Mit der Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger startet DEBUG seine neue Reihe über künstlerische Arbeiten, an denen keiner mehr vorbeikommen sollte. Bei Leutenegger beeindruckt vor allem ihr Humor und ihre gekonnte Montage quer durch verschiedene Medien. Selbstinszenierung mal mit weniger Selbst und mehr Material.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 66

Befindlichkeitsinspektoren und Selbstbetrachtungsspezialisten haben seit den späten 90ern wieder Hochkonjunktur. Ob Norman Ohlers Alter Ego durch Berlin-Mitte tigert, Florian Illies im Nutellatraum untergeht oder Johannes Wohnseifer sein privates zu seinem künstlerischen Umfeld macht. Auch die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger (geb. 1968) ist in ihren Arbeiten einerseits auf exemplarischer Identitätssuche, die sich nie recht einstellen will; andererseits setzt sie vor allem auf eine Schichtung der Medien: Unterschiedlichstes Material – Film, Video, glossy Fotomagazine, Zeichnungen – nimmt sie auseinander und schachtelt sie auf der planen Oberfläche des Videobildschirms digital wieder zusammen. Was dabei herauskommt, sieht im ersten Moment nicht unbedingt nach Montage aus. Im Gegenteil. Es ist gerade die Perfektion der Oberfläche, auf die Leutenegger setzt und hinter der das Prinzip Collage materiell unsichtbar geworden ist.
In ihren “Zeichnungsvideos” tritt Zilla reduziert auf einen mit Verve hingeschmissenen schwarzen Strich als animierte Zeichnung auf, die gerahmt durch virtuelle Räumlichkeiten auf dem Bett sitzend telefoniert (“Zipcode”, 2001) oder sich im Schlaf (“Dream as Drawing”, 1999) wälzt. Die projizierten Videos werfen fantastische Kombinationen aus abgefilmten Realräumen und gezeichneten Versatzstücken an die Wand. Im Sampling der Bildebenen schieben sich die medial eigentlich weit auseinander liegenden Bildformate Zeichnung und Video in der Animation ineinander. Technisch betrachtet haben die Zeichnungen ihren Ursprung in der Blue-Box, in der sich Leutenegger per Videokamera abfilmt und die Bilder dann am Computer zu schwarz-weißen Zeichnungen verarbeitet. Die Zeichnung als digital Erzeugte kann ganz wunderbar auf die Hand der Künstlerin verzichten, um am Ende dann doch authentisch auszusehen. Die genuine Ausdruckskraft – nichts galt schließlich als körperlich und geistig näher beim Künstler als die Zeichnung – hat sich in die technischen Kanäle verflüchtigt. Papier ist in der Vermittlungsstelle Computer ebenso überflüssig wie lustiges Bleistiftanspitzen.

Cut & Paste als Prinzip

Auch “Blow Job” (2002) funktioniert nach diesem Cut and Paste-Prinzip. Eine Zeichnungsfrau im trendigen Outfit mit kurzem Rock und Stiefeln bläst einen abgefilmten roten Luftballon auf. Der geloopte Vorgang fängt an, absurd zu werden. Die stete Wiederholung eines nebensächlichen alltäglichen Vorgangs mit seiner poetisch-kindlichen Gestik kippt durch den ironischen Titel “Blow Job” ins eindeutig Zweideutige ab. Gender mäandert bei Leutenegger häufig mit, ohne laut werden zu müssen. Wenn im Videobeam “Mann im Mond” (2000) Zilla (diesmal nicht als Zeichnung) auf dem Mond stehend im hohen Bogen in ein Kraterloch pinkelt und dazu die Titelmelodie aus “Spiel mir das Lied vom Tod” trällert, ist das eine Aneignung der etwas anderen Art.
“In an hour of a girl there are only 50 minutes” steht auf einer hochkopierten Schriftzeichnung. Daneben hängt ein preisverdächtiges Lifestyle-Foto von der Künstlerin beim Discman-Hören. Die Selbstinszenierungen Leuteneggers sind keine bloßen Variationen. Vielmehr switcht sich Zilla durch diverse Persönlichkeitsmodelle, die im wuchernden Gestade des Pop so anfallen. Von der süßen Tutu-Ballerina bis zur desorientierten 25-up, der “ein bisschen schlecht und langweilig” ist, reicht das Angebot der Rollenmuster. Doch jenseits von narzisstischer Störung bleibt die Zilla-Identität im Dunkel der Medienschnipsel, die sie benutzt oder zitiert. So wirkt die Zilla-Welt wie ein permanent fragmentiertes Interieur, in dem Außenraum und Innenraum, privat und öffentlich indifferent ineinanderwabern. Das sehnsuchtsvoll verfolgte Abwesende ist uneinholbar immer einen Schritt voraus. In den emotional stark aufgeladenen Klischees stellt sich statt Nähe nur Ferne ein. Auch für den Betrachter.

Keine Kritik, kein Zweifel?

Trotz scheinbarer Intimbespiegelung ist Zilla eine öffentliche Bühne, die genau deswegen verstanden wird, weil sie sich Bildern bedient, die sowieso schon jeder kennt. Leutenegger bewegt sich im kulturellen Raum der verständlichen Zeichen. Klar weiß sie, wie die mediatisierte Massenkultur funktioniert und setzt die affektive Bedeutung der Medienbilder gezielt ein. Insofern betreibt sie eine zeitgenössische Repräsentationsästhetik. Doch dass Bilder kulturelle Wahrnehmung auch stark disziplinieren und für die individuelle Identität Gefahrenpotential darstellen, weil die alltägliche Grundlage unseres Weltbildes fein gefiltert ist, interessiert Leutenegger weniger. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass Zilla Leutenegger im affirmativen Medienmix bloße Userin ist. Keine Kritik, kein Zweifel. Gut, der Verlust der Differenz zwischen Einmaligkeit und Reproduzierbarkeit muss nun auch nicht mehr beklagt werden. Den hatte schon Benjamin nur noch feststellen können. Kommt die Frage nach den Effekten zu kurz, so halten Leuteneggers Arbeiten den Status quo des dezentralisierten und wirkungsmächtigen Bildersalats realistisch fest. Dabei kann einem kritisches Bewusstsein schon mal verloren gehen.

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Elektronische Lebensaspekte.