Kraft rhizomatischer Kollaboration entstand das japanische Musiklabel +croSs. Elektronische Klänge offerieren feinverpackte Dosen fernöstlicher Meditationen in Klang, Bild und Wort. Debug packt behutsam aus und genießt die Blüten.
Text: Matthias Sohr aus De:Bug 68

Vorsprung durch dezentrale Brunnen

UV-Licht erinnert an objektiv affektarme Abende in gar nicht mal so provinziellen Tanzlokalen. Grell-bläulich leuchtende T-Shirts versetzen das Publikum hier noch in Extase. UV-Licht auch als Pre-Show-Effekt bei Blaaks Frühjahr/Sommer 2003 Fashion-Show “Illuminating Force”. Diese Kraft, fluoreszierende Einladungen zu aktivieren, verursacht emotionale Schwingungen, auf der Richterskala gegen minus sieben komma zwo tendierend. Bei stark vereinfachter Betrachtung natürlich nur. Da existiert an beschriebenen Orten und Veranstaltungen meist ein zusätzliches Moment, das hier ja viel lieber betrachtet wird. Ohrenmerk also auf die Waitingmusic zur Fashion-Show: Ein Ambientklang der wärmsten Art schafft es, der doch so abgegriffenen Oberfläche Tiefe zu verleihen, der Körper wird zum in Vibration versetzten Angriffspunkt. Yuzo Kako, dem Blaak diesen immensen Tropfen Tiefe verdankt, veröffentlicht auf +croSs, dem japanischen Label “mit den besten Elektronika-Tracks vor allem” (Kösch). Der anschmiegsame Bass steht zumindest allen gut, der Raum gespannt, dezente Aufregung verursacht, stellt man sich vor.

Lulie Kutsuma beschreibt sich in einer e-mail als Gründerin und Konzepterin von +croSs. Von Konzepten möchte niemand, der in +croSs involviert ist, gerne sprechen. Viel lieber von Kollaboration. So bleibt die Gründung 1999 in Kobe vielleicht der einzige Augenblick in der Geschichte von +croSs, der nur eine einzige Person einschließt. Denn +croSs ist viele, ganz besonders auch der französische Graphiker Benoa Berger sowie der japanische DJ und Produzent Naruhisa Matsuoka, letztlich jeder Kollaborateur, sei es musikalisch, künstlerisch, freundschaftlich – kein Unterschied. Naruhisa: “Beim Kollaborieren geht es nicht um Business, man stimuliert sich einfach gegenseitig, mit mehr Leidenschaft. Wenn ich mir die Stücke anhöre, die in Kollaboration entstanden sind, dann existiert keine Kategorie wie alt oder neu. Die Musik handelt von Menschen, von der Arbeit mit ihnen, und das ist gute elektronische Musik.” Jede Veröffentlichung auf +croSs erzählt von einer Freundschaft – “take some coffee, take time”.

Die letzte Veröffentlichung von Akira Tanaka aus Nagoya kam auf Grund eines zugesandten Demotapes zustande. Lulie: “Jetzt sind wir Freunde.” Mils, 4 Jungs aus Rennes, entdeckte Benoa ungefähr mit den Worten: “That’s excellent, shall we contact them?” In welcher Sprache auch immer. Kein Unterschied. Mit Yuzo Kako tritt Naruhisa gerne live auf, wie auch am 16. November wieder auf einer +croSs-Party in Osaka. Lulie erfährt von dieser Veranstaltung ihres Labels just im Moment des Interviews: “I’m not invited.” Naruhisa: “Sie ist immer beschäftigt. Wenn ich ihr davon erzähle, dann würde sie sagen: Ok guys, macht das alleine.” Lulie: “Ich habe eine Menge Verabredungen.” Business? “For private.” Kein Unterschied. +croSs entwickelt sich mit jeder involvierten Person. Der Kontakt zu Jens Massel (Senking/Kandis) ist mehr als gute Musik und eine schöne Begegnung im Liquid Sky in Köln. Jede Person ist +croSs, ohne Ort, ohne Zentrum. Hier ist das noch so, darf es sein. Ganz klar.

