Von Basel über Reykjavik nach Berlin und von Reinforced über Spore zu den Centraal Breakbeat Bionomics, Kharis O' Connel ist mit seiner Liebe zu Breaks weit herum gekommen. Egal, ob Drum and Bass oder Elektronika. Auf seinem neuen Label Central Breakbeat Bionomics lotet er die weite Welt der Polyrythmen aus.
Text: Orson Sieverding aus De:Bug 73

Let the Polyrhythm roll!
Remote Worker / Centraal Breakbeat Bionomics

Centraal Breakbeat Bionomics, kurz CBB, ist das Label von Thilo Fuchs und Kharis O‘Connel. Fand das letzte Interview mit Kharis vor ungefähr zwei Jahren noch in Basel statt (Debug 46) und besprach sein damaliges, mittlerweile nicht mehr existierendes Label Spore und sein Drum and Bass-Projekt Eniac & Searchengine , findet sich Centraal Breakbeat Bionomics jetzt in Berlin wieder. Die alten Tracks als Eniac & Searchengine wie “Benchmark“, “X-Plane“, “Bandwith“, “Logic Bomb“ oder “Tipa Molex“ auf Spore und Reinforced hatten wenig mit typischen Drum and Bass-Schemata zu tun, es wurden Fragen aufgeworfen, was Sound und Rhythmus betrifft. DJs und Publikum waren gefordert, sich den Breaks zu stellen, den Loop zu brechen.
“Protect Me From What I Want“ von Kharis als Remote Worker war Ende 2001 die erste Veröffentlichung auf Centraal Breakbeat Bionomics. Die Tracks auf der CD tragen die Idee von Soundprocessing und Polyrhythmus weiter, die Beats mit kleinen Sounds, clickrigen Momenten und dequantisierten Breaks grooven ziemlich gut. Ein Track wie “Vtrillik“ ist mit shiftenden Drums und abgedrehtem Funk einfach der Killer. Die aktuellsten Tracks von Remote Worker sind in den Sounds und Melodien, die nie wirklich mein Fall waren, reduzierter und vielleicht auch insgesamt einen Tick radikaler. Obwohl diese ganze Zuordnung und Einengung in bestimmte Genres unsinnig ist und das bestimmt auch mit der Grund dafür ist, dass “Protect Me From What I Want“ weitaus weniger mit Drum and Bass, sondern viel mehr mit Electronica zu tun hat, als die Produktionen von vor einigen Jahren, interessiert es mich, wie es zu diesem Wechsel der Stile gekommen ist. “Wie ich schon im letzten Interview erwähnt habe, gab es immer Einflüsse von Leuten wie Autechre, Boards of Canada, Schematic etc. Es war kein wirklich bewusster Wechsel. Ich habe da nie einen großen Unterschied gesehen, für mich war es einfach dasselbe, das Tempo ist zwar anders und der Sound ist nicht ganz so offensichtlich, aber ich habe das gleiche Feeling und die selben Einflüsse wie bei den Drum and Bass-Sachen. Das Problem war, dass ich Grenzen in Drum and Bass sah und unsere Stücke immer abstrakter wurden und wir wenig Interesse an der ganzen Szene hatten. Wenn du Drum and Bass produzieren willst, ist es dieses Tempo, dieser Stil. Ich wollte Tempi ändern und war auch am Timing der Tracks interessiert. Das ließ sich einfach nicht machen. Ich konnte nichts wirklich erforschen. Das hat mich frustriert. In einigen unserer Tracks wie ’Tipa Molex’ für Reinforced sind wir an den Punkt gekommen, den Style, die Signatur des Tracks zu ändern, doch das Drum and Bass-Tempo beizubehalten. Wir hatten viele Probleme damit, viele Leute haben das einfach nicht verstanden, so dass wir realisiert haben, dass wir einfach an anderen Dingen interessiert sind. Für mich war es eine Art logischer nächster Schritt, eine logische Entwicklung. Ich habe zwar noch einen Track mit Drum and Bass-Tempo gemacht und einen anderen für Devs Paradox Music Label, das ist eigentlich Electronica, hat aber noch diesen Drum and Bass-Rhythmus. Ich erschrecke irgendwie immer bei dem Gedanken, etwas speziell für ein Drum and Bass-Publikum zu machen, sofort kommen mir Beschränkungen und Formeln in den Kopf. Das reizt mich überhaupt nicht.“

