Wer Frisöre, Milchaufbläser und Globetrotter glücklich macht, kann nur ein guter Mensch sein. Das Ohr an der Zeit und die Nase im Wind: So kommen flink 150 Veröffentlichungen zusammen. K7 ist bereit für die nächste numerische Schallmauer.
Text: kay meseberg aus De:Bug 74

WAS MACHT K7 ZU K7?
Auch nach 150 Veröffentlichungen immer noch eine offene Frage

Der Berg ruft. Der Monolith fängt mit K an, erhebt sich aus den Steppen der sandigen Weiten hinter Lehrter Hauptbahnhof und dem Club polar.tv. Pik K7 an der Heidestraße, Berlin. Der Labelchef mit dem richtigen Riecher Horst Weidenmüller und A+R-Gott (laut Intro) Stefan Strüver, genau der, der wirklich noch als einer der wenigen seiner Zunft in den Plattenladen geht und schwerbeladen heraustritt, bitten zum Interview: Zwischenbilanz zur 150ten K7-Veröffentlichung, einer Doppel-CD plus DVD mit pfiffigem Cover.

DeBug: Was macht K7 zu K7? Was macht K7 so unverwechselbar zu anderen Labeln?
Horst: Wir haben in den einzelnen Städten nicht so eine große Präsenz wie andere. Es ist vor allem in den letzten Jahren ein bisschen schwieriger geworden, K7 greifbar zu machen, irgendwo hinzugehen und K7 zu spüren. Das liegt daran, dass es bei uns die Prämisse “Internationalität” gibt. Wir verstehen uns nicht als deutsches Label. Wir verstehen uns als internationales Label. Das macht die Präsenz natürlich schwieriger. Wie willst du das machen? Willst du einmal die Woche eine Labelparty in Tokio, in New York, L.A., London, Berlin, usw.? Geht gar nicht. Das ist der Unterschied. Das ist für andere Labels viel einfacher. Das hat auch etwas dazu beigetragen, dass manche Leute meinen: K7 finde ich irgendwie gut, aber ich kann es nicht anfassen.
Stefan: Das hat auch damit zu tun, ist, dass sich K7 sehr über den Output der Künstler definiert. Eine Herbert-Platte klingt wie eine Herbert-Platte. Eine Ursula-Rucker-Platte klingt wie eine Ursula-Rucker-Platte. Und ich weiß jetzt nicht, ob man bei beiden Sachen davon reden kann, dass es so einen K7-Sound bedient. Darum ist es auch schwerer, uns zu greifen.

DeBug: Habt Ihr jemals Dankesbriefe von Café- und Barbesitzern erhalten?
Horst: … von Frisören, Massagesalons, Hornhautremove-Studios für Fußpilz. Also alles, was mit relaxen zu tun hat. (Gelächter)
Stefan: Also ich habe bis jetzt noch keinen Dankesbrief gesehen. Ich habe bisher nur eine gute Anmerkung zu der Platte, die du ansprichst, gehört. Dieser Kommentar war von Jazzy Jeff und er meinte, das ist keine Platte mehr, das ist ein Design-Gegenstand. Diese Platte macht aus einem guten Restaurant ein hippes Restaurant.

De:Bug: Ihr kommt in London an, geht einen Kaffee trinken und hört die K&D. Mich interessiert das Gefühl, dass euch dabei begleitet.
Horst: Das ist schön. Und wenn da noch mehr läuft als K&D, dann ist es noch schöner. (Gelächter)
Stefan: Ich höre ja nicht nur K&D von uns, wenn ich unterwegs bin. Ich war auch schon bei Agnes B. in New York und da lief Shantel. Wenn du heute irgendwo hingehst, hörst du entweder Gotan Project oder Röyksopp. Das wechselt sich schon ab. Es ist eine sehr gute Plattform, um Platten zu verkaufen. Der Barkeeper einer Bar sagt dir, welche Platte gerade läuft. Ein 08/15 Club DJ wird sich nur indigniert wegdrehen, wenn du ihn nach einem Stück fragst.
Horst: Für mich ist es schon ein gutes Gefühl, wenn du in einer fremden Stadt bist, in dieser fremden Stadt interessiert dich kulturell etwas ganz Bestimmtes, sei es ein Shop oder ein Café. Du kommst da rein und du merkst, dass du ein Teil dieser Kultur bist oder zumindest dazu beiträgst, indem die Musik läuft, an der du arbeitest.