Platz vs. Kategorie

“Super Post Electronica”, der Titel der ersten Labelcompilation von +croSs, verleitet dazu, das Zentrum im Verweis auf eine Kategorie zu sehen, eine neue, spielerisch ironische Schublade. Naruhisa: “Ich möchte keinen Stress haben wegen irgendeiner Kategorisierung. Ich möchte mehr Raum, mehr Freiheit.” Ganz klar. Aber das durchaus produktive Störgeräusch der Kategorie knackt dank gedachter und artikulierter Worte immer wieder laut und deutlich. Zum Beispiel minimal? Lulie: “Nein.” Naruhisa: “Manchmal.” Super, Post und Electronica. Die drei hörten gute elektronische Musik, Benoa zeichnete an einem Briefkasten, und Lulie liebte es, das Wort ”super” in ihren Wortfluss einzustreuen. Ganz klar. Spiel, Worte, Poetik, so begann auch die Kollaboration von Lulie, der Semiotikerin, die über japanische Sprache und C++ sinniert, und Benoa, der jedes Objekt in seine Fläche auflöst, wo der Hintergrund den Vordergrund bestimmt: Köpfe verschmelzen, Tische verschwinden unter Schnee, leere Gesichter schreiben keine Worte. Benoa per e-mail: “Ich arbeite mit Schnappschüssen von Freunden, meiner Familie oder mir selbst. Mehr als eine einfache ästhetische Forschung sind meine Bilder die Repräsentation meiner Verbindung zur Realität. Ich glaube, mein Stil ist konkret und abstrakt zugleich, wie Musik. Ich möchte nicht alles zeigen, ich überlasse Interpretation und Imagination dem Betrachter. So ist die Verbindung zur Musik eine ganz natürliche.”

Der Westen macht mich traurig

Lulies und Benoas erste gemeinsame Experimente mit poetischer Sprache, mit Gedichten im weitesten, musikalischen Sinne sind schwer zu beschreiben. Man muss schon ein wenig Zeit mit Lulie verbringen, um zu erfahren, wie Onomatopoesie ihre Artikulation bestimmt. Dann intoniert sie einzelne Stimmfragmente für ihr nächstes Mimi-Album, “like cutting up a poem”. Ästhetische Laute, wie Worte ästhetisch sind. ‘Kant’, “eine gute Kombination von Buchstaben”, noch schöner aber +croSs, dessen + rein optisch, nicht akustisch funktioniert. Lulie im Cut-up O-Ton: “I want to cross the image in the mind, like travelling my mind, crossing simple things, crossing everything, not only inside. In many different dimensions, I can do it naturally. Maybe I can have a happy situation by crossing, feeling something, plaisir. Das ist nicht logisch. It’s Japanese. In Japanese gardens, there is no fountain in the middle. You can distract your view. Just pass away the center, pass through the center. Western conception is sometimes so sad. That’ s why so many philosophers had to suicide. They wanted to escape to the oriental side. We have the oriental conception by naissance. It’s so free. That’s the best point in +croSs. I love +croSs. I love everything, every design, every music, every guy. But sometimes there is a moment I don’t want to continue +croSs anymore.”

Schock. Dabei nimmt sich alles kleiner aus, als es sich anhört. Wenn sich zum Beispiel eine große Handelskette beschwert, dass eine Hülle ohne CD ausgeliefert wurde. Mit der Folge für +croSs, sich in für Japan übliche, langwierige Entschuldigungsbeteuerungen zu ergehen. Diese kleinen, geschäftlichen Dinge sind es, die Lulie manchmal den Spaß an +croSs verleiden. Lulie schaut etwas bedrückt. “Ich möchte keine solchen Probleme.” Für Probleme ist auch gar keine Zeit. Tracklisting für die Anfang Dezember erscheinende Remix-Zusammenstellung “readapt” fertigstellen, Alben vorbereiten von Christophe Charles, MiMi (Lulie Kutsuma), Naruhisa Matsuoka, Yuzo Kako, schnell noch diskutieren, ob neues Material von “Far East Broadcast” (Lulie, Naruhisa und Izumi Kiyoshi/Rephlex) nicht vielleicht doch auf +croSs veröffentlicht werden könnte… Lulie: “In Zukunft möchte ich noch mehr kollaborieren.” Puh.

Einen Tag nach dem Interview, es ist Montag, Lulie und Naruhisa legen entspannt ihre Lieblinge zu Blaaks Reception-Party in Tokyo auf. Dort treffe ich Akemi wieder, die immer wieder sprach- und kulturbedingte Verstrickungen zwischen Interviewten und Interviewendem behutsam enthedderte. Sie erzählt mir von Interviews mit japanischen Künstlern in französischen Magazinen. Häufig laute dort das Fazit, Japaner seien schlechte Künstler, weil Reflexion und Kommunikation über das eigene Werk kaum stattfinde. Anders vielleicht, und nicht einmal das. Naruhisa: “Wir können nicht genau sehen, was es ist, weil es sich verändert.” +croSs ist organisch, hier ist Technik nicht Mittel zum Zweck, sondern Mittel zur Freundschaft mit Sinnen und Menschen.

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Elektronische Lebensaspekte.