Debug:
Wie sieht es bei all dieser Losgelöstheit von Formeln und Stilen mit der Herangehensweise an einen Track aus?
Kharis:
Bevor ich ein Stück mache, gibt es keine Idee oder einen Entwurf. Es ist mehr so, dass ich anfange, mit Sounds zu arbeiten, keine Melodien oder Harmonien, sondern mit der Textur des Sounds. Etwas, was ich vorher so noch nicht gehört habe. Oder ich nehme z.B. ein Violinensample und bearbeite es so weit, dass man immer noch entfernt vermuten kann, dass es ein traditionelles Instrument ist, es aber nicht so klingt. Mit den Sounds kann es manchmal wirklich sehr lange dauern, oft mache ich nur die Hälfte des Tracks und breche ab, selbst wenn die Struktur okay ist, weil ich es nicht mag, wenn die Sounds wiedererkennbaren Charakter haben oder sich nach irgendjemand anderem anhören. Ich mag es auch nicht, wenn es zu computermäßig und glitchy, granular klingt. Ich habe eher die Vorstellung eines organischen Computersounds. Die Arrangements ergeben sich dann eher zufällig.

Debug:
Und wenn du live spielst?
Kharis:
Da habe ich einen total anderen Ansatz. Wenn ich live spiele, finde ich es weitaus aufregender und spontaner. Ich mag es, wenn ich genauso überrascht bin wie das Publikum. Ich nehme Elemente meiner fertigen Produktionen, lade diese in “Live“ und nehme das als Ausgangspunkt. Manchmal wünsche ich mir, die Live-Tracks zu veröffentlichen, sie sind um einiges freier und du kommst während des Spielens auf ganz andere Ideen. Als ich das erste Mal live gespielt habe, das war im WMF, hatte ich verdammt Schiss, weil ich einfach keine Ahnung hatte, was ich eigentlich mache, aber es hat funktioniert und das hat mich angespornt, bei den Live-Sets immer mehr Risiken einzugehen. Mittlerweile sage ich mir, verdammt, es ist ein Live-Set, ich will keine Preset-Tracks abspielen, denn es geht mir nicht darum, meine EP oder was auch immer zu promoten.

Nach dem Remote Worker Album ist der Sampler “Hive“ die aktuellste Veröffentlichung auf CBB mit Tracks von Chico Rockstar und Frank Murder aus Island sowie Apparat und Modeselektor aus Berlin. Insgesamt ist “Hive“ zugänglicher als “Protect Me From What I Want“ und spiegelt mit schwebenden Flächen, floatenden Melodien, lässigen Basslines und Vocals sowie zersplitterten, bröseligen Beats und Geklicker die Vielseitigkeit des Labels wieder. “Wir haben eine klare Idee, was wir wollen, wollen uns aber gleichzeitig nicht in eine bestimmte Schublade wie IDM oder Indietronics stecken lassen. Mit Hive haben wir versucht, eine Art Überblick zu geben, wohin wir mit dem Label wollen. Es ging uns um den Unterschied zwischen Orten wie Island und Berlin als so genannte europäische Metropole, als urbaner dichter Raum, und wie das wiederum die Art beeinflusst, wie jemand Musik macht. Das ist die Idee, die Thilo und ich hatten. Das nächste Release ist das Chico Rockstar-Album. Es wird eine Menge Vocals haben. Sie benutzen viele bekannte Breakbeats, aber sehr processed und fucked up. Dann gibt es noch einen anderen Isländer, Traject, er hat einen sehr breiten, atmosphärischen, fast räumlichen Sound, ohne wirklich feste Struktur. Und ein Frank Murder-Release. Ich würde gerne mehr Sachen von Leuten aus anderen Ländern veröffentlichen, ich mag dieses internationale Feeling.“

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Elektronische Lebensaspekte.