seiner naturbelassenen Kolorierung einen archaischen Gegensatz zum farbenfrohen zivilisierten Menschen darstellt.
Die Neuzeit betrat den Kriegsschauplatz im Einheitslook. Das Scharlach-Rot der Briten, das Preußisch-Blau oder das kaiserliche Weiß der Österreicher waren die Signalfarben, in denen die geordneten Schlachtreihen sich gegenüberstanden. Die Kriegsmaschine zeigte sich so signifikant in ihren Triumph über Individualität und Natur. Es waren militärische Einheiten, die außerhalb der Schlachtordnung standen, die eintönige Naturfarben der grellen Uniformität bevorzugten. Die Jäger, die sich tatsächlich ursprünglich aus hauptberuflichen Wildhütern rekrutierten, waren eine scharfschießende “Spezialeinheit” in aufgelockerter Schlachtreihe. Aus der Praxis der Jagd übernahmen sie die Uniformfarbe, das so genannte “Jägergrün”. Mit der Ausweitung der Reichweite moderner Gewehre übernahmen immer mehr Infanterie-Einheiten das tarnende Beispiel der Jägeruniform. Der radikalste Bruch in der Tradition der “Front Couture”: Das bekannte Scharlachrot der britischen Soldaten wurde vom hellbraunen Khaki abgelöst. Die Erdfarbe übernahmen die Truppen des Empire von afghanischen Insurgenten, “Khaki” ist ein Urdu-Wort, das seine Wurzel im Persischen Wort “Khak” hat, die Bezeichnung für Staub.

Die Einheit der Camouflagemaler
Nicht alle Nationen folgten in der farblichen Ausstattung ihrer Truppen der erdfarbenen, eintönigen Praxis der Briten. So marschierte die französische Infanterie noch Anfang 1914 in ihren traditionellen roten Hosen in den Ersten Weltkrieg. Maschinengewehre und Grabenkrieg stoppten diesen Aufzug aber ziemlich bald. In kürzester Zeit waren Soldaten aller Seiten nur noch im faden, aber schwer sichtbaren Grau im Schützengraben anzutreffen. Die Entwicklung moderner Camouflage dagegen ergab sich aus den erweiterten Dimensionen des industriellen Krieges. Es galt, große moderne Kriegsmaschinen auf weite Entfernung unkenntlich zu machen. Eine besondere Anforderung war die Tarnung vor dem fotografischen Auge der Luftaufklärung. Auf den Schwarzweißfotos kam es dabei eher auf die Verbergung von Umrissen und Konturen als auf die geeignete Tarnfarbe an. Netze mit Stofffetzen wurden über Artilleriestellungen geworfen, später auch über die ersten Panzer. Die Idee zu bemalter Camouflage auf Tuch hatte ein Angehöriger jener Armee, die noch Anfang des Krieges mit roten Hosen an die Front marschierte: der Pariser Porträtmaler Guirand de Sceuola. Er malte Muster auf eine Leinwand, die als Tarntuch über eine Kanone geworfen wurde. Das französische Oberkommando zeigte sich vom Effekt beeindruckt, beförderte den Rekruten zum Leutnant und unterstellte ihm eine Einheit von Camouflagemalern, die im Jahr 1918 bereits 1600 Männer und 8000 Frauen mit der manuellen Produktion von Tarnmustern beschäftigte, darunter bekannte Kubisten wie Segonzac, Mare und Villon.

