Der Hamburger Kunstverein pflegt seit in letzter Zeit die soziale Haufenbildung. Auf der dritten Ausstellung unter dem fast neuen Direktor Yilmaz Dziewior hat sich Christine Lemke umgesehen und Arbeiten des Briten Simon Starling, von Björn Dahlem und der Gruppe Internat begutachtet.
Text: christine lemke | christine.lemke@snafu.de aus De:Bug 53

kunst

DEMOKRATUR DES LAMPENSCHEINS
Oktober im Hamburger Kunstverein

Eigentlich war der Abend der Eröffnung sehr nett. Nach dem offiziellen Teil gab es bestes Essen und Trinken für ausnahmslos alle umsonst im Restaurant nebenan. Im Licht des Jena Paradieses ging es dann bis zwei oder drei, vielleicht auch länger. Wir konnten draußen sitzen – es war noch warm – auf dem Bürgersteig waren Holztische und Bänke aufgestellt. Ganz viele waren gekommen, und wie von selbst generierte sich ein wuseliger Sozialzusammenhang, der in seiner aufgeräumten Selbstgewissheit mindestens bemerkenswert schien. Die Überlegungen, wie sich die Gastfreundlichkeit finanzierte, potenzierte nur umso mehr den gesellschaftlichen Effekt des Abends. Solcherart kommunikationsfördernde Praktiken sind neu im Hamburger Kunstverein. Anlass war die nun dritte Ausstellung unter der kuratorischen Leitung des neuen Direktors Yilmaz Dziewior.

Simon Starling
Vor der sozialen Haufenbildung gab es im unteren Teil des Hauses eines der Transformations-Labore des Briten Simon Starling (1967) “Work, Made-Ready, Les Baux de Provence” zu sehen. Starling ist mit seinem Alu Wilderness Trail Bike nach Les Baux de Provence gefahren, um dort nach dem Rohstoff für Aluminium – dem Gestein Bauxit – zu schürfen. Und um dann damit in einem langwierigen, arbeitsreichen Prozess sein silberglänzendes Fahrrad eigenhändig nachzuproduzieren. In dem abgedunkelten Ausstellungsraum in Hamburg vollzieht sich die Transformation von Stein zu Aluminium: Als Exponate sind Rohstoffe, Materialien, Utensilien, Geräte und Reste in Arbeitsschritten arrangiert. Und wie, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine runde Prozesshaftigkeit handelt, ordnen sich die Gegenstände in einem Kreis, der mit dem Original-Bike anfängt und mit einem etwas ungehobelten, aber auf jeden Fall als Fahrradrahmen wiederzuerkennenden Etwas endet. Die archaisierte Fassung der industriellen Produktion trägt die Handschrift des Hand-made und doppelt sich im Ready-made. Fraglich erschien an dieser Stelle, ob das Wunder des Selbermachens bei dem hausgemachten Nachvollzug des industriellen Prozesses nicht im Selbstbezug hängen bleibt. Die dargestellte Funktionabilität “vom Gestein zum Fahrrad“ tritt etwas erstarrt als Verkettung faktischer Arbeitsschritte auf. Der erwünschte Fluss zwischen Prozess und Resultat gerät in den Arrangements zum Stillstand, da sie als Stellvertreter agieren müssen. Jeder der acht Arbeitsschritte wird jeweils von einer anderen Aluminium Designerlampe von Poul Henningsen dimmrig erhellt, produziert so weitere Referenzen und produziert auch noch einen irgendwie gearteten auratischen Schein…

