John Miller, Judith Hopf, Zeitschrift Spector
Text: gunter reski | post@gunterreski.de aus De:Bug 50

wo war kunst?

John Miller
John Miller als Künstler ist jemand, der sich versiert vieler Kompetenzen bedient. Sein Oeuvre äußert sich in mannigfaltiger Weise. Da bleibt zwischen Malerei, Fotografie, Kunstkritik und Theorie (“The Price Club”; Selected Writings – 1977-1997; u.a. in: Flashart, Artforum, October, Texte zur Kunst) wenig an Trägermedien ungenutzt. In einer Band mit Raymond Pettibon und Mike Kelley war er auch einmal. Bekannt wurde John Miller Anfang der Neunziger mittels einer klötterigen schokonazibraunen Soße, die er über eine Reihe trashiger Bildobjekte und Skulpturen verteilte oder applizierte, so dass den dort klebrig ein- und umschlossenen Dinglichkeiten von Standardtrash (von Coladosen bis zu Puppenteilen usw.) eine präzise Stimmung von Untergangsbrei anhaftete. Diesen konnte man auch nach Belieben seinem damaligen Lebensmittelpunkt “Berlin/Deutschland” anrechnen. Auch in prä- und/oder postfaschistischer Fragestellungen.
Seine aktuelle Ausstellung “Double Date” in der Galerie Barbara Weiß gibt sich eher materialscheu. Einen Schwerpunkt dort bilden schlichte, großformatige Schautafeln (HighEndplots auf Alu), die 220 Kontaktanzeigen aus Village Voice (“die beliebtesten ~ der Welt”) in Kreuzdiagrammen auf bestimmte gemutmaßte Personeneigenschaften hin durchsortieren und zuordnen. Aus “Sesselsoziologie” (Selbstbeschreibung) wird Kontextkunst. Die veranschaulichten Soziogramme der AuftraggeberInnen geben eine dezidiert sozial Nähkästchenstimmung bekannter Offline-Metropolenprobleme wieder. Ein funktionables bereitliegendes Mikro auf bühnenartig ausgelegtem Teppich spiegelt die eigenartig besetzte Sprecherposition von Kontaktanzeigen nochmal räumlich wieder. Vom Sozialen her interessiert hier Miller auch der prekäre Sozialakt ‘definitive Eigenpromo in sechs Zeilen’. Gehobene Subjektpreisung auf dem publizistischen Grabbeltisch. Wie preist man sich selbst bestmöglichst als libidinöse Visacard an, die niemals jemand wieder loslassen möchte? Millers Feldarbeit kartographiert die einzelnen Anzeigen bourdieuartig anhand jeweils zweier Kategoriepäarchen wie “straight – gay” und “finance capital – cultural capital” oder auch “clean – D&D” und “religous – atheist” (siehe Abb.). Es zeigt sich: Es gibt viele cleane Atheisten mit Kontaktwunsch und erheblich mehr Weiße als Farbige mit sadistischen und masochistischen Sexwillen. Wohin mit diesem Infomehrwert, bleibt etwas offen, oder halt naja klar, diese meine degenerierte Rasseklasse …
Infografik als Visualisierungsmoment scheint an sich als Darstellungsnische zwischen zu “theorielastig” und zu “ästhetisch” eigentlich recht brauchbar und vor allen Dingen im Kunstgeschehen relativ unbenutzt, weil es jeweils weit genug in beide Bereiche hineinlappt, ohne dann bei allzu immanenter Theorie- oder Formnutzung Opfer der jeweiligen Eigengesetzlichkeiten zu werden. Kunstimmanent kann man die Diagramme natürlich auch jederzeit als Kontemplationsgimmick lesen. Weiter angereichert wird die Ausstellung durch Arbeiten von Dan Graham und Ken Lum im Sinne thematisch ähnlich operierenden Positionen sowie bevorzugten Referenzpartnern.

John Miller – “Double Date” 30.6 – 11.8.2001 Di-Sa 11-18 h
Galerie Barbara Weiss, Zimmerstr. 88-91 10117 Berlin Tel. 030 262 42 84

