2002 wird im großen Techno-Geschichtsbuch nicht ganz so viele Seiten abbekommen. Trotz ”Speicher 2“ oder ”Acid Storm“ sind die einst konzentrierten technoiden Zonen von Historismus-Terror besetzt - das Minimal-Harte und seine Risse, Verzerrungen, Überspanntheiten finden seltener Gehör. Das Label Areal aus Köln hingegen hat in das minimale Gebäude Querverstrebungen eingezogen, die schon mehr als einen Dancefloor zerbersten ließen.
Text: Alexis Waltz, Katja Kynast aus De:Bug 67

Areal sind Metope aka Michael Schwanen, Basteroid aka Sebastian Riedl und Konfekt/Schorf aka Mathias Klein, in enger Verbundenheit außerdem: Ada aka Michaela Dippel und DJ Jan Erik Kaiser. Also Losgelöste-Sprungfeder-Tracks mit verspultem Acid-Charme von Basteroid, minimal-kristalliner Techno mit heimlichem Pop-Appeal von Schorf, unangreifbare, magnetische Tracks von Metope, von denen man nie so genau sagen kann, woher sie ihre ungeheure Energie entwickeln, sowie introspektive Proto-Songs von Ada. Und alles immer noch mal anders, in diversen Kollaborationen, but always killing. Wie konnte das passieren?

Sebastian:
Ich fand Techno immer scheiße, dann habe ich von Jan ‘ne halbe Pille gekriegt, in Stuttgart. Wir waren im M1, das war supergeil – ich kannte bis dahin nur Radio-Techno. Ich habe dann elektronische Musik gemacht, weil man elektronische Musik am Computer machen kann.
Jan:
Weil du schon immer ein Computer-Fanatiker warst.
Matthias:
Musik selbst machen bedeutete für mich, ein Instrument zu beherrschen. Ich war einfach superinteressiert an Musik, aber was sollte ich denn machen? Dann fing es an, dass ich mir ab und zu elektronische Musik bestellt habe, per Mailorder. CDs für 1.99, beim Malibu-Versand in Hamburg: Cabaret Voltaire, Hawtin, die ganzen Fuse-Sachen, das geschah alles eher zufällig, da stand im Katalog “Fuse – Supertoller Act”, ich kannte keine Namen, habe es also mitbestellt. Ich habe da nie groß Recherche betrieben. Irgendwann saß ich dann da, wusste, man braucht ‘nen Sampler.
Michael:
Bei uns war mal Sven Väth, der hat vor 20 Leuten gespielt, das war in so einem superkrass-kleinen Kaff, nicht mal in Bad Nauheim, sondern noch mal eine Vorstadt davon. Herrje: Sven Väth vor 20 Leuten. Der hat etwa 10 Stücke gespielt, dann hat er die Platten eingepackt und ist wieder gegangen.
Bei mir war es definitiv der Amiga, der den Einstieg ins Musikmachen ermöglichte. Irgendwann bin ich auf Protracker gestoßen, das war ein Sequenzer für den Amiga. Ich habe auch ziemlich schnell einen Sampler dafür bekommen von einem Freund, da gab es hinten was zum Draufstecken auf die serielle Schnittstelle. In Mono konnte man 8bit samplen. Irgendwann habe ich dann das erste Live-Set mit dem Amiga gemacht damals, mit einem Freund. Er hat extra ein Gerät gelötet, damit nicht zwei Spuren links und zwei von rechts kommen, sondern alles durch die Mitte.
Jan:
Bei mir hat Musik schon immer eine Rolle gespielt, früher auch das Instrument, ich habe Trompete gespielt in der Jugendmusikkapelle. Da habe ich dann auch gelernt, 32 Takte Pause zu haben und dann einen Nachschlag zu spielen, dann wieder 32 Takte. Da habe ich das zählen gelernt und ich bin auch beim Auflegen heute noch ein ganz fieser Taktezähler.
Mit Techno ging’s 92/93 los, als der Hardtrance aufs Land kam. Bis aufs Land raus hat man gemerkt, dass sich wirklich was ändert. Es gab nur in Stuttgart Discos, das war eine Stunde Fahrt, also hat man dann Freitag abends fünf Proletengolfs auf den Sportplatz gestellt, in allen Radios HR3Clubnight angestellt, und das war dann Disco.
Eine andere Sache war, dass die Kleinstadt-Proleten, vor denen man eigentlich immer nur Angst hatte und laufen gegangen ist, wenn man die nur von weitem sah, plötzlich abends auf einen zugegangen sind mit so großen Augen und gesagt haben: Komm gut Heim. Da dachte ich, ja, irgendwie kann Techno nicht schlecht sein.

Cool Water Cologne
Die Beziehung von Techno und Wüste existiert, aber sie ist noch nicht geklärt. Braucht das Technoide nicht wüstenhafte, gegerbte, verlassene Zonen, die kein dichtes Soziales aufweisen, die in Stunden bevölkert und wieder verlassen werden können?
Anders Köln. Für Fremde sind die geordneten (Re-)Produktionsverhältnisse doch ein nicht verdrängbarer Irritationsfaktor. Frankfurt hatte den Imbissen, auf deren Fernsehern Aktienkurse studiert werden, eine einmalige, unbegreifliche, unvermittelbare Krassheit entgegengesetzt. Aber Köln: Die Geschlossenheit und Integriertheit dieses Lebens, wo das Kaputte in den Kapillaren der Normalität agiert, wo diese Quadratkilometer-großen Zonen unbekannt sind, in denen sich der Raubtierkapitalismus auf Scharen von Sozialhilfeempfängern wirft. Wo es kaum sichtbare Opfer-Figuren gibt, wo jeder seine Ideologie und seinen Style pflegt.
Köln ist so pragmatisch, so praktisch: Stadt der großen und kleinen Medien-Masterpläne. Spex erfand hier in den Achtzigern den genialer Schulterschluss von Pop, Politik und Postmoderne, Texte zur Kunst diskursivierte die deutschsprachige Kunstszene, bei Kompakt erfand man das Erfolgsmodell jenes Grooves zwischen irisierendem Wahnsinn und Biergeschunkel, bei Viva die Integration von Marketing und Redaktion. Bei Viva 2 wurde die Pop-Diskurs-Göttin der neunziger Jahre aus dem Schaum von Bloodhound Gang und Rocko Schamoni geboren. Viva Plus dampfte die Redaktion zu einem Script ein und die Harald-Schmidt-Show verhandelt dann noch mal ALLES.

