"Niemand aus Detroit weiß, dass Techno von dort kommt."
Text: Philipp Laier aus De:Bug 156


Foto: Fabian Hammerl

Die Realness-Debatte bestimmt den Zeitgeist. Klar, dass in diesem Zusammenhang nur allzu oft vom großen Sehnsuchtsort Detroit die Rede ist. Die Musik des Youngsters Kyle Hall wird von vielen als Fortschreibung der Geschichte gehandelt. Warum das unbedingt problematisch ist, erklärt er uns im Gespräch.

Kyle Hall sieht aus wie ein Teenager im letzten Drittel der Pubertät. Seine Gliedmaßen wirken auf diese typische Art zu lang für den schmächtigen Körper und die Bewegungen dementsprechend unkontrolliert. Während des Interviews gestikuliert er wild durch die Luft und läuft dabei mehrmals Gefahr, die gerade bestellte heiße Schokolade inklusive Extraportion Sahne durch die Luft zu schleudern. Immer wieder wirft er sich schwungvoll in seinen Sessel zurück und lacht ein bisschen zu heftig. Dabei blitzt für einen kurzen Moment seine Zahnspange auf, die seinem jungenhaften Aussehen den letzten Schliff verleiht. Als an diesem Nachmittag plötzlich Eli Goldstein von Soul Clap mit seinem Milchkaffee an den Tisch schleicht, prallen zwei vollkommen unterschiedliche Welten aufeinander. Auf der einen Seite ein gut aussehender Hipster-Bohemien, auf der anderen ein Nerd-Kid, dem verschiedene Körperteile noch zu groß sind. Man begrüßt sich freundlich und verabredet sich für den Nachmittag zum gemeinsamen Besuch des Synthie-Labors Schneiders Büro, bei dessen Erwähnung Halls Augen aufleuchten, als hätte man einem Kind versprochen mit ihm ins Spielzeuggeschäft zu fahren.

Mit Sounds kritzeln
Passenderweise entspinnt sich daraufhin ein Gespräch über die Comics und Illustrationen Alan Oldhams, die dieser für Labels wie Transmat oder Djax-Up anfertigte. Auch einige Releases aus Halls eigenem Katalog haben Comicartiges auf dem Cover. Eine ästhetische Brücke will er trotzdem nicht schlagen: “Der Stil der Comics ist ja ein vollkommen anderer. Meine Cover sind eher alberne kleine Kritzeleien. Das ist vergleichsweise naiver Kram, den ich vor mich hin schmiere. Auf keinen Fall so cool und düster wie die Arbeiten von Alan Oldham.” Zwischen den Zeilen offenbart diese Aussage viel von der ästhetischen Struktur, die auch der Mehrheit seiner Tracks zugrunde liegt. Die meisten werden von einer ebenso unbefangenen Lust am Chaos geprägt. Oft herrscht ein schier unübersichtliches Wirrwarr aus Ideen und Stilen, Synthie-Sounds und Drum-Patterns. Dabei ist es nur eine Frage der Perspektive, ob man das als ganz große Kunst oder “nur” Kritzeleien versteht.

Mythos Vakuum
Nicht zuletzt deswegen steht der Name Kyle Hall für eine neue Generation aus Detroit, die J Dillas komplexe Beat-Gebilde zwar ebenso verinnerlicht hat, wie den strahlenden Electro von Drexciya, die aber mit den Urahnen der geraden Bassdrum dennoch nur lose verbunden ist. “Ich bin keinesfalls mit Techno aufgewachsen. All diese Geschichten und Mythen sind auch für mich nur Dinge, die mir irgendein Älterer erzählt hat.” Trotzdem verpflichtet das musikalische Erbe Detroits und selbst ein junger Produzent wie Hall wird immer wieder mit dem Entstehungsmythos von Techno konfrontiert, was nicht gerade einfach ist: “Dieser ständige Vergleich mit den alten Detroit-Helden geht mir furchtbar auf die Nerven. Egal was ich mache, egal ob es komplett anders ist als das was ich davor produziert habe – die Leute behaupten immer es würde total nach Theo Parrish oder eben einfach nach Detroit klingen. Ich habe zum Beispiel vor kurzem einen Remix für Motor City Drum Ensemble gemacht und in einer Besprechung hat der Schreiber erst mal zehn Namen genannt bevor überhaupt erwähnt wurde, dass ich diesen Remix gemacht habe.”

