Gesundschrumpfen lautet die Devise bei den Vertrieben, 2003 mehr denn je. Die Label mögen vielleicht wie die Hölle releasen, aber die Plattenläden retournieren postwendend in gleichem Maße. Und der starke Euro macht alles noch schwerer. Die Krise der kleinen Label ist noch längst nicht zu Ende.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 78

Denk nicht an morgen
Es könnte ja noch schlimmer kommen

Scheiß Dollar. Doch echt. Nicht nur wegen Amerika und der generellen, europäisch-hochnäsigen Frage, ob unsere Platten wirklich in Texas im Laden stehen sollten, so es da denn überhaupt Läden gibt. Also der Dollar. Nach jahrelanger Hochpreispolitik amerikanischer Labels und horrenden Importpreisen, fangen die amerikanischen Vertriebe an, sich über den teuren Euro zu beschweren und fordern von europäischen Labels bessere Preise. Danke dafür. Dabei ist Amerika wichtiger als nie zuvor. Klein, übersichtlich und irgendwie krisensicher. Denn selbst in Europa schimpfen die Vertriebe, beispielsweise in Frankreich, einem Land also, in dem man froh sein kann, wenn man überhaupt zehn Kopien verkauft, einem Land, für das Infrastruktur ein Fremdwort ist, über die zu hohen Preise. Labels haben es nicht leicht. Und die Release-Flut kann man nur als Flucht nach vorne interpretieren. Alle wollen es wissen. Und wenn es im Plattenladen vielleicht den Eindruck macht, dass es so viel wunderbare Musik gibt, dass die Labels einfach nicht anders können, als mehr Platten als je zuvor zu veröffentlichen, ist das nur ein Teil einer größeren Geschichte. Die Luft im Plattenregal wird verdammt dünn.

Trifft man Vertriebsmenschen am Tresen, erzählen sie einem, das Jahr vor allem damit verbracht zu haben, ihr Programm auszudünnen, Labels rauszuschmeißen, sich auf die zu konzentrieren, die anständig verkaufen. Die kleinen Labels fallen raus, müssen wieder umstellen auf Eigenvertrieb, Auflagen zurückschrauben usw. Die anderen, die etwas größeren, haben gelernt, mehr oder weniger professionell zu arbeiten, kontinuierlich zu releasen und wollen es jetzt wissen. Es bleibt einem Label heute nichts anderes übrig, als mehr Präsenz zu zeigen, als das noch vor ein oder zwei Jahren notwendig gewesen wäre. 2002 galt als Krisenjahr. Das hat in den Indie-Strukturen der elektronischen Musik niemand wirklich gemerkt. 2003 war schon schwieriger. Und 2004 wird die Hölle.
Es ist doch so. Man beginnt ein Label, ist übervorsichtig, wächst langsam, immer innerhalb der kleinen Indiestrukturen. Die Chain-Stores interessieren einen nicht. Man hat schlimme Geschichten gehört. Über Retouren, also Vertriebe, die einfach unverkaufte Kopien zurückschicken, angegrabbelt oder nicht. Das gab es in Indiestrukturen nicht. Jetzt schon. Selbst, wenn Labels ihre Vertriebe auf Rechnung beliefern, hat es sich als eine Art einseitiges Gentleman’s Agreement durchgesetzt, dass die Vertriebe volles Retournierungsrecht haben. Autsch. Was bleibt, ist die Flucht nach vorn. Releasen. Eindruck schinden. Und hoffen, dass die Retouren einen nicht erschlagen. Ob das hilft, lässt sich noch nicht abschätzen. Die kleinen Label haben auf jeden Fall das Nachsehen. 2004 wird sich die Labellandschaft noch einmal sehr verändern. Und nicht zum Positiven.

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Elektronische Lebensaspekte.