Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 39

Wo ist Kunst?

Hamburg – Sound aka Space
Im Kunstverein Hamburg beginnt Ende September endlich mal eine Ausstellung, die Kunst und Musik nicht zusammenführen möchte, sondern trennen. Das wird auch mal Zeit. Die Kuratorin Nina Möntmann hat eine Gruppe von KünstlerInnen eingeladen, die die Grenzlinie zwischen Ausstellung und Club erforschen. Thomas Brinkmann, Chicks on Speed/Pablo Alonso, Felix Kubin, Carsten Nicolai aka noto, Daniel Pflumm und das Elektro Music Departement, Scanner, Miki Yui und Felix Hahn bewegen sich parallel in beiden Kontexten, nutzen die jeweils eigenen Produktions-, Präsentations- und Distributionsstrukturen. Dabei stellt die elektronische Klangerzeugung das Bindeglied zwischen den Produktionsfeldern Ausstellung und Club dar, sagt der Pressetext. Präsentiert werden die Arbeiten in einer räumlichen Gegenüberstellung: White Cube für Kunst und einer die Clubsituation einer “Black Box”, wie Möntmann das genannt hat, für Club. Abends gibt es deshalb auch Programm. Nämlich: Fr. 22.9. 2000: Chicks on Speed, Felix Kubin; Sa. 30.9.2000: Scanner, noto, Miki Yui; Sa. 7.10. 2000: Thomas Brinkmann, EMD (Kotai, Mo und Guillermo). Und am 30.9. 2000 findet außerdem noch ein Symposium mit Mo, Musikerin und DJ, Elektro Music Department, Martin Pesch, Autor und Kritiker, dem Musiker Scanner und David Toop (“Ocean of Sound”) und mir, Mercedes Bunz statt. Wir werden unser bestes geben. Versprochen.

Köln – Sneakers
Für einen Schuh gibt es wenige Hürden, Orte, Klassen, Generationen und Füße, die der Turnschuh noch nicht erobert hat. Vom Sportschuh schummelte er sich hinüber an die immer viel zu großen Füße der Teenager. Und weil er gar so praktisch war, eroberte er sich über die Clubkultur wurde schick und glitt hinüber auf die Laufstege, dahin, wo man eigentlich gerne mal eher unpraktische Schuhe bevorzugt. Meine Opa trägt welche und das Kleinkind meiner Freundin ebenso. Jetzt kommt die Siegesgeschichte des Turnschuhs ins Museum, und zwar in das Museum für Design der 60er und 70er Jahre, das im Popdom zu Köln (Vogteistr. 12-18) beherbergt ist. Neben auserwählten echten Schuhen – natürlich die Klassiker, sowie einige Seltenheitsexemplare – kann man Kataloge, Werbeannoncen, Plakate und anderes rund um den Schuh beobachten, das von Axel Fischer kuratiert wurde. Beginn: 5. September bis kurz vor Weihnachten.

Köln – Politische Landschaften
Vom 22.9. bis zum 27.9. findet am Museum für angewandte Kunst, (An der Rechtschule) jeden Tag rund um die Uhr geöffnet der Workshop “Politische Landschaft” statt. Gebildet werden soll ein Forum verschiedenster Denkansätze und Arbeitsweisen – ein Laboratorium der Gleichzeitigkeit von Diskurs, Raum, Individuum, Methode mit dem Ziel gemeinsamer Gestaltung, so heisst es auf der Webpage. Eingeladen sind u.a. Susanne Anna (mak köln), Peter Arlt, Merlin Bauer (Radio 01.net), Bittermann & Duka, Arno Brandlhuber (+plattform@b&k+/Uni GH Wuppertal), Mercedes Bunz (de:bug), Christopher Dell, Diedrich Diederichsen, Alexander Gorny (pixelpark), Udo Grätz (WDR), Ulrich gutmair (vorm. Convex tv.), Marcus Hauer (schoenerwissen), Institut für angewandte Urbanistik, Bernd Kniess (+plattform@b&k+), Sascha Kösch (de:bug), Alexa Kreißl & Daniel Kerber, Nikolaus Kuhnert (arch+), Silvan Linden, Anne Pascual (Schoenerwissen), Ursula Ringleben (Bergische Universität GH Wuppertal), Roland Schappert, Pit Schultz (nettime/mikro), Nicolaus Schafhausen (Frankfurter Kunstverein), Angelika Schnell (arch+), Frank Werner (Uni GH Wuppertal), Dr. Walker (liquid sky) und 100 Workshopteilnehmer. Das sollt ihr sein. Anmelden kann man sich für 500 DM (Studenten 250 DM) bei http://www.politische-landschaft.de oder anrufen bei 0221-221-26728. Sascha und ich jedenfalls sind da. Mr. Kösch erzählt etwas über Interfaces und ich werde in den fabelhaften Anwaltsserien ‘Liebling Kreuzberg’ und ‘Ally McBeal’ beobachten, wie sich das Politische verschiebt.

