aus De:Bug 34

KUNST&Umfeld-NEWS Mercedes Bunz [mrs.bunz@de-bug.de] Camera Austria Graz – Aus Protest gegen die Österreichische Regierung erscheint die Foto- und Kunstzeitschrift Camera Austria International Nr. 69 in vollkommenem Schwarz. Sieht sehr eindrucksvoll aus. Muss man schon sagen. Grund ist klar: Kulturschaffende in Österreich befürchten in Zukunft den Einfluss der rechtsorientierten Regierung, die mit dem Statement “50 Jahre sind genug.” hausieren geht. Die Zeitung verspricht auf jeden Fall weitere politische Auseinandersetzungen. http://www.camera-austria.at Museum für Kommunikation Berlin – In Berlin eröffnet (leider erst nach Redaktionsschluss) ein Museum für Kommunikation, das sich der Geschichte letzterer widmet. Es ist in einem grossartigen und pompösen wilhelminischem Bau gelegen, wegen dem (und der Blauen Mauritius) sich der Besuch wohl am meisten lohnen wird, denn: Finanziert wird es von Post und Deutscher Telekom. Das gibt zu befürchten, dass man es vor allem mit Postgeschichte und einer zukünftigen Eigenwerbungsshow zu tun bekommt. Das sind natürlich nur Vermutungen. Wir werden uns das mal ansehen. Berlin-Mitte, Leipziger Str. 16. Fon: 030 202 94 0 (www.museumsstiftung.de) Produktivität & Existenz Berlin – Nochmal. Vom 1. April bis zum 14. Mai veranstaltet der linke Verlag ID-Archiv zusammen mit dem Kunstamt Kreuzberg “Produktivität und Existenz – Kongress, Veranstaltung, Ausstellung”. Eröffnung 31.März 20 Uhr. Am Samstag ab 15 Uhr folgt der Kongress, an dem u.a. Sabeth Buchmann, Mark Terkessidis, Dirk von Lötzow, Schorsch Kamerun, Roberto Ohrt und ich auch irgendwo teilnehmen, wie das ganze aufgeteilt ist, war mir allerdings zu Redaktionsschluss noch nicht so wirklich klar. Ort: Künstlerhaus Bethanien. Rückfragen 030 25884155. Kurzfilmtage Oberhausen Oberhausen – Kurze Filme sollen ja mit dem Streaming im Internet als neues Format voll im Kommen sein. Sagt man so. Im Filmpalast Lichtburg gibt es vom 4.Mai-9.Mai die Kurzfilmtage Oberhausen, ein Kurzfilmfestival. Akkreditieren muss man sich jedoch, wenn man einen von den 70 ausgewählten Filmen sehen will, jetzt, nämlich bis zum 7. April. Ausserdem lockt das Festival noch mit einigen Specials. Genaueres auf: http://www.kurzfilmtage.de, Fon: 0208 825 2652 Preis zu gewinnen Dortmund – Die Fachhochschule Dortmund fordert Design- und Kunstfachbereichs-Studenten auf, zum Thema: “Parallelwelten” nachzudenken. Hinterhergeschoben werden dann noch die kryptischen Worte: “Welten finden ausser der Welt.” Und: “VomEntwederOder zum SowohlAlsAuch gelangen”. Waddehaddedudeda, möchte man sagen. Einsendeschluss ist der 11.07.2000. Im Bereich der Jury und der folgenden Ausstellung wird das Projekt übrigens von der renommierten Designfachzeitung Page begleitet. Und last but not least: Der Preis: Einmal 4000 DM und dreimal 2000 DM. Go, get it. http://www.focus2tausend.de

