Phont Music, Superbra, Speaker Attack und Morris Audio: vier Label, hinter denen eine einzige Person steckt. Stefan Riesen, Techno-Pionier aus Bern, betreibt das Label-Business ausschließlich in seiner Freizeit. Demos werden auf dem Weg zum Brotjob gehört und mit sicherem Ohr vor dem Familienabendbrot selektiert.
Text: Nick Luethi aus De:Bug 73

Stefan Riesens Label-Bukett blüht
Morris Audio et al

Aus dem Mehrfamilienhaus dringt Kindergeschrei. Es ist Klein-Glenn, der vor ein paar Tagen seinen ersten Geburtstag feiern konnte. Wie sein älterer Bruder Morris ist Glenn “Junior A&R” eines angesagten Techno/House-Labels. Nein, Morris und Glenn sind keine Wunderkinder, die im Alter von zwei Jahren jeden Schachcomputer bezwingen und mit drei ein Universitätsdiplom am Schnuller baumeln haben. Die beiden aufgeweckten Bürschchen sind Stefan Riesens Söhne. Zur Geburt hat ihnen Papa je ein Label gewidmet: Morris Audio dem älteren, die Citysport Edition dem jüngeren.

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Seit ein paar Monaten führst du mit der Citysport Edition ein Sublabel von Morris Audio. Weshalb?
Stefan Riesen:
In der vergangenen Zeit habe ich dermaßen viel gute Musik zugesandt gekriegt, die auf Morris Audio nicht Platz gefunden hätte. Außerdem habe ich das Profil von Morris Audio auf den Aspekt “Club and Home Entertainment” festgelegt – also Musik, die man im Club und auf dem Sofa hören kann. Die Citysport Edition soll stilistisch offener sein, das kann von Vocal-House bis zu clickigem Techno reichen. Aber immer im Morris Style.

In der Tat. Bernhard Pucher alias Brian Aneurysm alias Echopilot schraubt auf Citysport 01 bereits tüchtig an der Bandbreite des Möglichen und zeigt, was der Label-Boss mit “stilistisch offener” meint. Nicht unähnlich seiner jüngsten Veröffentlichung auf Sub Static rockt der Wahl-Texaner drauf los, sprengt Vocal-Fetzen ein und rundet mit wilden und bunten Samples die grundknarzigen Tracks ab.

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Citysport “Edition” klingt nach etwas Exklusivem.
Stefan Riesen:
Die Citysport-Platten erscheinen in einer limitierten Auflage. Mit dem schlichten aber einprägsamen Artwork von Lopetz (Büro Destruct) auf den Innenlabels der Vinylscheiben setze ich einen weiteren Akzent. Es soll eine Sammlerserie werden.

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Suchst du gezielt nach Artisten für Citysport?
Stefan Riesen:
Nicht unbedingt. Morris Audio Citysport soll eine Plattform für Talente und Newcomer sein. Der Kontakt zu den Artisten kommt unterschiedlich zustande. Brian Aneurysm zum Beispiel hat mich kontaktiert und gefragt, ob es auf Morris Audio Kapazitäten für ihn gäbe. Seine Tonbeispiele haben mir sehr gefallen, passten aber nur bedingt auf Morris Audio. So bot sich an, dass ich ihn auf dem neuen Sublabel unterbringe. Und die Idee einer neuen musikalischen Plattform hatte ich sowieso schon eine ganze Weile.

Wie für so viele Liebhaber zeitgenössischer Tanzmusik war auch für Stefan Riesen das Jahr 1988 – als Acid und Chicago-House definitiv nach Mitteleuropa rüber schwappten – der Schlüsselmoment. Die Zeit als Partygänger und Plattensammler mündete bei Riesen bald in eigene Kreativität. In den frühen 90er-Jahren legte er Ambient auf, später veröffentlichte er als Box Blaze diverse Acid-Platten. 1992 begegnete er einem gewissen Marco Repetto. Zusammen mit dem vormaligen Drummer der einzigen erfolgreichen Schweizer NDW-Formation ”Grauzone” realisierte Riesen Projekte wie Synectics auf dem englischen Kultlabel Rephlex oder a3000 bei den Italienern von Disturbance. Die Zusammenarbeit der beiden sollte noch mehrere Jahre erfolgreich weitergehen. Unter dem Management von Stefan Reisen erlangte das 1992 von Marco Repetto gegründete Label Axodya weltweite Anerkennung. Mit der Gründung von Phont Music beginnt 1998 die Geschichte von Riesens aktuellem Label-Bukett. Fast Jahr für Jahr ist seither ein neues Label dazugestoßen. Mit Morris Audio Citysport Edition sind es nun fünf.