Björn Dahlem
Etwas anders arbeitet die Lampen-Situation im oberen, sehr großen Ausstellungsraum, in dem der Wahlberliner Björn Dahlem (1974) seinen “Club Superspace 3” installiert hat. Über die Treppe geht es durch den Dahlemschen “Quantentunnel”, der aus Lattenrosten und Styroporplatten einen Raum im Ausstellungsraum aufbereitet und den Blick dann für ein relativ mittig stehendes, überdimensionales Atommodell öffnet. Zwei Baumarkt-Deckenlampen, eine siebziger Jahre Flohmarktlampe mit orangem Plastik und eine kleine chinesische Papierlampe stellen die möglichen Elementarteilchen des Atoms vor, die ein polygonales, mit schwarzem Stoff bezogenes Gebilde, den Atomkern, umschwirren. In sich befestigt mit Verstrebungen aus Dachlatten und Tape, die die Teilchenbahnen markieren sollen, und in sich leuchtend durch die längs darauf angebrachten Neonröhren, steht das Ganze leicht schief auf einem aus Holz genagelten Quasi-Sockel. Der wiederum ist auf einer teppichhaften beigen Auslegware platziert, die von Gartenzäunen eingegrenzt wird. Der erhabene Welterklärungszusammenhang “Atom” kommt charmant daher – nämlich aus dem Heimwerker und/oder Baumarkt Universum – und ist reine Improvisation. Das sozusagen “falsch” verwendete Material arbeitet sich aber nicht nur stellvertretend als Referent zu den “richtigeren” Modellen ab, sondern gerät in eine angenehm zu schauende und doch sehr elegante Eigendynamik. Die Beiläufigkeit der behaupteten Trash-Ästhetik soll natürlich auf keinen Fall nach Arbeit aussehen. Obwohl hart gearbeitet wurde an der Verfeinerung. Es ist alles so filigran und unsinnig detailliert zusammengezimmert, als könnte es jeden Moment zusammenbrechen. Wie ein nicht zu fixierender Entwurf von etwas, der sich immer wieder freundlich entzieht – der da ist und verschwindet und sich somit aus seiner eigenen Zwanghaftigkeit löst. Die Arbeit von Björn Dahlem ist sich ihrer Wirkkraft sehr bewusst, sie ist schneller als der Zusammenhang, den sie herstellt, und sie führt sich selber vor: Drei Lampenposten umstehen das Modell eines Modells und leuchten es an. Denn das Spektakel weiß um sich und begibt sich ein bisschen clever in die nächste Umlaufbahn.
In einem umgekehrten, aber vielleicht ähnlichen Zusammenhang findet sich, wer zurück die Treppe runter geht und wieder in das gestaltete Foyer eintritt.

Internat
Im Laufe des Jahres wurde das Foyer von dem Architekten- Zusammenschluss “Internat” (Frank Boehm, geb. 1967 in Hamburg/Wilfried Kühn, geb. 1967 in Bremen) neu ausgekleidet. Das gleiche Team, das auch die INIT-Kunsthalle in Berlin umgestaltete. Die nochmalige Einkleidung des weißen Foyers mit hellgrauen minimalistischen Elementen vollzieht eine Doppelung des Raumes. Die Situation ist gleichmäßig ausgeleuchtet, als wäre man schon in einer Ausstellung oder Teil dieser. In dem Licht werden die neu erworbenen architektonischen Elemente gut sichtbar und erhalten ihre scharfe Kontur. Die Leute wirken etwas seltsam und klein darin. Besonders diejenigen, die wir schon länger kennen, die die Karten verkaufen, sind manchmal dort nicht richtig wieder zu identifizieren, hinter dem hochaufgebauten kantigen Tresenquader. Man fühlt sich etwas unfreiwillig in ein ausgestrahltes Display hineingeraten. Oder in ein etwas zu groß angelegtes Modell für einen sich selbst vorstellenden Sozialzusammenhang.
Der Modellcharakter weist auf das, was er modellhaft abbilden soll: den kunsthaften Kontext selbst. Wie eine Revitalisierung des White Cubes mit einem aufgeklärten Wissen um seine White-Cubigkeit. Diese White-Cubigkeit wird nicht umgangen, sondern ausgestellt und neu gefüllt. Im klaren Wissen darum, wo die Probleme liegen könnten. Diese Probleme scheinen schon durchlebt und- als wären sie
unlösbar – verworfen. Das wirkt wie die Behauptung einer neuen Situation, die zur Selbst-Konsolidierung eine Affirmation der eigenen Grenzen vorschlägt. Dieser Ort scheint eine mögliche Kritik an seiner Definiertheit schon wissend vorwegzunehmen.

Seit unserem Besuch in der Ausstellung behauptet meine beste Freundin steif und fest, sie habe ihre Silber-Abendjacke aus Aluminium Bauxit und glänzendem Gaffertape dort selbst zusammengebaut. Welchen Vorstellungsraum sie damit betreten möchte, habe ich noch nicht verstanden.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.