Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 17

A Soundtrack for Living. Kushti: Sample Based Music statt Hip Hop Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Es beginnt düster. Ein Kontrabass in verjazztem Moll, ein verruchter Break, gespenstische Xylophonklänge, Scratches irren von links nach rechts. Dann aus der Ferne ein freundlicher Pianolick, das Gleichgewicht ist wieder hergestellt, jedenfalls für den kurzen Moment, bevor dir das nächste unerwartete Sample auf die Schulter klopft und dich einen weiteren verborgenen Pfad hinuntertreibt. Willkommen in der Welt von Kushti, die mit ihrem Album “Secret HandshakesÒ (Octopus / RoughTrade) beweisen, daß der beste HipHop dort entsteht, wo man ihn aus der ihm angestammten urbanen Atmosphäre herauslöst, alle Klischees aus ihm herausschüttelt, eine Weile auf die Leine hängt und dann ganz von vorne beginnt. In Ipswich gehen die Uhren anders. London ist weit genug weg, und man hat genug Zeit, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Platten nach Samples durchhören oder Spaziergänge machen, um dabei beim Übungsraum der lokalen Gitarrenband reinzuschauen und die Kollaboration für die nächsten Tracks klarzumachen. “Kushti gibt es seit vier JahrenÒ, erzählt Adam aka Scratch Daddy Addy, der zusammen mit Chris aka Blast den harten Kern Kushtis blidet, am Telefon. “Leider hat es mit dem Album etwas gedauert, aber wir legen großen Wert darauf, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten. Da kommt es dann zu Verzögerungen.Ò Das jetzt vorliegende Debutalbum hat Plaid produziert, diverse Scratch-DJÔs haben mitgewirkt, Gitarristen und die Vocalistin Alice Russel: In Ipswich trifft man einfach einen Haufen guter Leute. “Eigentlich sind Plaid an allem Schuld. Die arbeiteten ’94 oder ’95 an einem Track für eine U.N.K.L.E. E.P. auf Mo Wax und luden mich ein, ins Studio zu kommen und zu helfen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt zwar bereits ein paar Jahre aufgelegt, Tracks zu machen war aber vollkommen neu für mich. Das war die Geburtsstunde von Kushti.Ò Mit Chris fand Adam den perfekten Partner. Er hat Musik studiert und weiß, wie ein Studio zu handhaben ist. Daß “Secret HandshakesÒ eine englische Platte ist, hört man sofort, bilde ich mir zumindest ein. Zu offen und abwechslungsreich, zu innovativ für eine amerikanische Produktion. “Der US-HipHop kommt jetzt erst langsam zurück, die letzten Jahre waren ziemlich unerfreulich. Die Majorlabels haben bestimmt, in welche Richtung sich der Sound zu entwickeln habe. Durch die immer aktiveren Indie-Labels in den Staaten kommt jetzt Schritt für Schritt der Flavour zurück. Ich habe den Eindruck, daß die lokalen Szenen sich schon seit geraumer Zeit wieder in Richtung der Roots orientieren. In Ipswich wird wieder gebreakdanced! Aber ich habe, was Kushti angeht, sowieso meine Schwierigkeiten mit dem Namen HipHop. Vielleicht können wir uns auf Sample-basierte Musik einigen? So sind immerhin 95 Prozent der Stücke entstanden. Außerdem unterscheidet uns noch mehr von HipHop. Die Produktion zum Beispiel. Wir arbeiten nicht mit 8-Bit LoFi Samples, im Gegenteil. Unsere Platte ist HighTechÒ, sagt Adam. Hinzu kommt, daß “Secret HandshakesÒ fast komplett ein Intrumental-Album ist, mit sehr sparsamen Vocal-Samples. Hier bleibt kein Platz für Poserei und musikalisches Sich-In-Den-Schritt-Greifen. “MCÔs lenken von den eigentlichen Tracks ab, man kann also bei der Produktion ein bißchen lockerer rangehen. Für uns war es eine Herausforderung, Intrumentaltracks zu machen. Die Musik steht im Vordergrund, man muß detaillierter arbeiten. Hinzu kommt, daß es in Ipswich einfach keinen besonders guten MC gibt, haha.Ò Auch wenn die Platte sehr locker und groovend klingt, die tendenziell eher deepe und düstere Stimmung bleibt. “Stimmt schonÒ, sagt Adam, “unsere Platte ist nicht gerade ein Ausdruck völliger Fröhlichkeit. Sie ist einfach ein Abbild unseres täglichen Lebens, sowohl in Ipswich als auch einfach in unserer Zeit. Keine Sorge, wir sind keine langweiligen, übel gelaunten Typen. Aber unsere Stimmung ist eher zurückhaltend und melancholisch.Ò Hat der Titel des Albums damit zu tun? “Ja und nein. Wir haben natürlich bestimmte Assoziationen bei dem Titel, möchten aber niemandem eine bestimmte aufdrücken. Es hat sicherlich mit der Musik zu tun, als Crossover vieler verschiedener Einflüsse, die alle auf dem Plattenspieler gelandet sind. Aber es ist auch ein Hinweis auf die Welt da draußen. Wer da wirklich die politischen Fäden zieht, ist völlig unklar, da werden eine Menge Hände im Verborgenen geschüttelt. Jetzt kommt keine blöde Verschwörungstheorie oder so, wo am Ende noch grüne Männchen aus dem Ufo steigen. Aber wir sollten wachsam bleiben.Ò Mit Kushti im Walkman steh ich gerne Wache. Kushti, “Secret HandshakesÒ, ist bei Octopus (RoughTrade) erschienen. Zitat:In Ipswich wird wieder gebreakdanced!

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Elektronische Lebensaspekte.