DeBug: Euer Name heißt in jeder Sprache anders.
Horst: … das ist ja auch gut so, oder?
Stefan: Es lässt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten offen. Als ich noch nicht für K7 gearbeitet habe, war ich in Frankreich, und vor jedem Plattenshop stand ein großer Aufsteller: K7 (im Französischen übliches Kürzel für Kassette).
Horst: Und dann hast du mich angerufen und gesagt: Lass uns das zusammen machen. Was ihr in Frankreich aufgebaut habt, ist schon mal ganz gut. (Gelächter)
Stefan: Genau, was ihr am Start habt in Frankreich als deutsches Label. Wow, Respekt. Bis mir das später dann mal klar geworden ist.
DeBug: Was war für euch der wichtigste Schritt zu eurem heutigen Stand als Artist-Label?
Stefan: Wenn man sich die Geschichte von K7 anschaut, ist das eine Geschichte von Entwicklungen. Es ist nicht, einmal eine Idee haben und dann richtet sich alles danach. Es ist so, dass die Company seit der Gründung von Horst 1985 bis heute verschiedene Entwicklungen durchlaufen hat. Von einer TV-Produktionsfirma bis zu dem Plattenlabel, das wir heute sind. Das ist schon ein gewaltiger Schritt. Ein ganz wichtiger Moment war mit Sicherheit das Artist-Label. Ansonsten passieren die Sachen in einem sehr natürlichen Prozess.
DeBug: Liegen die heutigen Probleme von Indies vielleicht auch daran, dass die Zeiten des Hipsterdings, des heißen Scheiß – der die 90er geprägt hat – vorbei sind, da man dank Internet und MP3 viel näher an Entwicklungen sein kann?
Stefan: Das kann ich nicht so beurteilen, weil ich Musik aus dem Netz sehr unsexy finde. Für mich findet dieser Hipnessfaktor, dass einer mit einer Platte aus England kommt, nachwievor statt.
Horst: Ich glaube, das Problem, das du ansprichst, sind die Mechanismen der Mundpropaganda. Früher war’s einfach so: Der eine ist nach London gefahren, hat sich die Platte geholt, ist nach Hause gegangen, hat seinem Freund erzählt, das ist der heiße Scheiß, der Freund ist losgegangen, hat die sich auch besorgt und hat es allen Freunden erzählt. Und an einem Tag sind alle in den Plattenladen gegangen und haben sich die Platte gekauft. Jetzt entdeckt der Freund, der nach London fährt, die Platte und der Opinionleader kennt die schon seit drei Monaten als Mp3 und sagt: Du bist ja wirklich von gestern. In dem Moment kauft er die Platte nicht mehr. Und dieser ganze Zyklus tritt nicht mehr in Kraft. Das ist echt ein Problem. Es betrifft die Basis des Single-Marketings. Das Single-Marketing war: Alles fokussiert sich auf den einen Release und dann bauen wir darauf auf. Das geht nicht mehr. Man schafft es nicht mehr, bestimmte musikalische Impulse an einem bestimmten Datum zu starten.
DeBug: Was macht den K7-Kick aus?
Horst: Den Kick oder den Motivationsfaktor im Team merkt man, wenn man eine Platte am Start hat, die international zuckt, wenn du einfach siehst, wie elektronische Musik weltweit ausgearbeitet wird. Du kommst morgens ins Büro, hast Mails aus Japan da und guckst, was passiert ist, arbeitest tagsüber Europa ab und dann fliegt Amerika rein. Wie bei Tigas “Hot in Here” – das ist so ein klassisches Beispiel: Tiga macht den DJKicks, dann gibt es die Coverversion von “Hot in Here”, sein Bruder produziert das Video dazu. Das Video wird wahnsinnig gut. Bang, das Video geht in MTV Amerika auf Rotation. Wenn du jemandem erzählst, dass wir als K7 ein Video in Amerika auf Rotation bekommen haben, glaubt dir das keiner. Wir glauben es auch nicht.
Stefan: Aber was dann auch wieder auf das Team zurückkommt, ist so etwas wie Princess Superstar. Da haben wir die Single auf Platz elf in den englischen Singelcharts gehabt. Als Independent-Company, und als Independent-Company aus Deutschland ohne jeglichen Majorsupport auf diesen Platz zu kommen, das war für mich ein Punkt, an dem ich gesagt habe: Wow, also das finde ich jetzt richtig geil.
Horst: Bei solchen Sachen kommt auch wieder der 80er-Jahre-Stinkefinger durch, weil dir jeder erzählt: England ist der am härtesten umkämpfte Markt in Europa, da musst du dich mit einem ganz großen Tier einlassen, sonst geht da gar nichts. Hey. Fuck it. Ein super Künstler, eine gute Single, ein gutes Video, und Glück: Das geht. Das sind Sachen, die einfach Spaß machen, weil es konträr zu allen Konventionen im Musikbusiness ist.
Stefan: Grundsätzlich sieht man an solchen Sachen, dass man auf dem ganz falschen Weg nicht sein kann.
Horst: Ich will einfach zeigen, dass wir als K7 nicht unbedingt in die englischen Charts kommen müssen. Jedes hat seinen angemessenen Erfolg, jedes dringt durch. Wenn wir alles in die Charts bringen wollten, müssten wir eine komplett andere Firma sein, dann müssten wir uns erstmal hinsetzen und lange überlegen, ob wir das überhaupt wollen.
DeBug: Dann wäre ja auch der Support eines Majors notwendig. (Gelächter)

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Elektronische Lebensaspekte.