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Wann siehst du den Zeitpunkt gekommen, ein neues Label ins Leben zu rufen?
Stefan Riesen:
Wann genau ist schwierig zu sagen. Das “wie” lässt sich schon einfacher begründen: Mein persönlicher Musikgeschmack war ein Ausschlag gebendes Moment. Das hört man zum Beispiel bei Phont Music, meinem ältesten Label, das für hardfunkin’ Techno steht. Morris Audio, das zweitjüngste Label, ist von meiner aktuellen familiären Situation geprägt. Da ich wegen meiner beiden Söhne viel zu Hause bin, mag ich derzeit Musik, die nicht nur Club-, sondern eben auch Sofa-tauglich ist. Deshalb werden in Zukunft auf Morris Audio auch vermehrt Alben veröffentlicht werden.
Es ist auch der Markt, der mich fast zwingt, regelmäßig und in nicht allzu großen Abständen zu veröffentlichen. Mache ich ein Jahr mal nichts, bin ich Weg vom Fenster. Es würde mir aber auch keinen Spaß machen, nur drei Platten pro Jahr zu veröffentlichen. Mit einem großen Output kann ich außerdem mehr Künstlern eine Plattform bieten.

Obwohl für Stefan Riesen gegenwärtig Morris Audio und die Neugründung Citysport Edition hohe Priorität genießen, laufen die anderen drei Labels auf kaum geringerer Intensität weiter. Auf Phont Music – wie Stefan Riesen sagt, sein “zweites Hauptlabel” – ist ein fettes Remix-Doppelpack von Riesens Freund Sam Geiser a.k.a. Deetron in der Pipeline. Deetrons Stücke werden von Adam Beyer, Funk D’Void, Samuel L Session, John Tejada und Gary Martin verhackstückt und neu zusammengesetzt. Speaker Attack hat jüngst den Vertrieb gewechselt und ist nun auch bei Intergroove. Nach einer einjährigen Pause rocken nun Mark Broom (im Deetron Remix), DJ Zank oder Skeletor wieder. Auf Superbra geht es mit Tech-House wie gewohnt weiter. Geplant ist auch hier ein Remix-Package mit “großen Namen” und eine Label-Compilation.

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Und was läuft eigentlich mit deinem Projekt Dialogue?
Stefan Riesen:
Im Studio arbeite ich weiterhin zusammen mit Niels Jensen als Dialogue. Live tritt jedoch nur Niels auf. Wir waren nun fast ein halbes Jahr nicht mehr im Studio, aber jetzt geht’s wieder rund. Eine EP, die eher den deepen Seiten zugeneigt ist, erscheint Ende des Jahres auf Trapez. Außerdem findet über Dialogue eine regelrechte Vernetzung von Labels und Artisten statt: So haben wir Tracks für kommende Compilations von Stattmusik und Tongut beigesteuert, auf Handheld erscheint eine Split EP von uns zusammen mit Handheld Label-Inhaber Canson. Im Gegenzug macht er eine Split bei mir auf Citysport. Weiter erscheint auch bald eine Split-EP zusammen mit Geoff White auf Edit.

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Zum Schluss doch noch die Frage: Fünf Labels, zwei Kinder und das alles neben einer Vollzeit-Anstellung als PR-Redakteur. Wie bringst du das alles unter einen Hut?
Stefan Riesen:
Das ganze ist eine Frage der Organisation und der Unterstützung durch die Familie. Rationelles Arbeiten ist gefragt. So höre ich mir oft Demos auf der Fahrt ins Büro an, um schon einen ersten Eindruck der Musik zu gewinnen. Wichtig ist auch, dass man möglichst viel im Voraus klar machen kann. Deshalb ist die Release-Planung für sämtliche Labels für 2003 schon abgeschlossen. Klar muss ich auch Abstriche machen. So habe ich etwa nur für Morris Audio einen Internet-Auftritt, mehr ist zur Zeit nicht drin. Die Buchhaltung kommt zwar nicht zu kurz, aber zu letzt. Doch auch mir wird’s manchmal fast ein bisschen zu viel.

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Wenn du schon das Geld ansprichst: Sind die Labels für dich mehr als ein Nullsummenspiel?
Stefan Riesen:
Mit Musik lässt sich schon Geld verdienen. Aber nicht so wie manche meinen: Platte aufnehmen und dann rollt der Rubel. Auftritte als DJ geben einiges mehr her als Plattenveröffentlichungen. Bei mir ist es so: Was rein kommt, wird gleich wieder in die Musik investiert.

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Elektronische Lebensaspekte.

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