Das Kölner Label Sonig arbeitet sich auch auf seinem zweiten Sampler ".ilation" durch das frenetische Freispiel elektronischer Obskuritäten. Was macht Musik zu Musik? Aus der Sonig-Wundertüte werden in nächster Zeit die vielfältigsten Antwortversuche purzeln so wie gigantische Jeansspinnen aus Studiofenstern.
Text: Ed Benndorf aus De:Bug 68

.ILATION – DIE DOKUMENTATION DER SONIG EXPLOSION

Trotz Oval und Mouse on Mars ist Hajsch mein liebster Sonig-Act. Klar waren erstere die wichtigeren und wegweisenderen Projekte, aber das Urgestein Hajsch und seine Umsetzungen unendlicher Zwischenzeiten bleiben für immer ungeschlagen. Hier geht es jetzt aber nicht um einzelne Projekte, sondern um das frenetische Freispiel elektronischer Obskuritäten und angenehm versponnener Künstler und Küstlerinnen, die allesamt dem Kölner Label schnell den Ruf eingebracht haben, das schwere elektronische Erbe ihrer Stadt mit Bravour, etwas Ironie und gehörigem Spaß weiterführen zu können.
Was geht also neben dem neuen, bestialisch guten Stück von Mouse On Mars noch auf der neuen Labelpräsentation, die passend im Anschluss an die vor fast drei Jahren erschienene Sonig Rundschau namens “comp.” jetzt natürlich “.ilation” heißen muss? Auf alle Fälle eine große Menge erfrischender Sound- und Beatexperimente bekannter und neuer Acts wie Niobe, Wevie de Crepon (aka Wevie Stonder), Workshop, Dü, Aelters (ex-DAT Politics), Schlammpeitziger, So und Lithops. Wie das alles unter dem Dach Sonig zusammengeht und uns mit vertracktem Schwung durch den Frühling bringen wird, erklären Jan Werner und Frank Dommert.

FD:
Wir haben uns Ende 2001 überlegt, eine neue Compilation zu machen. Über das Zusammenstellen der Tracks bisheriger Sonig-Leute haben wir immer mehr dazubekommen. Auf einmal hatten wir dann den Plan für das ganze Jahr fertig. Es wird also ziemlich viel bei Sonig kommen, von fast allen wird es ein neues Album geben.
JW:
Sonig ist explodiert. Es gibt den Sonig-Stamm um Mouse on Mars, Oval, Microstoria, F.X. Randomiz, Vert und Scratch Pet Land. Und dann natürlich C-Schulz und Hajsch als die stillen, tiefen Wasser, die immer wieder gute Sachen abliefern, aber aus dem ganzen Diskurs-Update-Kontext raus sind (und pro Album locker mal vier Jahre im Studio versinken). Die alle arbeiten sich irgendwie an ihrer Wahrnehmung ab, die machen alle solche Musik, um für sich rauszufinden, was Musik eigentlich ist. Hajsch ist z.B. jemand, der eher aus einem elektro-akutischen oder konkreten Musikverständnis heraus Klänge betrachtet.

DEBUG:
Was hat es mit dem seltsamen belgischen Brüderpaar Baudoux (Scratch Pet Land und The Fan Club Orchestra) und ihren gigantischen schwarzen Spinnen auf sich?
FD:
Ich glaube, weil die Tochter von einem der beiden so große Angst vor Spinnen hat, hat er eine riesige Jeans-Spinne gebaut und schmeißt die immer aus dem Fenster im vierten Stock.
JW:
Das ist so eine Art Ritual. Er macht das auch in anderen Städten und die eigentliche Performance ist dann, dass er die Spinne aus dem Fenster schmeißt und dadurch auch die bösen Geister aus dem Studio vertrieben werden. Die Spinne ist wie eine überdimensionale Voodoo-Puppe. Scratch Pet Land haben sowieso ihre eigenen, sehr individualistischen Rituale, vor allem wenn du sie auf der Bühne siehst.
FD:
In Dänemark hat er z.B. mit einer Rolle Smarties – die war richtig schwer dort zu kriegen – den Rhythmus geschlagen. Als das Stück zuende war, hat er sie in einem Schlag aufgegessen.
JW:
Die haben alle ihre Fetische. Nicolas Baudoux scratcht auch und hat seine eigene Technik mit einem Schellenbund am Arm entwickelt. Die Sonig-Künstler haben alle ihre eigenen Verfahren, Musik zu bannen, und durch die Musik eine Idee von Musik zu entwickeln. Das bildet schön ab, was die Leute für eigene Rhythmen haben und was für ein Verständnis von Wahrnehmung, Geschwindigkeit und Komplexität sie haben.