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

aus De:Bug 35

Kunst Diese Jahr wird der Sommer der Medienfestivals. Soviel ist sicher. Für Mai können wir anbieten: Bochum: MedienMetaForum. 3. Mai im ehemaligen Kreiswehrersatzamt (was das?) um 19. Uhr, Kosten 10 DM. Themenkomplexe: Geldverdienen mit & im Internet, der gläserne User, nach der Revolution der Revolution der Sprache werden wir unsere Kinder noch verstehen (hoffentlich nicht!), Thema MP3 und Zukunft. (Kategorie: Beruhigung und Informationsveranstaltung für verunsicherer Eltern) Berlin: Internet World Kongress. 23.-25. Mai auf dem Messegelände. http://www.internet-world.de (Kategorie: Fachkongress für E-Commerce Langweiler) Osnabrück: European Media Art Festival. 3.-7. Mai (bis zum 28. Mai läuft aber die Ausstellung) http://www.emaf.de (Kategorie: Blinkausstellung. Nicht das schelchteste. Ansehen!) Berlin Ätsch. Die alternative Kunst ist immer noch nicht tot. Allerdings hat sie sich ein poppiges und professionelles Auftreten zugelegt. Unter dem alternativen Titel “…und ab die Post!” findet das 4. Festival junger experimenteller Kunst vom 12.05. bis zum 12.06. statt. In den heiligen Hallen des ehemaligen Postfuhramtes, da wo letztes Jahr die Berlin Biennale ebenso experimentiert hat. Diesmal gibt es die Künstleraussuch-Schwerpunkte: Berlin, Budapest, Hongkong. http://www.aktionsgalerie.de Dresden Geschickt. In Dresden finden vom 9.-11. Mai bei der Projektklasse Neue Medien an der Bildenden Hochschule ein paar Veranstaltungen unter dem Titel “influence” statt, zu der die alte Riege (sozusagen) der Neuen Medien geladen sind. Peter Weibel etwa, daneben Installationen von Alexander Kluge, oder (argh!) Hans-Jürgen Syberberg, der ein paar Gedanken zur “geistigen Virtualität” (argh!) zum besten geben wird. Empfehlenswert: Club tokyo (Budapester Str. 5) mit Videos und Sushibar. Da spielen dann der fleissige Berliner Pole und die fantastischen Frankfurter Sensorama Mittwoch, 10. Mai ab 23 Uhr. Zum Beispiel. Köln Noch bis zum 3. Mai kann man bei Daniel Buchholz in der Neven-DuMont-Str 17 eine Gruppenausstellung mit Kai Althoff, Thomas Eggerer, Isa Genzken, Richard Hawkins, Jochen Klein, Frances Stark, Vincent Tavenne und Wolfgang Tillmans sehen. Ganz viel Interessantes auf einmal also. Leipzig In der Galerie für Zeitgenössische Kunst findet eine Ausstellung zur Architekturfotografie statt. Trägt den etwas banalen Titel: “Ansicht, Aussicht, Einsicht”. Aber mit Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth kann eigentlich nichts falschlaufen. Bis 28.05. in der Karl-Tauchnitz-Str.11 zu sehen. Am 4.5. erzähle ich dort übrigens was über das Projekt linke Kunstkritik. Und – Schande – mein Titel ist auch nicht besser. “Rahmenprogramm. Kunst in der Dienstleistungsgesellschaft.” Der funkigere war ihnen aber zu lang: “Von hip zu Hit. Zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Falle eins: Der Zyklus. Oder: Warum das Genie nicht wiederkommen muss, wenn zuviele Bärchen in der Kunst auftauchen.” http://galerie-leipzig.org London Die White Cube Gallery von Jay Joplin, einer der Galeristen, der uns die Young British Artists auf den kunsthistorischen Buckel gehetzt hat, eröffnet neben seinem klitzekleinen Office im Londoner wichtig Viertel Sankt James noch einen zweites Haus gleich. White Cube2 heisst der sagenhaft durchdesignte Ort. Die Ausstellung mit Jays All time favorites: Darren Almond, Dinos & Jake Chapman, Tracy Emin, Gilbert & George, Antony Gormly, Marcus Harvey, Mona Hatoum, Damien Hirst, Gary Hume, Marc Quinn, Sam Taylor-Wood, Gavin Turk und Cerith Wyn Evans ist noch bis zum 1.7. zu sehen. 48 Hoxton Square, London N1 6PB. http://www.whitecube.com Osnabrück