Ebenso war für Michael, Mathias und Sebastian sofort klar, dass man die eigene Musikproduktion zunächst nicht in die Label-Landschaft diffundieren lassen würde, vielmehr schuf man einen eigenen, spontan, aber doch streng gestalteten Raum (von Konfekts Sender-Connection abgesehen). Einst existierte man nicht auf der Karte des Techno, und im nächsten Moment gab es Areal – keine diffusen Zwischenzustände auf dem Weg zum eigenen Medium. Was ist Areal? Wenn Kompakt die Pop-Techno, Trance und Ambient-Masterpläne heraushaut, die einstige Produktion des Inner-Circle in die Welt projiziert, Sub Static die totale Immanenz ihrer Potenzialitäts-Grooves fahren, Italic im extrem Begrenzten, Beschränkten die Disco immer wieder erfinden, Max.Ernst aus der Geschichte die Gegenwart des technoiden Zeit-Bilds ausgräbt, gehen Areal am zerstörerischsten mit dem Groove um, zerreißen das wohlgeordnete Tableau.

Retrofuturismus
In den weiträumigen Minimal-Grooves der Gegenwart kann das Modernste des Alten, etwa die 8bit-Sounds des C-64, anders wiederkehren und eine Krassheit produzieren, die weit mehr ist, als eins und eins zusammenzurechnen. Das Zusammenprallen des modernen Sounds von 1985 und dem Modernen der Gegenwart ist ein Ereignis, das endlos viel mehr produziert, als ein Begriff wie Retro fassen könnte. Bei Areal entsteht ein kubistischer Groove, die Sounds sind so brutal, dass sie alles mitreißen, und das Mitreißende und Mitgerissene produziert sofort einen neuen, anderen Drive. Mit diesem Moment des Einbrechens des unwahrscheinlichen Sounds arbeiteten natürlich auch andere, aber niemand denkt dabei so konsequent an die dritte Raumdimension, daran, das Neue nicht nur als Kontrast zu benutzen, sondern auch einzubeziehen. In diesen Tracks gibt es kein Außen, obwohl sie ihr Innerstes nicht schützen.

Areal leben in einem ausdifferenzierten Agieren von Öffnungen und Schließungen. Sie pflegen eine Ferne zu den großen und kleinen Pop-Momenten Kölns. Mit etwas nichts zu tun zu haben, ist die Bedingung, um einen eigenen Raum zu haben. Trotzdem ist man über die Produktion marginaler und hegemonialer Medienmomente genau informiert. Man hat Tontechnik studiert, jobbt bei AMD, verkauft Musik-Instrumente, schneidet Casting-Videos, assistiert einer Performance-Künstlerin. Das Studium des großen Normalitätsgebäudes geht mit einer stoischen Genauigkeit voran. Zwischendurch ist man Cineast geworden, ohne dass man gezielt daran gearbeitet hätte. Man verfolgt die speziellen, nicht geplanten Effekte, die das große System hinterlässt, und wie sich Areal, a-real im Sinne von irreal, ins Mediale einschreibt. In den Reviews der Groove kam ”Lucky Charm“ als ”Lucky Kitchen“ an, der Kölner schrieb in Bezug auf die Areal 10 von “seichtem, mittelmäßigem House”. Mathias: “Das fand ich super. Das ist mal so ein ganz anderer Begriff: ‘mittelmäßig’ und ‘House’, das geht auf so ein Level, das wieder Öffnung ermöglicht.”

Wie kam es dazu, die Compilation ”Bis Neun“ als Mixalbum zu machen?
Sebastian: Für mich hat sich die CD dadurch ergeben, dass es Jan gibt. Es musste diese CD geben, weil die Mixe so geil sind. Das erste, was ich mache, wenn eine neue Platte von uns rauskommt, ist mit der Platte zu Jan rennen und mir das dann gemixt anhören. Da sterbe ich dann meistens vor Verzückung.
Jan: Bis das Gerüst erst mal so stand, waren das bestimmt 6, 7 Wochen. Je mehr Songformat da ist und je mehr das Stück selber macht, muss man auch länger suchen, bis man das Stück findet, dass dazu passt, bis dann vielleicht sogar die Harmonien passen. Bei 2 Plattenspielern ist es ein Riesenglück, wenn da ein Dreiklang entsteht aus 2 Platten, oder ein Zweiklang, der dann aber auch harmonisch ok ist.
Als es wirklich stand und dann an die Aufnahme ging, waren es schon 20, 30 Takes. Eine Stunde keinen Fehler zu machen, ist schon echt Horror. 50 Minuten keinen gemacht zu haben und dann nur noch ein Übergang, da geht einem echt schon … das ist schlimmer, als vor Leuten zu stehen.

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Elektronische Lebensaspekte.