Ablenkung durch Abstraktion
Die Auflösung des Gegenständlichen zum Abstrakten fand ihren Weg von der bildenden Kunst in die Militärtechnologie und abstrakte Maler wurden Produzenten von kriegswichtigem Material. Die anderen kriegsführenden Nationen folgten der Camouflageidee aus Frankreich. In Großbritannien wurden ganze Kriegsschiffe im so genannten Dazzle–Design übermalt. Der Entwurf dazu kam direkt aus der Royal Academy of Arts. In Deutschland wurde der Avantgardist Franz Marc als oberster Camouflagekünstler bestellt. Seine Werke zur Verhüllung von Kriegsmaterial, so sagte er einmal, spiegelten eine Entwicklung von “Manet bis Kandinsky” wieder.
Die Auflösung der Gegenständlichkeit in der abstrakten Kunst war die perfekte Tarnvorrichtung zur Verhüllung moderner Kriegsmaschinerie. Verschiedene Muster, die sich durch unterschiedliche Farbwerte kontrastieren, zersetzten für einen fernen Beobachter die eigentliche Form des Objekts. Das Prinzip der vom Umriss ablenkenden Muster, die auch bei Tiger und Leopard in Anwendung ist, wird im Englischen “Disruptive Pattern” genannt. Die Zeichnung der Oberfläche lässt die Gesamtstruktur verschwinden. So wurden Kriegsschiffe, Artillerie, Flugzeuge und Panzer, die Ikonen für die zerstörerische Seite der Moderne, durch die bildende Kunst im Bild vom Schlachtfeld wieder in den Hintergrund der Natur gerückt.
Während große Objekte mit Camouflage bedeckt wurden, wurde dem einzelnen Soldaten zur Tarnung nur monochromes Braun oder Grau überlassen. Deutsche Sturmtruppen, eine Elitetruppe, waren die einzige Einheit, die ihren Helm bereits im Ersten Weltkrieg mit bemaltem Camouflagetuch drapierten. “Disruptive Patterns” kamen erst im nächstfolgenden Weltkrieg zum Einsatz.

Experimentieren mit Grundmuster
Während der deutsche Camouflage-Pionier Franz Marc als “entarteter Künstler” vom Nazireich diskriminiert wurde, setzte die Waffen-SS auf die Tarnung aus der abstrakten Kunst. Eine Anforderung, nachdem verschiedene Tests gezeigt haben, das optimierte Infanterietarnung die Anzahl der Ausfälle deutlich verringert. Es wurde mit diversen Mustern experimentiert, die alle eines gemeinsam hatten, dass diverse Baumstrukturen wie Blätter oder Äste abstrahiert als Grunddesign verwendet wurden. Es besteht die Vermutung, dass dies beabsichtigt wurde, um der “arischen” Waffengattung eine totemistische Signatur auf den Leib zu schneidern. In der Naziesoterik gehörten der Wald und dessen archaische Bewohner zu einem der Leitmotive. Das Tarnmuster der SS inspirierte auch die Allierten zu Experimenten mit Camouflage am lebenden Infanteristenobjekt. Der Siegeszug der modernen Tarnung kam aber erst nach 1945.
Manche Armeen strebten Patterns an, die eine gewisse nationale Symbolik in abstrakter Form widerspiegeln sollte. In Polen wurde ein Leopardenfell-artiges Muster gewählt, eine Reminiszenz an die historischen Husaren, die sich mit der Haut des Raubtiers schmückten. In Ostasien waren, vor allem bei Elitetruppen, die Tigerstripes beliebt, der Tiger hatte in der totemistischen Symbolik der Länder eine starke Rolle. Auch die Farbauswahl spiegelte oft eine patriotische Identität wider, wenn auch der Hauptzweck funktionelle Ursachen hat: Die Farben der spezifischen Naturlandschaft wurden als Grundfarbe gewählt. So wird der Soldat durch das Textil zum Teil der Landschaft der zu verteidigenden Heimat.

Camouflierung mit Pixeln
Ein extremes Statement war auf den Uniformen diverser arabischer Armeen im Krieg gegen Israel zu sehen. Bewusst wurden Tarnmuster gewählt, die der der Waffen-SS ähnelten.
Am Ende der vorläufigen Entwicklung der Camouflage stehen Patterns, die ursprünglich bei der Sowjetarmee im Gebrauch waren und von den US-Marines verfeinert wurden: computergenerierte Muster. Während die Details der Tarnbekleidung der sowjetischen Fallschirmjäger computergenerierten Pixel nur ähnelten, kommunizierten die US-Marines ihre neue Camouflierung offziell als “Digitals”.
Einer Computerspielfigur ähnlich wird so der Körper des Soldaten durch Pixel aufgelöst. Die Virtualisierung des Krieges wird so gesehen auch am Leib getragen.

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Elektronische Lebensaspekte.