Lüneburg – Ausschreibung
Seit 1979 besteht die Künstlerstätte Schloß Bleckede in Bleckede/Elbe. Bisherige StipendiatInnen waren u.a. Katharina Sieverding, Lili Fischer, Mariella Mosler und in diesem Jahr die KünstlerInnen Hans-Christian Dany, Peter Heber und Nana Petzet. Getragen wird die Einrichtung vom Landkreis Lüneburg und dem Land Niedersachsen, welches für jeweils drei StipendiatInnen einen monatlichen Grundbetrag von DM 2.000 zur Verfügung stellt. Für das Jahr 2001 werden Aufenthaltsstipendien zu wahlweise 3, 6, 9 oder 11 Monaten ausgeschrieben. Die Ausschreibung richtet sich bei Eigenbewerbung an bildende KünstlerInnen, die im Bereich der zeitgenössischen Kunst arbeiten. Die Vergabe erfolgt durch eine Fachjury. Bewerbungsschluß ist der 20.September 2000. Ausschreibungsunterlagen bei: Landkreis Lüneburg, Frau Christa Krüger, Auf dem Michaeliskloster 4, D-21335 Lüneburg, Tel.: +49 (0) 4131-26-1449, Fax: +49 (0) 4131-26-1466

Wolfsburg – Lichtenstein/Peyton/Hume/Sherman
Das schicke Kunstmuseum in Wolfsburg eröffnet am 15. September Ausstellungen von Roy Lichtenstein (das war der amerikanische Popartist, der die Comics auf große Leinwände transferierte) und von Update#2 Elizabeth Peyton und Gary Hume. Ersterer gehört eh zu den Klassikern, zweitere sind auch schon reichlich durchgesetzt und Peyton hatte außerdem schon in W. eine monographische Ausstellung, in der sie ihr “Umfeld”, die Personen, die sie für wichtig hält (Popstars, Freunde, oder Popstars, die zu Freunden werden), ausgiebig vorstellte. Gary Hume durfte dafür den großbritannischen Pavillion auf der Biennale di Venezia mit seiner Malerei rocken, die sich auf kunsthistorisch gewordene Moderne bezieht. Man sieht malwieder: Die Frau kümmert sich um ihr direktes Umfeld. Der Mann dagegen knüpft gleich an die große Kunstgeschichte an. Die einzige Neuerung in dem Ganzen ist wohl, dass auch die traditionelle Frauenposition heutzutage erfolgreich ist. Bravostarpostern sei dank. Und last but not least: im Kunstverein gibt es am 13.09. um 19 Uhr ein Vortrag zu Cindy Sherman.

