Geht es auch ohne Slashdot? Kuro5hin.org, eine jener unabhängigen Newsportal-Communities im Netz, meint schon und programmierte sich mit Scoop eine Alternative zum üblichen Redaktionssystem im Netz. Technik und Content gehören eben zusammen. Nicht nur für Geeks.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 63

Technologie trifft Demokratie

Am Anfang war Slashdot. Das ist lustigerweise eine der Aussagen, die auf die meisten der unabhängigen Newsportal-Communitys zutrifft. Die größte aller Online-Communities der Welt (abgesehen mal von den wesentlich weniger aktiven AOL Mitgliedern, die noch nie einen Slashdot-Effekt hervorgerufen haben) hat mit ihrer Open Source Software Slash für selbstgemachte Online-Community-News-Redaktionssysteme Standards gesetzt, die zur Ausgangsbasis nicht nur für fast jede Software dieser Art wurde, sondern auch für das Community-Gefühl im Netz. Man will so werden wie Slashdot, nicht so werden wie Slashdot oder so werden wie Slashdot mal war (mehr über die Geschichte von Commander Taco (CmdrTaco) in John Katz Buch “Geek”).

Slash und Scoop
Kuro5hin begann Weihnachten 1999 auch als Slash-Seite und war das erste Jahr über stark damit beschäftigt, immer wieder zu erklären, warum sie nicht Slashdot sind. Rusty, der erste Kuro5hin, begann dann schnell, an einer eigenen Software, genannt Scoop, zu arbeiten, die die Frustrationen mit Slash in Code übersetzen konnte. Slashdot, zu Beginn eine der geekigsten Communities überhaupt, entwickelte sich nämlich von ihrer Redaktionsseite her schnell mit der unglaublichen Masse an Usern zu etwas, das bei dem derzeitigen System von Scoop den letzten Platz in der Navigation erhält: Mindless Link Propaganda. Nicht Artikel, sondern Verweise auf andere Artikel, ohne eigene Ideen. Das wollte Kuro5hin vermeiden. Die Diskussion über die Zusammenhänge von Technologie und Kultur sollten wieder neu entfachen – was ihnen aufgrund des Scoop Systems auch gelingt. Neue Artikel werden nicht einfach von einer Horde Freiwilliger online gestellt oder abgelehnt. Vorgeschaltet ist ein eigenes Redaktionssystem, das neue Artikel erstmal im Editiermodus lässt, Kommentare sammelt und die User entscheiden lässt, wo auf der Seite der Artikel (wenn überhaupt) auftauchen soll. (Frontpage, in den einzelnen Sektionen wie Technologie, Kultur, Freedom & Politics, Media, News, Meta, Columns – oder eben, als letztes, MLP aka Mindless Link Propaganda).

Filtern und Denken
Da Journalismus dieser Art eigentlich selten in solchen Systemen funktioniert, war Kuro5hin mehr als froh, dass einige Leute eben dort die Chance für eine neue Gegenöffentlichkeit sahen, die dennoch eine redaktionelle Textarbeit beinhaltet. Es fanden sich schnell einige professionelle Redakteure, die aus Kuro5hin ein extrem ausgewogenes System aus redaktionellen Texten, freier Mitarbeit, offener Struktur und Kommentaren machte, während die spannenden Parts bei Slashdot immer mehr einzelne gute Kommentare unter Hunderten wurden. Kuro5hin ist eine Art Slashdot für Content, für das Nachdenken über die Zusammenhänge von Kultur und Technologie, Alltag und Computer, Netz und wie das alles mit dem eigenen Leben und der globalen Lage zusammenhängt. Jeder User hat, wenn er will, ein Diary. Daneben bewahrt man sich trotzdem den praktischen Aspekt mit Kolumnen über neue Technologien von DRM und Wi-Fi Primern bis hin zu Anleitungen zur erfolgreichen Veröffentlichung einer Schallplatte auf einem eigenen Label. Und wie nur ganz wenige hat es Kuro5hin wirklich geschafft, eine ähnlich intensive Menge an Usern zu bekommen. Ein Slashdot-Effekt wird sich zwar nicht einstellen, vielleicht aber eine andere Denkweise.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.