Der rote Faden ist …

DEBUG:
Wo findet sich nun der rote Faden, der z.B. C-Schulz mit Oval und dem Fan Club Orchestra zusammenbringt?
JW:
Eigenheit ist der rote Faden. Je weniger man das Gefühl hat, jemand arbeitet sich an der Musik anderer ab, sondern an seiner eigenen …
FD:
… oder an sich selbst und hat sogar noch andere Einflüsse als musikimmanente. So wie z.B. Scratch Pet Land aus der Kunst, der improvisierten Musik und Turntablism kommen oder Kai Althoff von Workshop aus der Bildenden Kunst. Als Label wollen wir da aber auch nicht stark eingreifen, wir lassen ihnen den Freiraum.
JW:
Es muss auf jeden Fall für uns interessant sein zu verfolgen, an was die arbeiten. Es geht uns nicht darum, von jedem ein ultimatives Album abzusaugen oder eine Musik zu kriegen, die total auf den Punkt gebracht ist. Es müssen Leute sein, die echt an irgendwas dran sind. Und wir wollen das mitkriegen und dafür einen Platz bieten. So eine Platte ist im besten Falle auch nie fertig. Sie ist natürlich nicht nur allein deswegen interessant, sondern auch komplex, ausgearbeitet und individuell genug, so dass man Lust hat, sie zu hören. Die arbeiten alle sehr gründlich. Auch wenn die Sachen teilweise verzerrt oder sperrig sind, bestimmte Frequenzen fehlen oder das Arrangement zum perfekten Popsong fehlt, dann wollen die das auch so. Jeder bearbeitet auch sein eigenes Thema: Aelters z.B. scheitert ständig an der Software.

… der individuelle Arbeitswahn

DEBUG:
Die neue CD bzw. Sonig als Label stehen aber nicht nur vehement hinter dem individuellen Arbeitswahn ihrer Musiker. Auch der nahezu bedrohlichen Egalität von Musik per se (besonders aber der elektronischen) wird versucht, Einhalt zu gebieten. Das zeigt somit trotz aller fehlenden musikalischen Elitisierung nach der Selektion befreundeter Künstler die teilweise auch abweisende oder zumindest zurechtstutzende Haltung der Kölner.
JW:
Auf eine Art steht die Compilation auch gegen etwas: In jedem PC ist Musik drin. In den letzten Jahren ist natürlich auch alles auf CD gebrannt worden, was man überhaupt nur irgendwie aufnehmen kann. Und das, was Shareware-Programme sowieso schon abliefern, ist für viele Leute schon eigene Musik, vielleicht nur weil sie das Programm überhaupt öffnen konnten … Dieses Sich-lange-an-einer-Sache abarbeiten, um zu gucken, ob da nicht doch noch was ist, zeichnet alle auf der Compilation aus. Da ist keiner mit dem ersten Ergebnis zufrieden, die bleiben alle lange dran, haben ihre eigenen Verfahren entwickelt und bringen ihr eigenes Instrumentarium mit. Immer wieder den Rahmen zu sprengen und gucken, ob sich da nicht noch was öffnet, ist allen gemeinsam.
DEBUG:
Und was geht dir besonders auf die Nerven?
JW:
Die Idee, dass man Musik immer mehr auf den Punkt bringen kann, dass elektronische Musik bestimmte Dinge irgendwie komisch im Griff hat und alles irgendwie amalgamisieren kann. Als ob man alles in einen Zaubertrank hineinschmilzt.

Was natürlich .ilation bravourös widerlegt. Sonig signen schlichtweg keine Musiker, die besonderen Wert auf die Reduktion legen, um im minimierten Skelett den Hang zu ausgeleierten Musikgenres zu offenbaren oder um jeglicher wie auch immer nach außen gerichteter Referenz entfliehen zu können und ihr Heil womöglich im bloßen Geräusch oder im Kaum-Hörbaren suchen. Hingegen wird meist der Opulenz (nicht etwa zu verwechseln mit Opernhaftigkeit, Noise oder Überproduziertheit) genügend Freiraum gelassen, der als Konsequenz frischen, kreativen Ideen den unersetzlichen und nutzbaren Raum bietet.
Als das Gespräch doch noch auf Mouse on Mars übergreift, fällt der unwirkliche Satz Jan Werners: “Mouse on Mars-Musik ist wie eine Alternativ-Mainstreammusik. Na ja, das ist blöd gesagt …” ,hängt er zum Glück noch dran und bringt den anstehenden Erfolg des aktuellen Releases auf den Punkt: “Ich finde, die ganze Compilation könnte man komplett im Radio spielen. Wenn das so laufen würde, würden wir sagen, das wäre echt ein okayes Radioprogramm. Und wir hätten dabei nicht das Gefühl, wir würden jemanden nerven oder erziehen wollen. Es ist halt keine penetrante Andersartigkeit.”

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Elektronische Lebensaspekte.