Motor City My Ass
In diesem Fall ist die (Schief-)Lage besonders prekär, da der Stuttgarter Danilo Plessow alias MCDE mit seinem Pseudonym auf die Historie von Detroit als ehemalige Produktionshochburg des amerikanischen Traums in Form von verchromten Benzin-Schleudern verweist. “Mit dem Namen hatte ich zu Beginn ziemliche Probleme, weil er sich einfach blöd anhört. Daniel weiß ja worauf sich der Name bezieht und ob er es will oder nicht – daraus wird immer eine Detroit-Referenz gestrickt. Ich habe das irgendwann völlig außer Acht gelassen, weil die Musik so gut war. Genau das mag ich auch: Wenn man vergisst, wo jemand herkommt und einfach nur seine Musik beurteilt.” Das klingt zwar zunächst wie ein fürchterlicher Allgemeinplatz, aber es ist durchaus verständlich, dass ein junger Produzent versucht, die zentnerschwere Last seines musikalischen Erbes abzuwerfen und lieber eigene Wege geht, als den ausgetretenen Pfaden seiner Vorgänger zu folgen. Vielleicht ist es ein durch und durch normaler Abnabelungsprozess, vielleicht aber auch die logische Schlussfolgerung aus Detroits zwiespältigem Verhältnis zu seiner eigenen Vergangenheit. So konstatiert Hall: “Erst seitdem ich öfter hier in Europa bin, realisiere ich, dass die Leute diesen Detroit-Mythos im Herzen tragen. Niemand aus Detroit weiß, dass Techno von dort kommt. Für die Leute hier ist das aber so etwas wie die Bibel.”

Schluckauf der Geschichte
“Techno ist in den Staaten einfach keine populäre Musik mehr. Man muss wissen, dass es damit in Amerika gerade steil bergab ging, als es in Europa gerade aufkam. In Europa haben sich immer mehr Leute dafür interessiert, während es bei mir zu Hause in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Irgendwann gab es dann eine erste Generation, denen dieser ganze Detroit-Mythos nicht mehr weitergegeben wurde. Und die Alten haben schließlich auch irgendwann vergessen, sich daran zu erinnern. Techno stellt für Detroit nur eine sehr kurze Phase dar.” Trotzdem dient uns ebenjener Schluckauf der Geschichte auch heute noch als Dreh- und Angelpunkt unseres Gesprächs. Dass das nicht völlig an der Person Kyle Halls vorbei ins neblige Dunkel der Geschichte zielt, zeigt sich vor allem an der Nachwuchsförderung und Aufbauarbeit, die Hall in seiner Heimatstadt leistet. Nachdem er in seiner Jugend über das Projekt Youthville den Weg zum Produzieren fand, bringt er heute selbst Kindern nach der Schule den Umgang mit MPC, Synthie oder Laptop bei. Damit führt er, ob er nun will oder nicht, eine Detroiter Tradition fort. Schließlich arbeiten von Mike Banks bis Mike Huckaby viele der alten Recken in derartigen Projekten.

Amerikanische Philanthropie
“In Detroit, wo wahnsinnig viel kaputt ist, muss man eben versuchen, seiner Community etwas zurückzugeben.” Einerseits ist dies das typische amerikanische Modell der Philanthropie, nach dem Bildung und Wissen weitergegeben werden, andererseits zeigt Hall damit unbewusst, dass auch er den Detroit-Mythos – trotz all seiner Schattenseiten – fortschreiben möchte. So prophezeit er einem seiner Schüler eine große Zukunft als neuestes Whizzkid aus Detroit, wenn er nur weiter an seinen Beats feilt und das beherzigt, was man ihm beigebracht hat. Hall gibt also Teile seines Erbe bereits zu Lebzeiten weiter und stellt damit sicher, dass seine Ideen und Konzepte überdauern – auch der große Mythos der Motor City wird so neu angefeuert. Hass und Liebe liegen eben auch in Detroit nahe beieinander.

“KMFH – WO6K” ist auf Halls eigenen Label Wild Oats erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.