Im Musikotop Chicago, der Urwiege von House, wird immer noch gejackt, was das Zeug hält. Auf LA Williams' Label Chisel treffen sich alte Recken und frisch Begeisterte, um alte Traditionen und Tugenden nicht in Vergessenheit kommen zu lassen. Und Witz und Euphorie der Vergangenheit sind noch genauso wild, wie die Filter rein und rausgedreht werden.
Text: jan joswig aus De:Bug 60

Ein Tag mit Tommy Sunshine

Chicago, Mutter der Schlachthöfe. Okay, das war zu biblischen Zeiten. Aber genau zu diesen Zeiten muss man zurück, um das Fundament für ein Houselabel wie Chisel zu verstehen. Chisel stammt aus Chicago, Punkt. Chicago ist ein Musikotop, so wie Madagaskar ein Biotop ist. Hier, am Ufer des Michigansees in den alten Abdeckerhallen, in Lee von der Stadt, früher wegen des Gestanks, jetzt wegen des Lärms, erstrecken sich die Studios und Büros der Chicagoer Houselabel. An jeder Tür ein “You don’t know Jack? So your whack!”-Aufkleber, hinter jeder Tür Garage mit Dajae, Wild Pitch mit Aphrohead/ Felix Da Housecat, Schredderhouse mit Russian Roulette/ DJ Rush, dreckige Grinsedisco mit den Ghetto Godfathers. Alles, was Chicago vor 15 Jahren gepflanzt hat und was man dort sorgsam umhegt, ohne sich gesteigert darum zu kümmern, wo die Samen sonst noch so vielleicht aufgegangen sein könnten. Über allem der spezielle Spirit des historischen “Dancemania”-Labels, der dem Teufel ins Gesicht lacht und auf dessen Nase eine Party feiert. Chicago halt, die Stadt, in der niemand auf die Idee käme, dass alte Helden alt sein könnten. In der neue wachsen, weil sie von den alten lernen, dass Disco besonders profitiert, nimmt man das “über-” ernst: Die Filter werden über-dreht, der Witz eines Loops über-reizt, die Streichersamples über-pitcht und der Bass über-pumpt. Prall und grell und ohne Angst vor Albernheiten. Aber mit einem unterschwelligen Twist, der sich wie unbeabsichtigt einschleicht und einem immer etwas zu derb auf die Schulter klopft von hinten. Und Disco sein widerspenstiges Potential zurückschenkt. Kein Franzosenslickcore, nirgends.

Gleich mal einen Kümmerling

Täglich radelt Koordinationsgenie und “Dust Traxx”-Promotional Director Tommy Sunshine die Label in seinem stahlblauen Lieblingstrainingsanzug ab, um zu überprüfen, ob die Promozettelverheißungen, die er immer so sonnig ausstreut, denn auch Realität werden: Catalyst, Dust Traxx, Apple Jaxx, Clashbackk, High Octane, Nite Life, Kid Dynamite, Nocturnal Interludes… Bei Warehouse No. 4 gibt’s den ersten Kümmerling (zu Importpreisen, das Hipgetränk in Chicago und Detroit) im Büro von Chisel. Der LA Williams, früher, vor elf Jahren, Wild Pitch-A-Minus-Ligist, jetzt Chisel CEO, und der Tommie quatschen dann so: “He LA, wie sieht’s aus, heute eher cleaner Sound oder eher dirty?” “Yer know, Tommie Baby, sometimes it’s a clean sound, sometimes it’s a dirty sound. Aber kennste doch, ich und meine Künstler: wir essen, schlafen und scheißen 24/7 an 365 Tagen im Jahr Sounds, Visions und Patterns. Und es hat immer den Chicago-Twist. Das Tanz-Movement und das Seelen-Movement und der Körper, der 4-To-The-Floor-Herzschlag: Das sind die Elemente, die Chicago in Bewegung halten, das ist die geheime Mission, die uns zu Sleepern im Auftrag von Chip E., Steve Silk Hurley und Farley Jackmaster Funk gemacht hat. Irgendwann wurden wir aktiviert, um zu jacken und nicht zu stoppen, are U ready, y’all?” “Immer noch der alte Kämpfer, ich zieh’ meine Schweißbänder, alle Achtung. Und gerade jetzt, diese Doppelturmscheiße und so, denkst du, dass Party und Jacking da eine neue politische Relevanz bekommen haben oder fühlst du dich umso mehr in den Eskapismus gedrängt? Ist Tanzen kämpfen oder kapitulieren?” “Eh, heißt du nicht Sunshine, oder was? Very, very little to say on this one. Jedes Geschäft watet irgendwann durch Scheiße. I really can’t say about the scenario, it just has to take its course right now.” “War das nicht Felix, die olle Housekatze, die da ihre dicke Brille und dicke Nase aus der Tür geschoben hat? Kratzt dir das eigentlich an der Hutschnur, dass er durch das 80er Revival-Fraternisieren mit dem alten Kontinent so viel Erfolg hat, während du hier den real Stuff raushämmerst zur Seelenmedizin und dich ganz anders umgucken musst?” “Nuff respect to the 80s! Ohne die 80er wäre Chicago, wie wir es kennen, nicht denkbar. B 52’s, Devo, Gino Soccio, Bananarama, Thomas Dolby, Sting, David Bowie, Kraftwerk. Ich habe immer die klassische musikalische Seite an House geliebt mit einer dezenten Dosis gutem, altem Isaac Hayes’ und fetten ‘azz (Jazz or Ass, ist doch eh das Gleiche?) Beats. Der warme Herzensseelengeist, der Liebe an die Atmosphäre ausliefert wie mein kleiner Nachbarsjunge Pizzen an die einsamen Witwen in der Vorstadt.” “Oder die http://www.deephousepage.com Ohrennektar an die Darbenden…” “Oh yes, the Deeeeep Hoooooooouse Page, ich bin brutal unten damit, ;)” Darauf den zweiten Kümmerling. Tommy streicht sich die Slacker-Matte hinter die Ohren: “LA, ich schwing mich. Aber, eh, mein Plan, du weißt, ich tret’ niemandem in die Fersen, aber der Scheiß, der muss laufen. Also, was kommt?” “Alles im Lot, die ‘Heavy Hittters 2 Repercussion’ mit Harrison Crump, Scan 7, Boo Williams, German Broadcasters, Paige Ilise, dem vereinbarten Trupp halt, ist auf dem Weg. We keep on jackkin’, Baby!” “Gib fünf!” Der Michigansee glitzert in der Nachmittagssonne wie eine Discokugel, Upton Sinclair und Ron Hardy winken über die Wasser. Und LA gibt fünf.

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Elektronische Lebensaspekte.