Judith Hopf
Wer sich über mal so genannte “Kölner” Positionen oder deren Präferenzen informieren will, wird seit zwei Jahren mit einem ICE-Zwischenstop im Braunschweiger Kunstverein sehr gut bedient. Carola Grässlin macht dort ein präzises Booking, das auch Positionen präsentiert (Bonin, Eichwald, Krebber, Wulffen …), die bislang in Berlin vergleichsweise wenig Berücksichtigung finden. Mit der Galerieneugründung in Berlin von Anke Kempkes ändert sich das demnächst wahrscheinlich.
Judith Hopf, Berliner Künstlerin und bekannt geworden aus der “Freien Klasse” und dem b_books- Umfeld, hat sich im Vergleich zu anderen MitstreiterInnen einen relativ beherzten Umgang in der direkten Kunstproduktion erhalten/erarbeitet, allerdings nicht ohne partielle Distanz mit analytischen Momenten zum Entstehungs- und Verteilungsapparat “Kunst” generell. Pressetext: “Hey Produktion” [das Video in der Ausstellung] thematisiert die Kette von Machtverhältnissen, die die Produktivität ausschließlich im Zusammenhang mit materiellen Zielvorstellungen sehen.” Ihre Arbeitsformate changieren zwischen Autorenclips, installativen Skulpturmomenten, Performances und schönen Zeichnungen. Die konzentrierte Ausstellungsbestückung in der Studiogalerie besteht aus einem großen Flachbildmonitor und einer Reihe ziemlich abstrahierter “Bäumlichkeiten”. Der erste Teil des Videos “Hey Produktion” ließe sich abgekürzt als Parkbesuch im Sonnenschein mit versonnenen Tierbeobachtungen wiedergeben. Überzeugende Protagonistin des Films ist die Künstlerin Hopf selbst. Im zweiten wird diese Teil einer tanzenden Gruppierung auf grüner Wiese. Hier wogt und schwebt eine Art recht aufwendig choreographiertes Autonomenballett vor und zurück. Verbindung zwischen beiden Szenen bildet eine Begegnung der Protagonistin mit sich selbst. Der Übergang (zwischen diesem filmischenYingyang an prototypischer Produktionsklemme) wird eingeleitet durch eine treue Wolke, die der Protagonistin beim sichtlich behaglichen Müßiggang fürsorglich überallhin folgt. Wer jetzt einen szenigen Interpreter anschmeißt, kommt plumper Weise zuerst auf die jeweils anhängenden Korrelationen zwischen Solo- und Gruppenarbeit. Erstere wirkt angenehm entspannend, letztere angenehm dynamisch. Was will man mehr als ausschließlich zwei tolle Möglichkeiten? Die umgekehrte Leseweise geht auch: Erstens kommt nichts bleibend Verwertbares heraus, außer momentanem Wohlbehagen, bei zweitens behindern praxisgerecht gruppendynamische Koordinationszwänge überraschende Einzelplots. Judith Hopf pflegt einen stark abstrahierten Symbolhaushalt, wie auch im sinistren Ausstellungstitel “Adieu Vorhölle” deutlich wird. Geht’s nach dieser Ausstellung ab in die Haupthölle oder wartet wieder unwiederbringlich der Schritt ins unbeheizte Freie? Ihre Symbolcodierung funktioniert immer über eine undefinitive, also auch recht poetische Mehrfachbelegung ihrer platzierten Bedeutungsangebote in und mit den Arbeiten. Da ist immer irgendwo noch ein Tier oder Wink versteckt , das/der dir freundlich aus anderer Richtung zuzwinkert. Monokausal gibt es nicht auf dieser Welt. Das kann man nicht oft genug sagen.

Judith Hopf – “Adieu Vorhölle” 23.6 – 19.8 2001 Di-So 11-17 h
Kunstverein Braunschweig – Studiogalerie / Haus Salve Hospes
Lessingplatz 12 38100 Braunschweig Tel. 0531 49556

Zeitschrift Spector
Ob “Spector” aus Leipzig mal eine Kunstzeitschrift oder ein Crossover-Mag a la “Westermanns Monatshefte” werden will, lässt sich nach der ersten Ausgabe schwer sagen. Eher letzteres. Für einen publizistischen Kaltstart ohne verlagstechnisches Backup wirkt “Spector” erstaunlich ambitioniert, professionell und liebevoll. Fadenheftung mit holzigem Tageszeitungpapier im Softcover ist selten. Die Grafik ist präzise minimalistisch mit vielleicht etwas viel Posttechnolook. Es geht nicht um Lobbying, Infotainment oder Kunstkritik, sondern um Stimmen und Summen aus der Praxis für die Praxis. Die Redaktion hat sich explizit etwas namens Interdisziplinarität auf die Fahnen geschrieben, was vielleicht schon mutig genug ist. Genreübergreifende Kollaborationen direkt im Heft mit überraschenden Synergieeffekten sollen demnach ein redaktioneller Drehmoment sein. Dergleichen z.B. zwischen Opernkomponisten und Netzkünstlern findet man dafür bis jetzt noch wenig. In der ersten Ausgabe bildet das Thema “Remake” hier einen Ausgangspunkt, “um Zitiertechniken in der Gegenwartskunst unter die Lupe zu nehmen”. Ein Webdesigner mappt seine Beobachtungen beim Pixel- und Quellcode putzen über einen bekannten Vortrag von Godard. Alles, was da langweilig ist, muss von Godard sein. Eine abgedruckte Diastory mischt sich hybride mit Screenshots eines populären Fernsehfilms. … ein Theaterstück “rekapituliert das dramaturgische Konzept von Brechts ‘Maßnahme'”. Bis jetzt verlässt sich das Heftkonzept sehr stark auf die mögliche Qualität von sechs, sieben Haupttexten. Andere aktuelle redaktionelle Formate wie “cut & paste” wirken noch etwas marginal genutzt. Ein Periodikum fast ohne direkt aktuelle Komponenten ist als mediumsinterner Widerspruch natürlich hübsch gewagt. Das Jungfeuilleton gibt sich mal wieder zeitgemäß Mühe, wäre eindeutig zu gemein als Statement. Wenn “Spector” nachgedruckte Artikel demnächst auch als solche mit Herkunftsangaben kennzeichnet, schreiben die Kollegen auch noch freundlichere Reviews. Mal gucken, wie “Spector” bei der dritten Ausgabe ausschaut.

“Spector – cut & paste” No.1 9,- DM
August-Bebel-Str. 53 04275 Leipzig 0341 212 24 11
spector@spectormag.net Spectormag

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Elektronische Lebensaspekte.