Gedrucktes
Pause: 59 Minutes of Motion Graphics
Zu diesem Buch fehlt irgendwie dann doch die Videocassette. Besser noch wäre die DVD. Vier Leute haben sich zusammengetan (Julie Hirschfeld, Peter Hall, Andrea Codrington und Stefanie Barth) und versucht die Lücke zwischen Musikvideo und Trailern auf der einen Seite und Buch auf der anderen Seite, zu überbrücken. Legetimiert wird das Abdrucken vom Film als Bild durch die Idee, dass man zu Hause am Videorecorder ja auch auf die Pausetaste drücken kann. Nun. Funktioniert aber nicht so ganz, irgendwie. Ist ja klar. Insgesamt trotzdem ein nettes Bilderbuch, auch wenn einige Namen (wie z.B. für Musikvideos Hype Williams) fehlen. Aber die Auswahl ist eben im großen und ganzen eher an Künstlern oder Designern orientiert, die Videos und Trailer produzieren. Und über die hätte man dann doch gerne etwas mehr gewusst. Strategisch war es vielleicht eine gute Überlegung, die Bilder nicht mit den Autornamen zu überfahren, aber wenn die Auswahl darüber erfolgt, dann hätte man da doch schon gerne genauer gewusst, woher die spezifischen Designer ihre Einflüsse bekommen, wo sie herkommen, was sie sonst tun, etc. Für 88,-DM bleibt die exquisite Auswahl an guten Videos so dem vorbeistromernden Leser ein bißchen verschlossen. Aber egal.

Pause :59 Minutes of Motion Graphics. Compiled and Designed By Julie Hirschfeld and Stefanie Barth. Text by Peter Hall and Andrea Codrington. Hamburg, Ginko Press Verlag.

Helfershelfer
Dieses Buch trägt den tollen Untertitel: “Türbremse, Tropfenfänger und andere obligate Symbionten”. Da weiß man gleich, dass man sich unter Autoren befindet, die den Gegenständen eine ebenso eigene Welt zugestehen. Eigentlich Begleitkatalog zu einer Ausstellung (im Oktober auf der Biennale Internationale Design 2000 im französischen Saint-Étienne zu Gast), ist so aus Helfershelfer jedoch ein rundum gutes Bilderbuch zwischen Alltagsdesign und Erfindungen geworden. Neben allerhand Absurditäten zeichnet das Buch vor allem die Liebe zur Situation aus. Und die produktive Auseinandersetzung mit der Welt. Vom Wäscheleinen-Aufsatz, der den üblichen Knick im Pullover mindert, über den Milchschlauchhalter, der Holzperlen-Autositzauflage oder der Brokat-Telefonhaube bis zum Fernbedienungsschutz. Jörg Adam und Dominik Harborth, die seit 1997 zusammen in Berlin ein Designbüro führen, haben zusammen mit Andrea Vilter während ihres Stipendienaufenthaltes auf der Akademie Schloß Solitude wohl zusammen den Entschluss gefasst, sich der Welt der Alltagsgegenstände anzunehmen. Aber nicht nur die Helfershelfer selbst, auch die Kontexte, in denen sie entstehen, werden berücksichtigt. Da wird dem Versand “Die moderne Hausfrau” ein Besuch abgestattet, sich mit dem Mercedes-Designer Sacco getroffen, um das Autolenkradschloss eine Gorilla-Geschichte geschrieben und die rechtliche Situtation der Helfershelfer erklärt. Liebevoll, umfassend und designästhetisch. Tip!, wie Riley Reinhold bei einer Technoplatte sagen würde.

Helfershelfer. Türbremse, Tropfenfänger und andere obligate Symbionten. Hrsg. Von Jörg Adam, Dominik Harborth, Andrea Bilter. Stuttgart, Edition Solitude & Ditzingen, Grafisches Zentrum Drucktechnik. 68,-DM. (Und als zusätzliches Schmankerl: Helfershelfer für Designikonen).

Zukünftige Lebensformen
Das ultimative Geschenk für jeden intellektuellen Pflanzenliebhaber. Reiner Matysik hat Bild- und Textbeiträge von verschiedenen Menschen gesammelt, die sich mit Vegetation auseinandersetzen. Von Biotechnologie über die Sexualität der Pflanze bis zur Romantik, von Philip Otto Runge über Carl von Linné bis hin zu Paul-Armand Gette ist rund um die Pflanze künstliches, wissenschaftliches, gezeichnetes, geschriebenes, erforschtes zu sehen und zu lesen. Ein Muss für jeden Veganer, auf jeden Fall.

Zukünftige Lebensformen. Von Reiner Matysik. Berlin, Vice Versa Verlag.

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Elektronische Lebensaspekte.