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

aus De:Bug 36

Hier wieder die vollkommen minimale, ungerechte und subjektive Auswahl von Events aus der Kunstwelt. Berlin Die Stuttgarter Merz Akademie kommt nach Berlin. Zwei Projektgruppen – eine angeführt von D.Diedrichsen und G.Götz, die andere von N.Kirschner – haben sich mit verschiedenen Aspekten zum Thema “Bildschirmauge – Zur Kritik der visuellen Kultur” auseinandergesetzt. Während eine der Gruppen dabei neue Medien und populäre Kulturformate mit Theorie querschliesst, befasst sich die andere mit so überwurfgrossen Schlagwörtern wie Digitalisierung und Konvergenz der Medien, denen der Widerstand von Papier entgegengehalten wird. Ich weiss ja hier, was gemeint ist. Aber da winkt doch mal wieder diese typisch deutsch-feuilltonistische Angst vor der Technologie aus dem Pressetext. Unter der Prämisse meiner persönlichen Überzeugung, dass man es mit der Sprache sehr genau nehmen sollte, könnte mir da vielleicht mal einer erklären, an welcher Stelle Papier so in den vergangenen Jahrzehnten Widerstand geleistet hat? Zusendungen an de:Bug, Stichwort: Widerstand. Die bestimmt sehenswerte Ausstellung geht übrigens nur bis zum 4. Juni 2000. Am Samstag, dem 3. Juni findet dafür noch eine Finissage aus befreundeten Fachleuten der Macher statt: David Sickinger, Tom Holert, Mark Terkessidis, Ruth Sonderegger sind zu hören. Wir werden da sein. Leipzig Seit den Sechzigern musste die Kunst immer wieder bemerken, dass sie nicht mehr die alleinige ästhetische Schrittmacherfunktion des Visuellen innehatte (davon kann sie heute nur noch träumen). Die Entwicklung der Comics und deren Aufgreifen durch Künstler wie Ad Reinhardt und Roy Lichtenstein sind da nur zwei Beispiele. Comic ist seitdem jedoch ein künstlerisches Thema geblieben. Vom 4.6. an kann man in der wunderschönen Galerie für Zeitgenössische Kunst (Karl-Tauchnitz-Str. 11) unter dem Titel “I love you too, but” heutige künstlerische Positionen zwischen Comic-Ästhetik und Narration ansehen. Und zwar u.a. von Martin Eder, Takashi Murakami, Markus Muntean & Adi Rosenblum, Anny Öztürk, Pietro Sanguineti, Simone Westerwinter. Wolfsburg Grossaustellung im Kunstmuseum Wolfsburg. Jean Tinguely, der Mann, der aus Schrott Kunst machte, die auf Knopfdruck knackt und klappert. Wegen dem direkten Zugang, den Tinguelys Kunst erlaubt, wurde der Mann/die Kunst ein Welterfolg. Heute faselt man vom anarchischen Geist seiner Arbeit. Das unterschätzt ihn völlig. Vor allem im Marketingbereich war der Mann ein Revolutionär. Über die gross angelegten Eventhappenings, auf denen er seine Kunstwerke in die Luft blies, oder so, wurde er weit über die Kunstszene hinaus bekannt. Vielleicht sollten es Konzerne mal mit der gleichen Taktik versuchen: Einfach ihre Produkte auf einem grossangelegten Happening zerstören, das fasziniert bestimmt. Bis zum 03.10. in der Porschestr.53. Eintritt regulär: 12 DM. Buchkritik des Monats: Ohne Hände onanieren. Houellebecqs Roman “Ausweitung der Kampfzone” und noch mehr der fettere “Elementarteilchen” seien uneingeschränkt allen empfohlen, die sich fragen, warum offensichtlich drei Viertel der männlichen Welt schlecht gefickt und deprimiert durch die Gegend schlufft und dementsprechend unausgegoren Aktivitäten als Lehrer, Arzt, Beamter oder Bankangestellter nachgeht. Offensichtlich wollen insbesondere Männer zwischen 30 und 50 eigentlich den ganzen Tag onanieren, haben aber kein Tittenmagazin und ausserdem abgehackte und deshalb äusserst ungeeignete Arme. Die Lektüre gestaltet sich trotz solcher Widrigkeiten angenehm und flott, und nachher hat man keine Bedenken, den Bastarden zu ihrem und unserem Vorteil einfach den aufgesetzten Gnadenschuss zu geben. (Anton Waldt) Houellebecq: “Ausweitung der Kampfzone” jetzt als Rororo Taschenbuch, 154 Seiten, nur 14,80 DM. Und “Elementarteilchen” als Hardcover bei DuMont, 356 Seiten, 44 DM.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

text
Text: christian meyer aus De:Bug 30

/kunst Bei Hitchcock gelernt Anna Gaskell spielt mit Horror und kleinen Mädchen Anna Gaskells märchenhafte Visualisierungen von Träumen und Alpträumen kleiner Mädchen waren 1999 bereits u.a. in Köln und London zu sehen, im Museum Ludwig während der Ausstellung “I love NY” das Video “Magicass” und in der Londoner Gallerie White Cube die Fotoserie “hide”. Während das verstörende Video eindeutig die Grenzen des Realismus überschreitet und mit einer rational nicht mehr erfassbaren Situation zwischen Spiel und Grauen unbestimmte Ängste aufruft, bewegen sich “hide” und die zur Zeit in der Galerie Gisela Capitain in Köln gezeigte Fotoserie “sally salt says” durchaus auf realistischem Boden. In beiden Serien sieht man, wie sich ein Mädchen im Nachthemd und mit weissen Strümpfen durch dunkle Räume bewegt. Trotz der Unterschiedlichkeit sind aber auch hier die in “magicass” hervorgerufenen Schrecken, speziell die Konnotationen zu Kindesmissbrauch, präsent. Gaskells Fotoserien scheinen Bildergeschichten zu sein, die den Betrachter mit ihrer artifiziellen Ausleuchtung, der einheitlichen “Mise en Scene” und der in allen Bildern einer Serie wiederkehrenden Protagonistin nach einer Handlung suchen lassen. Daneben sind es die Bildausschnitte, die Totalen und die zoomartig eingestreute Detailaufnahmen, die an eine entfesselte Kamera in Spielfilmen erinnert: Sie schleicht neugierig, fast aufdringlich umher. Vor allem die Detailaufnahmen sind verantwortlich für den Suspense-Charakter der Bilder. Extreme Nah-, Unter und Aufsichten voller Dynamik, eine oftmals aufdringliche Nähe zu den Personen, kaum zuzuordnende Details und scheinbar willkürliche, fragmentarische Bildausschnitte verwirren und verunsichern den Betrachter. Eine lineare Handlung ist trotz der Annäherung an einige Prinzipien des Spielfilms aber nicht auszumachen, dafür sind die Anhaltspunkte zu vage. Stattdessen geben die Protagonistin und ihr Umfeld nur ein diffuses Stimmungsbild ab: in “hide” ist die bloss partiell ausgeleuchtete Umgebung ein altes Herrenhaus oder Schloss, in das man an sich schon reichlich Horrorgeschichten hineinprojizieren kann. In der Serie “sally salt says” wirkt das kleine Mädchen mit ihren langen roten Haaren und dem erwachsenen, ernsten Gesichtsausdruck selber unheimlich – nicht nur, wenn man an “Carrie” aus Coppolas gleichnamigen Horrorfilm denkt. So wie sie schlafwandlerisch durch die dunklen, nur zum Teil ausgeleuchteten Räume schleicht, ist nicht unbedingt klar, ob sie eher eine Opfer- oder Täterrolle einnimmt. Allerdings verweisen ihre Kleidung (weisses Nachtkleid, weisse Strümpfe und weisse Schuhe) und einige Details in den Räumen (Regale mit Glaskaraffen, rollbare Möbelstücke) vage an eine medizinische (psychatrische?) Einrichtung: Ihr teilmamsloser Blick liesse sich jedenfalls so erklären. Gaskells eigene Hintergrundgeschichte zu “sally salt says” basiert auf dem sogenannten “Münchhausen Syndrom”. Als Münchhausen Syndrom bezeichnete man in den 50er Jahren in den USA das Phänomen bezeichnete, dass Eltern ihre Kinder physisch und psychisch quälten, um mit den entstandenen schwer erklärbaren Krankheiten ihrer Kinder indirekt die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Diese traumatische Hintergrundgeschichte spiegelt sich in der Mimik und den Gesten des Mädchens wieder: Es starrt auf ihre leeren Hände, entkleidet ihren Bauch (für medizinische Ein- oder sexuelle Angriffe?), zeigt hilflos in die Leere oder liegt ausgestreckt auf dem kahlen Boden. Alle Versuche, aus diesen bruchstückhaften Handlungen eine Geschichte zu rekonstruieren, scheitern aber auch hier. Die kontrastreiche Ausleuchtung mit den vielen sie umgebenden dunklen Stellen ist auf die Erzählebene übertragbar. Trotzdem entsteht ein unheimliches Gefühl, und je offener die Verweisstruktur ist, je weniger die Bedeutung in und zwischen den Bildern festgelegt ist, desto stärker tritt dieses Gefühl des Unbehagens beim Betrachter in den Vordergrund. Gut bei Hitchcock gelernt. Die Fotoserie “sally salt says” ist noch bis zum 18.12. in der Galerie Gisela Capitain in Köln zu sehen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.